Lieder der Untreue - Drittes Lied

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Ja, mein Kind, ich fühl′s mit Freuden, Was du einmal mir gewesen, Und mit Schmerz und bittrer Rene, Was du noch mir bist, von allem Menschlichen bist du das Liebste Mir, das Göttlichste, von allem Göttlichen das Menschlichste.

Nur ein einfach schlichtes Wesen Bin ich, von den hohen Dingen, Die in deinem Munde schweben, Bin ich nichts, ja selbst das wen′ge, Was ich bin, und was ich habe, Dank′ ich einzig nur der Liebe, Hab′ ich einzig nur von dir.

Hättest du von mir auch alles, Kraft und Fülle der Gedanken, Alles Gold und alle Perlen Dieser Erde, dennoch hätt′ ich Höh′res noch von dir, der reinsten Unerschütterlichsten Liebe, Und der frömmsten Treue Bild.

Ist′s ein Wunder, daß ich liebe, Daß ich dir nur leb′ und athme? Ist′s ein Wunder, wenn das Veilchen Treu im Sonnenschein sich freuet, Liebt die Lüfte nicht der Vogel, Nicht die Biene süßen Honig, Und das Herz Unsterblichkeit?

Und ich konnte dein vergessen, Konnt′ im Zauberduft des Südens, Konnt′ auch in Hesperiens Wollust Dem Sirenenliede folgen, Konnte deinem treuen Herzen, Meinem deutschen Liebchen konnt′ ich Also lohnen mit Verrath?

Wußt′ ich′s ja, du bleibst mir immer Bleibest gut, es hat die Einfalt, Hat mein niedrig Bild, die Schwäche, Mein befangner Geist der Größe Deines Roms nicht halten können, Du vergaßest mich ein wenig, Denn die Heimat liebst du nicht.

Aber dich! Mein Kind, du hörtest Schon von alten kühnen Helden, Daß ein Zauber sie umfangen, Bradamante schien vergessen, Und ich bin kein Held, ein Sänger Bin ich nur, der gern von Helden, Lieber noch von Liebe singt.

Ach ich armes Kind vermag ja Keinen Lorbeer dir zu geben, Nur mit Myrtenkränzen kann ich, Nur mit Küssen dich beschenken, Und im Drang nach größern Dingen, Unter Roms Ruinen denkst du Freilich nicht ans Liebchen mehr.

Schweifend über Berg und Meere, Durch der Länder weite Strecken, Im Geräusch der Städte, Fremden Stets ein Fremder, lernt′ ich kennen, Wie ein liebend Herz zu ehren, Mit der Heimat unversöhnbar, Was du dem Verbannten bist.

Wär′ ich′s ihm, vor Freude weint′ ich, Aber was wohl fänd′ er jetzt noch In dem deutschen Mädchen? Ehre, Ruhm ist höher dir als Liebe, Meine Jugend nahmst du längst schon, Arm ist nur mein Kopf, an Leiden Und an Lieben reich mein Herz.

O hör′ auf, geliebte Seele, Mich mit deiner sanften Demuth, Deiner Herzenskraft und Schöne Mich vor dir in Staub zu werfen. Ich verachtete die Menschen, Treulos nannt′ ich sie, und blieb doch Einem Engel selbst nicht treu.

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Illustration zu Lieder der Untreue - Drittes Lied

Interpretation

Das Gedicht "Lieder der Untreue - Drittes Lied" von Wilhelm Friedrich Waiblinger handelt von den komplexen Gefühlen des lyrischen Ichs gegenüber seiner Geliebten. Es drückt tiefe Liebe und Dankbarkeit für die Zuneigung der Geliebten aus, zugleich aber auch Schuldgefühle und Selbstvorwürfe wegen eigener Untreue und Verachtung der Menschen. Das lyrische Ich erkennt die Überlegenheit der Geliebten an und fühlt sich ihr gegenüber als minderwertig. Es gesteht ihr zu, das Liebste und Göttlichste für es zu sein. Gleichzeitig beschreibt es sich selbst als einfaches Wesen, das von den hohen Dingen, die die Geliebte beherrscht, nichts versteht. Alles, was es ist und hat, verdankt es der Liebe der Geliebten. Das lyrische Ich gesteht seine Untreue und Verachtung der Menschen ein. Es vergleicht sich mit einem Vogel, der den Lüften nicht treu ist, oder einer Biene, die den Honig nicht liebt. Es beschreibt, wie es der Geliebten untreu wurde, indem es sich von fremden Einflüssen verführen ließ. Das lyrische Ich erkennt, dass die Geliebte ihm treu geblieben ist, auch als es sie vernachlässigte und vergaß. Es fühlt sich schuldig und unwürdig, die Geliebte zu lieben und um ihre Zuneigung zu werben.

Schlüsselwörter

liebe kind herz konnt allem dingen selbst einzig

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Stilmittel

Anapher
Konnt′ im Zauberduft des Südens, Konnt′ auch in Hesperiens Wollust Dem Sirenenliede folgen, Konnte deinem treuen Herzen, Meinem deutschen Liebchen konnt′ ich Also lohnen mit Verrath?
Hyperbel
Hättest du von mir auch alles, Kraft und Fülle der Gedanken, Alles Gold und alle Perlen Dieser Erde, dennoch hätt′ ich Höh′res noch von dir, der reinsten Unerschütterlichsten Liebe, Und der frömmsten Treue Bild.
Kontrast
Ich verachtete die Menschen, Treulos nannt′ ich sie, und blieb doch Einem Engel selbst nicht treu.
Metapher
Und mit Schmerz und bittrer Rene, Was du noch mir bist, von allem Menschlichen bist du das Liebste Mir, das Göttlichste, von allem Göttlichen das Menschlichste.
Personifikation
Daß ein Zauber sie umfangen, Bradamante schien vergessen, Und ich bin kein Held, ein Sänger Bin ich nur, der gern von Helden, Lieber noch von Liebe singt.
Rhetorische Frage
Ist′s ein Wunder, daß ich liebe, Daß ich dir nur leb′ und athme?
Vergleich
Ist′s ein Wunder, wenn das Veilchen Treu im Sonnenschein sich freuet, Liebt die Lüfte nicht der Vogel, Nicht die Biene süßen Honig, Und das Herz Unsterblichkeit?