Lieder der Nazarena - Sechstes Lied
1893Ja, so laß es uns bestellen, Besser ist′s, ich bin im Kloster Als in meines Vaters Hause; Nimmer kannst du hier mich sehen, Denn der böse Vater zürnet, Ach! und Feinde hast du mehr Als du weißt, in diesen Bergen.
Halte treu an dem Entschlusse, Deiner wart′ ich denn im Kloster: Hätt′ es nimmer mir geträumet, Daß mein Liebchen Nonne würde. Gut ist es, des Vaters Zürnen Zu vermeiden, doch warum, Sprich, hab ich der Feinde viele?
Viele schon, und wohl ein Dutzend Haben mich zum Weib begehret, Aber welche mir gefielen, Die gefielen nicht dem Vater, Und die er gewählt, ich mochte Sie nicht leiden, alle nun Macht die Eifersucht zu Feinden.
Drum mit seinem Willen wirst du Niemals eines Mannes werden, Und so laß denn im Geheimen Einen Liebesbund uns knüpfen; Glaub′, ich kenne Welt und Menschen, Glaube, Mädchen, wer nicht täuscht, Wird dafür getäuscht von andern.
Aber, lieber Freund, ich fürchte, Allzu eng sind Klosterbande; Uns zu sehn, und uns zu sprechen, Schwierig wird es sein; die Nonne Bleibt im traurigen Gemache. Ach mir bangt, es wird uns nicht Glücken, wieder uns zu finden.
Ohne Furcht, mein Kind, es findet Das Geheimniß eines Briefchens Eingang auch ins Nonnenkloster; Doch die holde Kunst zu schreiben Sei die erste, die du lernest; Liebe, die da sprechen lehrt, Liebe lehrt gewiß auch schreiben.
Und so geben denn die Heiligen Ihren Schutz dir auf die Reise; Nimm zum Pfande meiner Treue Diese Hand, du darfst nicht weilen, Denn sie lauern dein und trachten Böses - warte mein in Rom! Lebe wohl! Auf Wiedersehen!
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Interpretation
Das Gedicht "Lieder der Nazarena - Sechstes Lied" von Wilhelm Friedrich Waiblinger handelt von einem geheimen Liebesbund zwischen einem Mann und einer Frau, die Nonne werden will. Die Frau argumentiert, dass es besser sei, im Kloster zu sein, als im Haus ihres Vaters, da dieser zürne und sie mehr Feinde habe, als sie wisse. Der Mann ist besorgt über die Enge der Klosterbande und die Schwierigkeit, sich zu sehen und zu sprechen. Die Frau beruhigt ihn, dass geheime Briefe einen Weg ins Kloster finden werden und dass die Liebe auch das Schreiben lehrt. Schließlich geben die Heiligen ihren Schutz auf die Reise und die Frau übergibt ihre Hand als Pfand ihrer Treue, bevor sie sich verabschieden und auf ein Wiedersehen in Rom hoffen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Halte treu an dem Entschlusse
- Anapher
- Ja, so laß es uns bestellen / Besser ist's, ich bin im Kloster / Als in meines Vaters Hause
- Bedingungssatz
- Halte treu an dem Entschlusse, / Deiner wart' ich denn im Kloster
- Kontrast
- Besser ist's, ich bin im Kloster / Als in meines Vaters Hause
- Metapher
- Und so laß denn im Geheimen / Einen Liebesbund uns knüpfen
- Personifikation
- Liebe, die da sprechen lehrt, / Liebe lehrt gewiß auch schreiben
- Rhetorische Frage
- Doch warum, / Sprich, hab ich der Feinde viele?
- Vergleich
- Ohne Furcht, mein Kind, es findet / Das Geheimniß eines Briefchens / Eingang auch ins Nonnenkloster