Lieder des Römischen Carnevals - Erstes Lied

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Und warum nicht, heitere Muse, Lied und Lob dem Carnevale? Bienen konntest du besingen, Konntest schöne Frauen ehren, Selbst den Duft der Blumen preisen - Und warum nicht all die Schwärme Lust′ger, honigsüßer Feen, Rom in Kränzen und in Blumen?

Nein, dem trunknen Taumel geb′ ich Ungescheut mich hin, und singe, Singe meiner Lieder Weise; Wenn sie auch im Vaterlande Drob mich einen Thoren schelten, Dennoch sing′ ich, denn sie kennen Solche Lust und solch ein Fest Nur im Land der ew′gen Freude.

Doch, was wünsch′ ich mir zum Liede? Der Bacchantin Glut, des Gottes Brennend allbegeisternd Feuer? Oder deine Götterschalkheit, Aristophanes, ein wenig Nur vom Geiste deiner Maske? Wünsch′ ich, Grazien, eure Huld, Eure Schönheit, holde Veilchen?

Und begreift ihr′s nicht, und wolltet Ihr dem trunknen Sänger zürnen, O ihr sah′t von Samnesertes Obeliskus bis zum Grunde Zu des Kapitoles Stufen, Sah′t noch nicht die goldgestickten Bunten Purpurteppiche Von Balkon und Fenster wehen.

Schweiget still, ich bin im Süden; Weiße Flocken stäuben nieder, Aber welch ein Schnee? o schweiget! Ja, es ist ein wilder Hagel, Doch von Zucker, und die Erde Deckt er weiß, von Frauenhänden Träuft und stürmt er süß herab, Und bedeutet Frühlingstage.

Blumen fliegen auf und nieder; Ist es nicht, als strömten junge Neckisch kecke Liebesgötter Einen Regen hier von Rosen, Dort von Veilchen in die Straße; Nicht, als schleuderten sie lachend Im Triumph auf Tausende Zart verwundende Geschosse?

Hat vielleicht die Abendsonne Schön′re Farben, oder fänd′ ich Bunter noch die Mädchenreihen, So unübersehbar schimmernd, Wie sie sind? Der Sel′gen Jubel In Elysium, er klänge Wohl harmonischer als dies Tausendstimmige Geschrille?

Wo die Wirklichkeit zu finden, Das Gewöhnliche? Verzaubert Ist die Welt; der Mensch, er wandelt Wunderbar in seine Träume, Seine Wünsche, seine Sehnsucht, Seine Phantasie verkleidet, Wie er ist, er will sich nicht, Wie er möchte sein, nur zeigen.

Nur ein flüchtiger Bewohner Dieser Welt, zum Scherz geboren, Zum Moment, will er sein Dasein, Gleich dem Schmetterling genießen, Und dem dumpfen Haus der Puppe In vollendeter Entfaltung Nun entnommen, flattert er Buhlend unter seinen Blumen.

Jene mächtigen Paläste, Nur zur Lust des Augenblickes Scheinen sie gebaut, es gibt ja Kein Bedürfniß mehr, und Alles Dient dem Schwärmer nur zur Feier Seines Daseins, Noth und Sorgen Kannte ja die Puppe nur, Nicht der schmucke Sommervogel.

Und des eignen Lebens denk′ ich, Jenes schnell zerfloßnen Zaubers Meiner Kindheit, da die Erde, Da der Mensch mit seinen Räthseln Noch so farbenreich und magisch Dem befang′nen Sinn erschienen, Der Genuß der Gegenwart Mir das ganze Leben dünkte.

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Illustration zu Lieder des Römischen Carnevals - Erstes Lied

Interpretation

Das Gedicht "Lieder des Römischen Carnevals - Erstes Lied" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine begeisterte Hymne auf das römische Karnevalsfest. Der Dichter feiert die ausgelassene Stimmung, die bunte Vielfalt und die sinnliche Lust, die während dieser Zeit in der Stadt herrschen. Er vergleicht das Karnevalstreiben mit einem Honigbienenschwarm und preist die Schönheit der Frauen, die den Ort in Blumen und Kränze hüllen. Waiblinger beschreibt die Welt während des Karnevals als verzaubert und wunderbar. Die Menschen scheinen in ihre Träume, Wünsche und Phantasien gekleidet zu sein. Sie wollen ihr Leben wie einen Schmetterling im Moment genießen, statt sich von Sorgen und Nöten einengen zu lassen. Die prächtigen Paläste und die festliche Ausstattung dienen allein der kurzweiligen Lust am Dasein. In den letzten Versen beschwört der Dichter seine eigene Kindheit herauf, als die Welt noch voller Rätsel und Magie erschien. Der Genuss der Gegenwart schien damals das ganze Leben auszumachen. Mit dem Karneval kehrt diese sorglose, verzauberte Lebensfreude zurück - wenn auch nur für einen flüchtigen Moment.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Und des eignen Lebens denk' ich
Hyperbel
Es gibt kein Bedürfniß mehr, und Alles Dient dem Schwärmer nur zur Feier
Metapher
Und des eignen Lebens denk' ich, Jenes schnell zerfloßnen Zaubers
Personifikation
Jene mächtigen Paläste, Nur zur Lust des Augenblickes Scheinen sie gebaut
Symbolik
Weiße Flocken stäuben nieder
Vergleich
Meine Kindheit, da die Erde, Da der Mensch mit seinen Räthseln Noch so farbenreich und magisch Dem befang'nen Sinn erschienen