Lieder der Untreue - Erstes Lied
1893Bald, Geliebter, schickt der Vater Mich nach Rom ins Nonnenkloster, Täglich bitt′ ich ihn, es bittet Täglich auch die gute Mutter, Endlich naht das Wiedersehen Endlich von Olevano Scheid′ ich, und vielleicht auf immer.
Könnt′ ich, schöne Nazarena, Deine Hoffnung dir erfüllen, Jene Träume, die ich spielend Mit dem Feuerhauch der Sehnsucht Dir im Herzen aufgeblasen, Deren Süßigkeit und Glut Ich verwegen mit dir theilte.
Hab′ ich mich nicht, mein Geliebter, Ganz dir anvertraut? Die Heimat, Unsre Felsen, unsre Berge, Gern verlass′ ich sie, die einz′ge Tochter bin ich meiner Eltern, Dennoch folg′ ich dir, mein Herz, Wenn nur du getreu mir bleibest.
Gutes Kind, du füllst mit Wehmuth Und mit Reue mir die Seele! Soll ich meine Schuld bekennen? Gleich der sommerlichen Raupe Spann ich mich in deinem Herzen Traulich ein, als Schmetterling Muß ich nun ins Weite fliegen.
O was hör′ ich, wär′ es möglich? Hätt′ ich wohl dein Wort verstanden? Dich verlör′ ich, und entfaltet Hier in dieses Herzens Wärme Flögest du davon, du ließest Mich am traur′gen Webestuhl, Und du zögst in andre Länder?
Was vermöcht′ ich dir zu sagen, Ohne schmerzlich zu bereuen, Was ich blind an dir verschuldet, Ohne schmerzlich zu empfinden, Was ich dir und mir verschwiegen, Was ich dir und Ihr gethan, Dir und Ihr gebrochen habe.
O was sagst du, mich betrogen Hättest du, die ich ins Kloster Dir zu Liebe gehen wollte, Die ich träumte mit dem Herbste Meiner Liebe Frucht zu ernten. Heimat, Eltern, Vaterland, Selbst die Sprache dir zu opfern?
Nenn′ es nicht Betrug, und willst du, Ach, so sage lieber, daß ich Dieses eigne Herz betrogen Mit dem schmeichlerischen Wahne, In des Südens goldnen Lüften In den Schlummer es gelullt, Draus die Schuld es nun erwecket.
Guter Himmel, nach so langen Schweren Zweifeln doch verrathen? O was wird die Mutter sagen? Wie das ganze Dorf mich schmähen, Wie die Mädchen meiner spotten, Ach und wie mein armes Herz Seinen süßen Wahn beweinen!
Tröste, schöne Nazarena, Tröste dich, noch ist′s im Dunkel, Und wir sind noch nicht geschieden; Aber höre, wenn ich fühle, Daß ich doppelt mich verschuldet, Sei es eine schöne That, Die mich doppelt auch entsühne.
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Interpretation
Das Gedicht "Lieder der Untreue - Erstes Lied" von Wilhelm Friedrich Waiblinger handelt von einer tragischen Liebesgeschichte zwischen dem Sprecher und Nazarena. Der Sprecher, der sich als Mann präsentiert, offenbart seine tiefe Liebe zu Nazarena, die bald in ein Kloster geschickt wird. Er erinnert sich an die schönen Momente, die sie miteinander verbracht haben, und gesteht, dass er ihr Hoffnungen gemacht hat, die er nicht erfüllen kann. Er drückt seine Schuldgefühle aus und bereut, dass er ihr das Herz gebrochen hat. Die zweite Strophe zeigt die Verzweiflung des Sprechers, als er erfährt, dass Nazarena ihn betrogen hat. Er ist schockiert und fühlt sich verraten, da er bereit war, alles für sie aufzugeben. Er beschuldigt sich selbst, ihr das Herz gebrochen zu haben, und fragt sich, wie er ihr das erklären soll. Er bedauert, dass er ihr die Wahrheit verschwiegen hat und dass er ihr und sich selbst geschadet hat. In der letzten Strophe versucht der Sprecher, Nazarena zu trösten und ihr zu versichern, dass sie noch nicht getrennt sind. Er erkennt jedoch, dass er sich doppelt verschuldet hat und dass er eine schöne Tat vollbringen muss, um sich zu entsühnen. Das Gedicht endet mit einem Hauch von Hoffnung, dass der Sprecher in der Lage sein wird, seine Schuld zu sühnen und die Beziehung zu retten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mit dem schmeichlerischen Wahne
- Anapher
- Was vermüht' ich dir zu sagen, / Ohne schmerzlich zu bereuen, / Was ich blind an dir verschuldet, / Ohne schmerzlich zu empfinden, / Was ich dir und mir verschwiegen, / Was ich dir und Ihr gethan, / Dir und Ihr gebrochen habe
- Hyperbel
- Selbst die Sprache dir zu opfern
- Metapher
- Gleich der sommerlichen Raupe / Spann ich mich in deinem Herzen / Traulich ein, als Schmetterling / Muß ich nun ins Weite fliegen
- Personifikation
- Mit dem Feuerhauch der Sehnsucht
- Rhetorische Frage
- O was hör' ich, wär' es möglich? / Hätt' ich wohl dein Wort verstanden?
- Vergleich
- Gleich der sommerlichen Raupe