Lieder der Untreue - Fünftes Lied

Wilhelm Friedrich Waiblinger

unknown

O wie gern, mein zartes Liebchen, Macht′ ich dich zu meinem Weibe; Zwar ich bin noch jung an Jahren, Aber ziemlich alt am Herzen, Bin allein, der Freunde viele Hab′ ich, aber keinen Freund, Und doch wünsch′ ich noch mir Liebe.

Ja, wie wollt′ ich dann dir leben, Deine Tage fröhlich machen, Deinen stillsten Wunsch erfüllen, Deinen Willen nur befolgen, Deine trüben Launen tragen, Und zufrieden sein, wenn du Nur ein herzlich Wort mir sagtest.

Aber Kind, des Capitoles Nun so tempelloser Hügel, Und des Forums heil′ge Reste, Und der sieben Berge Schwermuth, Und des alten Tibers Strömung, Raffael, und der ihm gleicht, Dieser milde reine Himmel!

Welch ein Himmel, o Geliebter, Blühte dir in unverdorbner Häuslich frommer Still′, im Arme Deines Weibes, groß und mächtig Sieht Rom′s Welt dich an, doch leider Ist von allem dem nichts dein, Nur dein Liebchen ist dein eigen.

Aber bin ich nicht ein Sänger, Der die Leier auf der Schulter, Allenthalben nach dem Schönen, Nach dem Herrlichen muß pilgern? Hier im Süden sing′ ich freier, Und unsterblich einst zu sein, Soll das ew′ge Rom mich lehren.

Aber glücklich dich zu fühlen, Liebster, könnt′ ich es dich lehren, Komm zurück in deine Heimat, Deinen Liedern lausch′ ich, alle Weiß ich treu dir herzusagen, Keiner liebt sie ja, wie ich, Wenn ich auch dich selbst mehr liebe.

Denke, daß Girgenti′s Tempel, Daß des Aetna rauchend Schneehaupt, Der Cyclopen Fabelinsel Und die schönen Nachbarmeere, Daß ich noch Odysseus Eiland, Und das theure Griechenland Nicht begrüßt, gesehen habe.

Morgens weckte schon mein Kuß dich, Und du wärst im eignen Hause, Wohlgepflegt vom eignen Weibe, Wärst in Reinlichkeit und Ordnung, Ja, ich hülfe dir im Dichten, Und geduldig ließ ich mir Tage, Nächte lang dictiren.

Sagtest du ein Wort der Wahrheit, Schön und gut, voll Herz und Seele, Dann umhalst′ ich dich, und dankte Dir mit wahreren Gefühlen Als die kalte Welt; den Dichter Fürcht′ ich noch in dir, doch dann Müßt′ ich, wie dich selbst, ihn lieben.

Säh′ ich deine Stirn gerunzelt, Wollte dir der böse Dämon, Wie du′s nennst, das Herz beschatten, Dann umschläng′ ich dich, mit Worten Und mit Scherzen dich erheiternd; Bin ich auch an Worten arm, Hab ich doch ein Herz voll Liebe.

Wärst du müde von der Arbeit, Dann für deine Ruhe sorgt′ ich, Könntest mir am Busen schlafen, Alles macht′ ich dir bequemlich, Und du müßtest selbst gestehen, Besser sorgt ein Weib für dich, Das dich liebt, als deine Welschen.

Wolltest du allein sein, ließ ich Dich in tiefer Stille, wartend, Bis du selbst mich riefst, und endlich, Liebster Mann, laß mich′s bekennen, Müßt′ ich auch vor dir erröthen, Brächt′ ich dir ein lächelnd Kind, Das dir ähnlich ist, entgegen -

Schweige, Liebchen, solchem Glücke Schmilzt mein Herz, und trauernd such′ ich, Wodu sei′st, doch wie die Lipp′ auch Nach der deinen brennt, so sind wir Für den Kuß uns doch zu ferne, Laß mich in der Einsamkeit Nicht zu sehr mich einsam fühlen.

Stille Gärten grünen drunten Vor dem Fenster mir, es schweiget Alles hier, denn Rom ist stille, Und im morgendlichen Dufte Schau′n die Trümmer der Cäsare Nur mich an, ich denke dein, Aber, Kind, mit welcher Liebe?

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Lieder der Untreue - Fünftes Lied

Interpretation

Das Gedicht "Lieder der Untreue - Fünftes Lied" von Wilhelm Friedrich Waiblinger handelt von der Sehnsucht nach Liebe und dem Wunsch, einen geliebten Menschen zu heiraten und ein glückliches Leben mit ihm zu führen. Der Sprecher imaginiert ein gemeinsames Leben voller Zärtlichkeit, Fürsorge und kreativer Zusammenarbeit, bei dem er dem Geliebten in allen Lebenslagen beisteht und ihn in seiner Arbeit als Dichter unterstützt. Das Gedicht wechselt dann den Fokus auf die Pracht und den Glanz Roms, das den Geliebten bewundert, aber nicht besitzen kann. Der Sprecher erkennt, dass nur er selbst den Geliebten wirklich lieben und verstehen kann. Er sieht sich selbst als Sänger, der die Schönheit der Welt erkunden und in seinen Liedern festhalten möchte, wobei Rom ihm dabei Inspiration und Unsterblichkeit verleihen soll. Im letzten Teil des Gedichts drückt der Sprecher den Wunsch aus, dem Geliebten Glück und Zufriedenheit zu schenken und ihn in seine Heimat zurückzubringen. Er imaginiert ein harmonisches Zusammenleben, in dem er sich um den Geliebten kümmert und ihn in seiner Arbeit unterstützt. Der Sprecher betont, dass er den Geliebten mehr liebt als jeder andere und dass seine Liebe bedingungslos ist, selbst wenn der Geliebte in einer schlechten Stimmung ist oder allein sein möchte. Das Gedicht endet mit einer melancholischen Note, in der der Sprecher seine Einsamkeit und Sehnsucht nach dem Geliebten zum Ausdruck bringt, während er in der Stille Roms an ihn denkt.

Schlüsselwörter

liebe selbst herz liebchen kind rom wärst stille

Wortwolke

Wortwolke zu Lieder der Untreue - Fünftes Lied

Stilmittel

Alliteration
Und mit Scherzen dich erheiternd
Anapher
O wie gern, mein zartes Liebchen, Macht' ich dich zu meinem Weibe; Zwar ich bin noch jung an Jahren, Aber ziemlich alt am Herzen, Bin allein, der Freunde viele Hab' ich, aber keinen Freund, Und doch wünsch' ich noch mir Liebe.
Apostrophe
O wie gern, mein zartes Liebchen
Hyperbel
Dieser milde reine Himmel!
Kontrast
Aber Kind, des Capitoles nun so tempelloser Hügel, Und des Forums heil'ge Reste, Und der sieben Berge Schwermuth, Und des alten Tibers Strömung, Raffael, und der ihm gleicht, Dieser milde reine Himmel!
Metapher
Stille Gärten grünen drunten
Personifikation
Die Trümmer der Cäsare Nur mich an
Vergleich
Wie du's nennst, das Herz beschatten