Lieder der Untreue - Sechstes Lied

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1799

Dein gedenk′ ich, Nazarene, Wenn das Schiff mich nach dem Eiland Theokrits, auf griech′sche Erde, Nach der Heimat des Ulysses, Ueber′s weite Meer entführt.

Aber unsre Wünsche schwinden Oft wie Rauch dahin; der Frühling Er erfreut, und wir genießen Wohl den Balsamduft der Blüten, Doch die reifen Früchte nicht.

Glüht uns auch die volle Traube Schon entgegen, lechzt der Gaumen Nach dem Trunke, so entführet Uns der Gott im Sinnenrausche Den gebornen süßen Wein.

Nie mehr soll ich denn die Felsen, Nimmermehr die Feigenhügel, Luft′ge holde Schattenwege Der Kastanienhaine, nimmer Mein Olevano mehr sehn?

Nimmermehr der Serpentara Rauhe wilde Wand besteigen, Nimmermehr die schönen Berge Tief im Lichtblau eines sanften Mädchenauges lächeln sehn?

Weil sie meinem Leben drohen, Und mich hassen, wie den Pluto, Der dem blumenvollen Enna Mit verwegner Kraft die schönste Schäferin hinweggeraubt?

Sei′s denn, liebe Nazarene, Ob wir auch uns wiedersehen, Ob du mit dem Nonnenschleier Auch vertauschest deine farb′ge Feenhafte Zaubertracht,

Eine Schuld doch muß ich sühnen, Eine andere begehend, Einer meine Treue brechend, Einer andern sie bewahrend, Beiden meine Reue weihn.

Zwar die Schönste bleibst du immer Deines reizenden Geschlechtes, Zwar vollkommner malte Sanzio Nie ein Weib, und nie Correggio Einer Grazie Wunderbild.

Doch es gibt ein Herz voll Liebe, Voll Geduld und Treu und Langmuth, Wie′s in seiner geist′gen Schöne, So lebendig, leidend, fühlend, Ariosto nicht besang.

Alles schuld′ ich ihm, vor allen Dieses Herz! Ich kann′s nicht theilen, Und damit nicht seine Leiden Ueber unsern Frevel kommen, Sag′ ich dir mein Lebewohl!

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Illustration zu Lieder der Untreue - Sechstes Lied

Interpretation

Das Gedicht "Lieder der Untreue - Sechstes Lied" von Wilhelm Friedrich Waiblinger handelt von der Sehnsucht des lyrischen Ichs nach seiner Heimat und der Erinnerung an die geliebte Frau Nazarene. Der Sprecher befindet sich auf einem Schiff, das ihn von seiner Heimat wegführt, und erinnert sich an die Schönheit der Landschaft und der Frau, die er zurücklässt. Das Gedicht beschreibt die Vergänglichkeit von Wünschen und die Unmöglichkeit, alle Freuden des Lebens zu genießen. Der Sprecher fragt sich, ob er jemals wieder die Felsen, Hügel und Berge seiner Heimat sehen wird und ob die Frau, die er liebt, ihn jemals wiedersehen wird. Er beschreibt die Schönheit der Frau und vergleicht sie mit den Meisterwerken von Sanzio und Correggio. Das Gedicht endet damit, dass der Sprecher beschließt, seiner neuen Liebe treu zu bleiben, obwohl er sich seiner Untreue gegenüber der Frau, die er zurücklässt, bewusst ist. Er bittet um Vergebung und sagt ihr Lebewohl, da er nicht in der Lage ist, sein Herz zu teilen und das Leiden seiner neuen Liebe zu vermeiden.

Schlüsselwörter

nie nimmermehr nazarene ueber mehr sehn schönste liebe

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Stilmittel

Allusion
So lebendig, leidend, fühlend, / Ariosto nicht besang
Anspielung
Wie den Pluto, / Der dem blumenvollen Enna / Mit verwegner Kraft die schönste / Schäferin hinweggeraubt
Hyperbel
Nimmermehr der Serpentara / Rauhe wilde Wand besteigen
Kontrast
Ob du mit dem Nonnenschleier / Auch vertauschest deine farb'ge / Feenhafte Zaubertracht
Metapher
Alles schuld' ich ihm, vor allen / Dieses Herz!
Personifikation
Der Frühling / Er erfreut, und wir genießen / Wohl den Balsamduft der Blüten, / Doch die reifen Früchte nicht.
Vergleich
Doch es gibt ein Herz voll Liebe, / Voll Geduld und Treu und Langmuth, / Wie's in seiner geist'gen Schöne, / So lebendig, leidend, fühlend