Lieder der Nazarena - Viertes Lied
1893Und du scheidest! - ach ich fürchte, Schon in Palestrina hast du Nazarenens Bild vergessen, Und die Schönheit Roms und deiner Reizend holden Römerinnen - Sicher, daß sie′s alsobald Dir aus Herz und Seele tilgen.
Nein lebendig, wie dem Schiffer, Der allein auf schwachem Balken Irrte durch des Meeres Wüste, Nie das Bild des grünen Eilands, Wo er Rettung fand, verschwindet, Wird Olevano mir treu, Ewig in der Seele schweben.
Besser wär′ es wohl, du Lieber, Wenn du ganz herüberzögest; Schön ist′s ja in unsern Bergen, Wie′s die fremden Wandrer rühmen, Könntest hier auch dichten, lesen, Träumen, schreiben, und du wärst Nazarenen doch nicht ferne.
Liebes Kind, mein Schicksal will es, Daß ich nun zum Capitole Und den großen Plätzen allen Meiner Lieb′ und Schwermuth wandre! Doch wenn auf der Serpentara Wieder die Kastanie grünt, Dann, mein Leben, kehr′ ich wieder.
Ach du kehrst nicht mehr, ich ahn′ es, Eine wohl der schönen Frauen Wird dein Herz in Liebe fesseln. Denn gewiß, du hast der Mädchen Viele schon gehabt. Ich warte Dein umsonst: der Frühling kehrt, Aber du, mein Herz, nicht wieder.
Sei nicht bange, Nazarena! Unter Roms, Albano′s Frauen, Selbst am Blumenfest Genzano′s Unter all′ der schönen Jugend, Hab′ ich dennoch keine Schönheit, Hab′ ich doch kein Angesicht Wie das deinige gesehen.
Aber zu gering den Wünschen Deines Herzens möcht′ ich scheinen: Schlicht nur nach der Berge Sitten Trag′ ich Halstuch, Band und Schleier; Meine sechzehn Lenze sind mir Nur im Garten, am Kamin Und am Webestuhl verflossen.
Darum frisch und unverdorben Bist du immerfort geblieben. Dein Geschlecht - im Rausch der Städte Längst verlernt′ ich es zu achten, Und aus Irrthum, Wust und Täuschung Nun zur lauteren Natur, Nazarena, kehr′ ich wieder.
Aber ach, du sagtest gestern, Große, große Wanderungen Ueber′s Meer hinüber, glaub′ ich, Wolltest du auf′s Jahr beginnen. O mir graus′t es vor dem Meere, Wenn ich′s oft so weit und hoch Von der Serpentara sehe.
Nach dem Eiland der Cyklopen, Nach dem Aetna und den Trümmern Siracusa′s und Girgenti′s Möcht′ ich wohl hinüberschiffen. Aber sicher, süße Seele, Kehr′ ich über′s schöne Meer, Wenn die Traube reift, zurücke.
Und dein Vaterland? du wolltest Deine Lieben nimmer sehen, Deine Mutter, und die Vielen, Denen du im Herzen wohnest? O gewiß, du möchtest alle Wiedersehn; und wenn du gehst, Was ist dann mit Nazarenen?
Kind, von einer Welt, die liebend Einst an dieser Brust gehangen, Ist mir nichts fast übrig blieben; Nur der Vater, nur die Mutter Ist noch mein durch Götter Gnade, Und ein schönes Herz noch, sonst Wünsch′ ich mir kein Wiedersehen.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Lieder der Nazarena - Viertes Lied" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist ein emotionales Werk, das von Sehnsucht, Abschied und der Vergänglichkeit der Liebe handelt. Der Sprecher scheint sich von jemandem zu verabschieden, der nach Rom aufbricht, und fürchtet, dass die Person die Erinnerung an Nazarena, vermutlich eine Geliebte oder eine wichtige Person aus der Vergangenheit, vergisst. Die Stadt Rom mit ihren "Römerinnen" wird als Bedrohung für die Treue und die Erinnerung an Nazarena dargestellt. Die Verse drücken die tiefe Verbundenheit des Sprechers mit der Heimat und der Natur aus, symbolisiert durch Olevano, einen Ort, der als unvergesslich und ewig in der Seele verankert beschrieben wird. Der Sprecher wünscht sich, dass der Abreisende bei ihm bleibt, da die Berge und die dortige Lebensweise ebenfalls Schönheit und Inspiration für Dichtung und Kontemplation bieten. Die Rückkehr des Sprechers nach Rom wird in Aussicht gestellt, jedoch mit der Befürchtung, dass der Geliebte nicht mehr zurückkehren wird, da er eine neue Liebe gefunden hat. Im weiteren Verlauf des Gedichts reflektiert der Sprecher über die Reinheit und Unschuld von Nazarena, die im Kontrast zu den verderbten Sitten der Städte steht. Der Sprecher bekennt, dass er die städtische Welt hinter sich gelassen hat und zur "lauteren Natur" zurückkehrt. Die Angst vor der Trennung wird durch die Vorstellung großer Reisen über das Meer noch verstärkt, wobei der Sprecher die Schönheit und Gefahr des Meeres anerkennt, aber auch die Hoffnung auf eine Rückkehr hegt. Das Gedicht endet mit der Frage nach dem Schicksal von Nazarena und der Familie des Sprechers, die nun weitgehend verloren gegangen ist, mit Ausnahme der Eltern und eines "schönen Herzens", das noch verbleibt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schönheit Roms und deiner
- Anapher
- O mir graus't es vor dem Meere, Wenn ich's oft so weit und hoch
- Bildsprache
- Wenn auf der Serpentara Wieder die Kastanie grünt
- Hyperbel
- Eine wohl der schönen Frauen Wird dein Herz in Liebe fesseln
- Kontrast
- Schlicht nur nach der Berge Sitten Trag' ich Halstuch, Band und Schleier
- Metapher
- Wie dem Schiffer, Der allein auf schwachem Balken Irrte durch des Meeres Wüste
- Personifikation
- Mein Schicksal will es
- Rhetorische Frage
- Aber zu gering den Wünschen Deines Herzens möcht' ich scheinen
- Symbolik
- Der Frühling kehrt, Aber du, mein Herz, nicht wieder
- Vergleich
- Lebendig, wie dem Schiffer