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Lieder des Römischen Carnevals – Achtes Lied

Von

Noch umflattern mich die frohen
Saturnalischen Gestalten,
Noch von jenem Rosenscheine
Fühl′ ich selig mich umwittert,
Noch von kindisch muntrer Schalkheit
Bald geschmeichelt, bald gefährdet,
Noch vom Lebenssturm umrauscht,
Der zum wilden Tanz begeistert.

Doch die Täuschung nur der Sinne,
Die Erinn′rung des Genusses
Ist es nur! Von keinem Fenster
Und Balkone weht ein Teppich,
Keine Veilchensträuße fliegen
Mehr zu schöngeschmückten Frauen,
Und der kurzen Zier beraubt,
Trauert Rom in seiner Stille.

Trübte sich das Lied des Sängers,
Bei der eigenen Enttäuschung,
Bei den langen Trauertagen
Mit gerechtem Schmerz verweilend?
Klagt′ es um der Liebe Freuden,
Um die Freunde, die Gespielen,
Um des Ruhmes goldnen Wahn,
Unersetzliche Verluste?

Könnt′ es aller Lust entsagen,
Und das Haupt, für Myrtenkränze
Bacchuslaub und sanfte Rosen,
Und vielleicht bestimmt für Lorbeer,
Sollte Todtenasche decken?
Nein, auch dies ist schon vorüber,
Und ein neues Leben scheint
Sich dem Sänger zu entfalten.

Denn der Frühling naht in seiner
Lieblichkeit, in süßer Wärme
Wacht er auf, und frohe Vögel
Singen in des Mandels Blüte;
Schwindet ja im holden Süden
Nie der Lenz, der schöne Jüngling,
Ganz hinweg – er schlummert nur
Kurze Zeit im Lorbeerschatten.

Und es regte nicht dem Sänger
Frühlingslust den frischen Busen?
Wenn die Mandelbäume blühen,
Keimte nichts in seinem Herzen?
Wenn die milden Lüfte jubeln
Vom Gesang der Vögel, griffe
Nicht zur Leier seine Hand,
Um ein heitres Lied zu singen?

Nein! Wer könnte solcher Allmacht,
Solcher Lockung widerstehen!
Neues fühlt er in sich werden,
Manche Hoffnung sich erfüllen,
Eine Zukunft, leicht und selig,
Sieht er fern herüberschweben,
Sei′s auch, daß er hier sie nicht,
Im Elysium doch erreiche!

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Gedicht: Lieder des Römischen Carnevals - Achtes Lied von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder des Römischen Carnevals – Achtes Lied“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger spiegelt eine melancholische Betrachtung des Karnevals in Rom wider, wobei der Dichter zwischen der Erinnerung an die vergangenen Freuden und der Hoffnung auf einen Neuanfang schwankt. Der Karneval, einst erfüllt von Festlichkeit und Lebenslust, scheint nun vergangen zu sein, zurückgelassen in einer Zeit der Täuschung und Vergänglichkeit. Der Dichter, umgeben von den Geistern der vergangenen Festlichkeiten, empfindet ein Gefühl der Wehmut und des Verlustes.

Die ersten beiden Strophen beschreiben eindrücklich die Nachwirkung des Karnevals und die damit verbundenen Gefühle. Das „Rosenscheine“ und die „kindisch muntrer Schalkheit“ der „saturnalischen Gestalten“ lassen auf eine Zeit der Freude und Unbeschwertheit schließen, die jedoch nur noch in der Erinnerung existiert. Die Abwesenheit der äußeren Zeichen des Festes – die fehlenden „Teppich“ und „Veilchensträuße“ – unterstreicht die Leere und die Trauer, die Rom nun in seiner Stille umhüllt. Der Dichter scheint sich von der Realität des Karnevals-Vergnügens entfremdet zu haben, wobei die „Erinnerung des Genusses“ zur „Täuschung“ wird.

Die dritte und vierte Strophe drücken die Frage nach dem Schmerz und der möglichen Aufgabe des Sängers aus. Klagt der Dichter über die verlorenen Freuden der Liebe, der Freunde und des Ruhmes? Die rhetorische Frage deutet auf die Möglichkeit hin, sich ganz der Trauer hinzugeben. Doch dann kommt die überraschende Wendung: Die Aussicht auf einen Neuanfang, symbolisiert durch den Frühling, der sich ankündigt, durchbricht die Melancholie.

Die letzten beiden Strophen beschreiben die allmähliche Rückkehr der Hoffnung und der Lebensfreude. Der Frühling, als Metapher für neues Leben und neue Möglichkeiten, erweckt den Dichter aus seiner Trauer. Die „frohen Vögel“ und die blühenden „Mandelbäume“ laden zu neuem Gesang und neuer Lebensfreude ein. Obwohl der Dichter die Vergänglichkeit der Freuden des Karnevals erkannt hat, wird er von der „Allmacht“ des Frühlings und der „Lockung“ des neuen Lebens erfasst. Er blickt hoffnungsvoll in die Zukunft, selbst wenn er diese möglicherweise nicht vollständig im „Elysium“ erreichen wird. Das Gedicht schließt mit einem optimistischen Ausblick auf eine „leichte und selige“ Zukunft.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.