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Lieder der Nazarena – Viertes Lied

Von

Und du scheidest! – ach ich fürchte,
Schon in Palestrina hast du
Nazarenens Bild vergessen,
Und die Schönheit Roms und deiner
Reizend holden Römerinnen –
Sicher, daß sie′s alsobald
Dir aus Herz und Seele tilgen.

Nein lebendig, wie dem Schiffer,
Der allein auf schwachem Balken
Irrte durch des Meeres Wüste,
Nie das Bild des grünen Eilands,
Wo er Rettung fand, verschwindet,
Wird Olevano mir treu,
Ewig in der Seele schweben.

Besser wär′ es wohl, du Lieber,
Wenn du ganz herüberzögest;
Schön ist′s ja in unsern Bergen,
Wie′s die fremden Wandrer rühmen,
Könntest hier auch dichten, lesen,
Träumen, schreiben, und du wärst
Nazarenen doch nicht ferne.

Liebes Kind, mein Schicksal will es,
Daß ich nun zum Capitole
Und den großen Plätzen allen
Meiner Lieb′ und Schwermuth wandre!
Doch wenn auf der Serpentara
Wieder die Kastanie grünt,
Dann, mein Leben, kehr′ ich wieder.

Ach du kehrst nicht mehr, ich ahn′ es,
Eine wohl der schönen Frauen
Wird dein Herz in Liebe fesseln.
Denn gewiß, du hast der Mädchen
Viele schon gehabt. Ich warte
Dein umsonst: der Frühling kehrt,
Aber du, mein Herz, nicht wieder.

Sei nicht bange, Nazarena!
Unter Roms, Albano′s Frauen,
Selbst am Blumenfest Genzano′s
Unter all′ der schönen Jugend,
Hab′ ich dennoch keine Schönheit,
Hab′ ich doch kein Angesicht
Wie das deinige gesehen.

Aber zu gering den Wünschen
Deines Herzens möcht′ ich scheinen:
Schlicht nur nach der Berge Sitten
Trag′ ich Halstuch, Band und Schleier;
Meine sechzehn Lenze sind mir
Nur im Garten, am Kamin
Und am Webestuhl verflossen.

Darum frisch und unverdorben
Bist du immerfort geblieben.
Dein Geschlecht – im Rausch der Städte
Längst verlernt′ ich es zu achten,
Und aus Irrthum, Wust und Täuschung
Nun zur lauteren Natur,
Nazarena, kehr′ ich wieder.

Aber ach, du sagtest gestern,
Große, große Wanderungen
Ueber′s Meer hinüber, glaub′ ich,
Wolltest du auf′s Jahr beginnen.
O mir graus′t es vor dem Meere,
Wenn ich′s oft so weit und hoch
Von der Serpentara sehe.

Nach dem Eiland der Cyklopen,
Nach dem Aetna und den Trümmern
Siracusa′s und Girgenti′s
Möcht′ ich wohl hinüberschiffen.
Aber sicher, süße Seele,
Kehr′ ich über′s schöne Meer,
Wenn die Traube reift, zurücke.

Und dein Vaterland? du wolltest
Deine Lieben nimmer sehen,
Deine Mutter, und die Vielen,
Denen du im Herzen wohnest?
O gewiß, du möchtest alle
Wiedersehn; und wenn du gehst,
Was ist dann mit Nazarenen?

Kind, von einer Welt, die liebend
Einst an dieser Brust gehangen,
Ist mir nichts fast übrig blieben;
Nur der Vater, nur die Mutter
Ist noch mein durch Götter Gnade,
Und ein schönes Herz noch, sonst
Wünsch′ ich mir kein Wiedersehen.

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Gedicht: Lieder der Nazarena - Viertes Lied von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder der Nazarena – Viertes Lied“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist ein bewegender Abschiedsbrief, der die Sehnsucht, die Angst und die widersprüchlichen Gefühle einer jungen Frau namens Nazarena widerspiegelt, deren Geliebter sich von ihr entfernt. Das Gedicht entfaltet sich in einer Reihe von emotionalen Ausbrüchen, die von der Ungewissheit über die Zukunft ihrer Beziehung geprägt sind.

Der erste Teil des Gedichts drückt Nazarenas Sorge aus, dass ihr Geliebter sie und ihre gemeinsame Vergangenheit vergessen wird, sobald er sich in der Welt Roms und seiner Reize verliert. Sie befürchtet, dass die Schönheit und die Versuchungen, denen er in der Ferne begegnen wird, stärker sein werden als ihre Liebe und ihre gemeinsame Erinnerung an Olevano. Sie vergleicht ihre Beziehung mit der unerschütterlichen Erinnerung eines Schiffbrüchigen an die rettende Insel und hofft, dass ihre Liebe ebenso tief in seinem Herzen verankert ist. Ihr Wunsch, dass er zu ihr zurückkehrt und in ihrer Nähe bleibt, wird deutlich, wenn sie sich wünscht, er würde ganz zu ihr ziehen und die Ruhe und Schönheit ihres Zuhauses genießen.

In der Folge wird die tiefe Ungewissheit und Angst vor der Trennung spürbar. Nazarena ahnt, dass er nicht zurückkehren wird, und sie sieht bereits die Schönheit anderer Frauen, die sein Herz erobern könnten. Trotzdem beteuert sie ihre unerschütterliche Liebe und ihr Vertrauen in seine Reinheit. Der Kontrast zwischen ihrer bescheidenen Lebensweise und der Welt, in die er eintauchen wird, wird betont. Ihr Wunsch nach ihm zeigt sich in der Hoffnung, er würde ihre Einfachheit und Unschuld schätzen, die sie in der städtischen Dekadenz bewahren will.

Der letzte Teil des Gedichts ist von tiefer Melancholie und dem Eingeständnis der Verzweiflung geprägt. Nazarena beschreibt seine zukünftigen Reisen und drückt ihre Angst vor der weiten Entfernung aus, die sie trennen wird. Die Verheißung seiner Rückkehr zum Zeitpunkt der Weinlese vermag sie nicht zu trösten, da die Gewissheit des Abschieds ihr Herz schwer macht. Die Frage nach seiner Heimat und seiner Familie und der Sehnsucht nach seiner Rückkehr verdeutlichen Nazarenas tiefe Liebe und ihre Bereitschaft, ihr eigenes Glück für das seines Geliebten zu opfern. Sie akzeptiert, dass er seine Lieben wiedersehen will, aber fragt gleichzeitig, was dann aus ihrer Beziehung werden soll. Das Gedicht endet mit einer melancholischen Reflexion über die wenigen verbliebenen Lieben in ihrem Leben, was die Tiefe ihrer Zuneigung und ihr Gefühl des Verlustes unterstreicht.

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.