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Lieder der Untreue – Sechstes Lied

Von

Dein gedenk′ ich, Nazarene,
Wenn das Schiff mich nach dem Eiland
Theokrits, auf griech′sche Erde,
Nach der Heimat des Ulysses,
Ueber′s weite Meer entführt.

Aber unsre Wünsche schwinden
Oft wie Rauch dahin; der Frühling
Er erfreut, und wir genießen
Wohl den Balsamduft der Blüten,
Doch die reifen Früchte nicht.

Glüht uns auch die volle Traube
Schon entgegen, lechzt der Gaumen
Nach dem Trunke, so entführet
Uns der Gott im Sinnenrausche
Den gebornen süßen Wein.

Nie mehr soll ich denn die Felsen,
Nimmermehr die Feigenhügel,
Luft′ge holde Schattenwege
Der Kastanienhaine, nimmer
Mein Olevano mehr sehn?

Nimmermehr der Serpentara
Rauhe wilde Wand besteigen,
Nimmermehr die schönen Berge
Tief im Lichtblau eines sanften
Mädchenauges lächeln sehn?

Weil sie meinem Leben drohen,
Und mich hassen, wie den Pluto,
Der dem blumenvollen Enna
Mit verwegner Kraft die schönste
Schäferin hinweggeraubt?

Sei′s denn, liebe Nazarene,
Ob wir auch uns wiedersehen,
Ob du mit dem Nonnenschleier
Auch vertauschest deine farb′ge
Feenhafte Zaubertracht,

Eine Schuld doch muß ich sühnen,
Eine andere begehend,
Einer meine Treue brechend,
Einer andern sie bewahrend,
Beiden meine Reue weihn.

Zwar die Schönste bleibst du immer
Deines reizenden Geschlechtes,
Zwar vollkommner malte Sanzio
Nie ein Weib, und nie Correggio
Einer Grazie Wunderbild.

Doch es gibt ein Herz voll Liebe,
Voll Geduld und Treu und Langmuth,
Wie′s in seiner geist′gen Schöne,
So lebendig, leidend, fühlend,
Ariosto nicht besang.

Alles schuld′ ich ihm, vor allen
Dieses Herz! Ich kann′s nicht theilen,
Und damit nicht seine Leiden
Ueber unsern Frevel kommen,
Sag′ ich dir mein Lebewohl!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Lieder der Untreue - Sechstes Lied von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder der Untreue – Sechstes Lied“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Thema Untreue, Liebe und Verlust, eingebettet in eine malerische Landschaft Griechenlands und Italiens. Der Dichter befindet sich auf einer Seereise, die ihn an Orte wie das Eiland Theokrits und die Heimat des Odysseus führt, und reflektiert über seine Gefühle und Entscheidungen. Die „Nazarene“ wird als Adressatin und vielleicht als ehemalige Geliebte angesprochen, was dem Gedicht eine persönliche Note verleiht. Der Autor scheint sich von seiner Vergangenheit zu lösen und einen neuen Weg einzuschlagen, obwohl er die Schönheit der verlorenen Liebe weiterhin bewundert.

Die erste Hälfte des Gedichts ist von Melancholie und der Schönheit der Natur geprägt. Der Dichter denkt über die Vergänglichkeit der Wünsche und Freuden nach, die oft wie Rauch verfliegen, bevor sie vollends genossen werden können. Er beschwört Bilder von blühenden Gärten, reifen Früchten und dem süßen Wein, der ihm durch den „Gott im Sinnenrausche“ entzogen wird. Diese Naturmetaphern dienen nicht nur zur Schaffung einer sinnlichen Atmosphäre, sondern symbolisieren auch das Vergehen von Zeit und Glück. Die Sehnsucht nach den Orten seiner Vergangenheit wie Olevano und der Serpentara unterstreicht den Verlust und die Trennung.

In der zweiten Hälfte des Gedichts wird die Entscheidung des Dichters deutlicher. Er scheint sich von der „Nazarene“ abzuwenden, weil sie seine Liebe, die er einer anderen Frau versprochen hat, gefährdet. Diese Frau wird als „Herz voll Liebe, Voll Geduld und Treu und Langmuth“ beschrieben, eine, die in ihrer geistigen Schönheit von Ariosto noch nicht besungen wurde. Der Dichter fühlt sich ihr gegenüber schuldig und entscheidet sich, sein Herz nicht zu teilen, um ihr Leid zu ersparen. Diese Entscheidung ist von tiefer Reue und dem Wunsch nach Sühne geprägt. Er ehrt somit sowohl die Nazarene, indem er sie als die Schönste seines Geschlechts beschreibt, als auch die neue Liebe, der er seine Treue widmen möchte.

Waiblingers Sprache ist von romantischer Sehnsucht und einem Hang zur Melancholie geprägt. Der Wechsel von Naturmetaphern zu persönlichen Bekenntnissen verleiht dem Gedicht eine besondere Intensität. Die Verwendung von Anaphern wie „Nimmermehr“ und die detaillierten Beschreibungen der Landschaften erzeugen ein starkes Gefühl von Verlust und Wehmut. Die bewusste Entscheidung zur Untreue, die aus Liebe zu einer anderen Frau resultiert, ist ein zentrales Paradoxon des Gedichts. Es zeigt die Komplexität menschlicher Emotionen und die Konflikte zwischen Leidenschaft, Treue und Verantwortung. Die abschließenden Worte „Sag′ ich dir mein Lebewohl!“ unterstreichen die endgültige Trennung und die tiefe Trauer des Dichters.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.