Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , , , , ,

Lieder der Nazarena – Fünftes Lied

Von

Horch! es läutet, gehst du heute
Nicht zur Messe, willst du immer
Bei mir bleiben? Traun es wäre
Hohe Zeit, die Mutter mahnte,
Noch hab′ ich mich nicht gewaschen,
Meine Haare nicht gerichtet,
Meine Kleider für die Kirche
Nicht gerüstet hab′ ich sie.

Nun so laß mich gehn; ich fühle
Kopfweh heut; die Luft ist heiter,
Und ich bin in übler Laune,
Besser ist′s, daß ich im Freien
Mich erfrische, mich erquicke,
Drum zur Vigne will ich gehen,
Reife Feigen mir zu suchen,
In die Messe geh′ ich nicht.

Höre, Lieber, laß mich′s offen
Dir gestehn, daß mir im Herzen
Sich ein großer Zweifel reget:
Bist du auch ein Christ? – du lächelst –
Denk′, die Leut′ im Dorfe sagen′s,
Daß du einmal in der Messe
Nicht gekniet, dich nicht bekreuzet,
Als die heil′ge Glocke klang.

Wohl, mein Kind, gib dich zufrieden,
Glaub′, ich bin ein Christ; ich habe
Wohl das Glöcklein nicht gehöret,
Denn ich bin oft in Gedanken;
Und so sollst du′s heut denn sehen,
Wie ich meine Andacht thue,
Denn zur Messe will ich gehen,
Wenn nur du gewiß nicht fehlst.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Lieder der Nazarena - Fünftes Lied von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder der Nazarena – Fünftes Lied“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist ein Dialog zwischen zwei Liebenden, der Einblicke in ihre Beziehung, Glaubenszweifel und die Aufrichtigkeit des Partners gibt. Es beginnt mit einer Frage und einem Vorschlag: Soll die Geliebte heute nicht zur Messe gehen und stattdessen beim Sprecher bleiben? Die anfängliche Ablehnung der Frau – aufgrund von Unvorbereitetheit und Kopfschmerzen – dient lediglich als Vorwand, um die eigentlichen Bedenken anzusprechen.

Die eigentliche Thematik entfaltet sich in der zweiten Strophe, in der die Frau ihre Absicht bekundet, in die Weinberge zu gehen, um Feigen zu suchen, anstatt die Messe zu besuchen. Dieser Schritt verdeutlicht ihren Wunsch nach einer Auszeit von konventionellen religiösen Pflichten und der Sehnsucht nach Natur und Freiheit. Gleichzeitig signalisiert er eine Unbehaglichkeit mit der etablierten Ordnung und den gesellschaftlichen Erwartungen, die in ihrer Welt verankert sind. Die „üble Laune“ könnte ein Ausdruck von tieferen Unzufriedenheiten und Zweifeln sein, die in ihr brodeln.

Die dritte Strophe enthüllt das Herzstück der Beziehung: die Zweifel der Frau an der Frömmigkeit ihres Geliebten. Sie erwähnt Gerüchte aus dem Dorf, die seinen Glauben in Frage stellen, und thematisiert so indirekt seine mögliche Abkehr von den religiösen Bräuchen. Das Lächeln des Mannes deutet auf eine gewisse Vertraulichkeit und das gegenseitige Verständnis hin. Die Frage nach dem Glauben wird hier zu einem zentralen Thema, das die Grundlage ihrer Beziehung und die Ehrlichkeit des Mannes in Frage stellt.

Die abschließende Strophe stellt die mögliche Auflösung des Konflikts dar. Der Mann bekräftigt seinen Glauben, erklärt sein Nicht-Hören der Glocke mit seiner Gedankenverlorenheit und verspricht, zur Messe zu gehen – unter der Bedingung, dass seine Geliebte ebenfalls anwesend ist. Dies ist ein Zugeständnis an ihre Zweifel und ein Versuch, ihre Beziehung zu festigen, indem er ihren Bedürfnissen und Bedenken nachkommt. Das Gedicht endet somit mit einem Kompromiss, der auf gegenseitigem Verständnis und der Bereitschaft zur Versöhnung basiert, aber auch die fortbestehende Spannung zwischen Glauben und Zweifel widerspiegelt.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.