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Lieder der Nazarena – Sechstes Lied

Von

Ja, so laß es uns bestellen,
Besser ist′s, ich bin im Kloster
Als in meines Vaters Hause;
Nimmer kannst du hier mich sehen,
Denn der böse Vater zürnet,
Ach! und Feinde hast du mehr
Als du weißt, in diesen Bergen.

Halte treu an dem Entschlusse,
Deiner wart′ ich denn im Kloster:
Hätt′ es nimmer mir geträumet,
Daß mein Liebchen Nonne würde.
Gut ist es, des Vaters Zürnen
Zu vermeiden, doch warum,
Sprich, hab ich der Feinde viele?

Viele schon, und wohl ein Dutzend
Haben mich zum Weib begehret,
Aber welche mir gefielen,
Die gefielen nicht dem Vater,
Und die er gewählt, ich mochte
Sie nicht leiden, alle nun
Macht die Eifersucht zu Feinden.

Drum mit seinem Willen wirst du
Niemals eines Mannes werden,
Und so laß denn im Geheimen
Einen Liebesbund uns knüpfen;
Glaub′, ich kenne Welt und Menschen,
Glaube, Mädchen, wer nicht täuscht,
Wird dafür getäuscht von andern.

Aber, lieber Freund, ich fürchte,
Allzu eng sind Klosterbande;
Uns zu sehn, und uns zu sprechen,
Schwierig wird es sein; die Nonne
Bleibt im traurigen Gemache.
Ach mir bangt, es wird uns nicht
Glücken, wieder uns zu finden.

Ohne Furcht, mein Kind, es findet
Das Geheimniß eines Briefchens
Eingang auch ins Nonnenkloster;
Doch die holde Kunst zu schreiben
Sei die erste, die du lernest;
Liebe, die da sprechen lehrt,
Liebe lehrt gewiß auch schreiben.

Und so geben denn die Heiligen
Ihren Schutz dir auf die Reise;
Nimm zum Pfande meiner Treue
Diese Hand, du darfst nicht weilen,
Denn sie lauern dein und trachten
Böses – warte mein in Rom!
Lebe wohl! Auf Wiedersehen!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Lieder der Nazarena - Sechstes Lied von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder der Nazarena – Sechstes Lied“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist ein dramatischer Dialog zwischen zwei Liebenden, die durch äußere Umstände und gesellschaftliche Konventionen getrennt werden. Die junge Frau, vermutlich Nazarena, steht vor der Entscheidung, ins Kloster zu gehen, um dem Zorn ihres Vaters und den Intrigen von Rivalen zu entgehen. Der Mann, ihr Geliebter, versucht, sie in ihrem Entschluss zu bestärken, gleichzeitig aber eine geheime Verbindung aufrechtzuerhalten.

Die zentralen Themen des Gedichts sind Liebe, Trennung, gesellschaftlicher Druck und die Suche nach Freiheit. Die Frau wählt das Kloster, um Konflikten zu entgehen, was als Zugeständnis an die Autorität des Vaters und die feindselige Umgebung interpretiert werden kann. Der Geliebte sieht in dieser Entscheidung eine Notwendigkeit, gleichzeitig aber auch eine Möglichkeit, die Liebe im Geheimen zu bewahren. Er verspricht ihr, sie im Kloster zu besuchen und sie durch Briefe zu kontaktieren, was auf eine romantische und subversive Haltung schließen lässt.

Die Sprache des Gedichts ist geprägt von einer Mischung aus Zärtlichkeit, Sorge und einem Hauch von Rebellion. Die Liebenden sprechen sich mit „Liebchen“ und „lieber Freund“ an, was ihre tiefe Zuneigung unterstreicht. Gleichzeitig sind die Zeilen von Ängsten und Bedenken durchzogen, insbesondere was die Schwierigkeiten des Wiedersehens und der Kommunikation betrifft. Die Erwähnung der „Feinde“ und des „bösen Vaters“ deutet auf eine Welt voller Intrigen und Machtspiele hin, in der die Liebenden ums Überleben ihrer Beziehung kämpfen.

Die Struktur des Gedichts ist dialogisch und dynamisch. Die Fragen und Antworten der Liebenden enthüllen ihre Hoffnungen, Ängste und Pläne. Der Geliebte ermutigt Nazarena, die Kunst des Schreibens zu erlernen, um die Kommunikation zu erleichtern und ihre Verbindung zu stärken. Er schickt sie mit einem „Liebesbund“ und einem Versprechen des Wiedersehens nach Rom. Dies verleiht dem Gedicht eine bittersüße Note, da die Liebenden getrennt werden, aber gleichzeitig Hoffnung auf ein zukünftiges Wiedersehen haben. Das Gedicht endet mit einem Abschied und einem Versprechen, was die Tragik der Situation hervorhebt, aber auch die Stärke der Liebe der beiden Protagonisten zeigt.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.