Lieder der Nazarena - Drittes Lied

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Aber eines, Nazarena, Könntest du mir nun gewähren: Wir sind ganz allein; die Mutter Draußen sitzt sie auf der Treppe; Menschen sind Verräther, Tauben Sind es aber nicht und Hühner, Und so sollst du etwas denn, Meine Taube, mir gewähren.

Was auch wolltest du besond′res! Alles darf die Mutter wissen; Doch ich weiß nicht, was du möchtest, Und was könnt′ ich dir wohl geben? Nichts vermag ich, eingekerkert Wie ich bin; was kann ein armes Mädchen von Olevano Deinem Wunsche dir gewähren?

Orvietto′s Wein, Genzano′s Goldne Traub′ ist süß und herrlich, Aber meiner Lippe schmeckte Süßer noch der Kuß der deinen; Drum, mein Liebchen, neige hurtig Mir vom Webestuhl herüber Deines Mundes Lieblichkeit, Eilig, eh die Mutter störet.

Was verlangst du? Nein, ich könnte, Könnt′ es nicht, und es ist Sünde, Denn der Pred′ger hat′s verboten. O Madonna, wie vermöcht′ ich′s In der Beichte zu bekennen, Und was sagte mir der Priester? Welche Buße - nein, ich kann So was Böses nicht begehen.

Kind, ein Kuß ist keine Sünde, In der Beichte nicht zu sagen, Und du weißt es gut, dein schalkhaft Lieblich Lächeln, es verräth dich. Zaudre nicht, o Nazarena, Sei nicht falsch, denn wohl bemerkt′ ich′s, Wie du heut der Nachbarin Blondgelocktes Bübchen küßtest.

Ei, mein Freund, ein andres ist es, Einen Mann, ein Kind zu küssen. Endlich könntest du mir zürnen, Daß ich meinen Heil′gen küsse! Still, mein Freund, es ist verboten, Und es sind auch eitle Possen, Nazarena darf es nicht, Ehe sie dein Weib geworden.

Wohl denn, wenn du nur dem Heil′gen Einen Kuß vergönnst, so will ich Dir zu Lieb′ ein Heil′ger werden, Wenn die Welt auch Grund genug hat, Noch dafür mich nicht zu halten, Will ich′s klar dir doch beweisen, Denn ich will ein Wunder thun - Ohne Kuß von dir zu gehen.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Lieder der Nazarena - Drittes Lied

Interpretation

Das Gedicht "Lieder der Nazarena - Drittes Lied" von Wilhelm Friedrich Waiblinger erzählt eine zärtliche und zugleich moralisch ambivalente Liebesgeschichte. Der Sprecher, offensichtlich ein Mann, der von der jungen Nazarena fasziniert ist, bittet sie um einen Kuss. Die Szene spielt sich in einer intimen, aber zugleich riskanten Situation ab, da die Mutter der Nazarena in der Nähe ist. Der Sprecher versucht, Nazarena zu überzeugen, indem er ihr versichert, dass ein Kuss keine Sünde sei und dass er bereit ist, für sie ein Heiliger zu werden, wenn sie ihm diesen einen Kuss gewährt. Die Figur der Nazarena wird als fromm und moralisch integer dargestellt. Sie zögert, den Wunsch des Sprechers zu erfüllen, da sie sich der religiösen und gesellschaftlichen Konventionen bewusst ist. Ihre Bedenken spiegeln den Konflikt zwischen persönlichen Wünschen und den Erwartungen der Gesellschaft wider. Der Sprecher hingegen ist leidenschaftlich und überzeugend, er nutzt sowohl emotionale Appelle als auch logische Argumente, um Nazarena zu überzeugen. Das Gedicht endet mit einer dramatischen Wendung: Der Sprecher droht, ohne den Kuss zu gehen und ein Wunder zu vollbringen, um zu beweisen, dass er würdig ist, Nazarenas Liebe zu verdienen. Diese Aussage unterstreicht die Intensität seiner Gefühle und seinen Willen, alles für die Liebe zu opfern. Das Gedicht thematisiert die Spannung zwischen Liebe, Moral und gesellschaftlichen Erwartungen und lässt den Leser über die wahre Natur der Liebe und die Opfer, die sie erfordern kann, nachdenken.

Schlüsselwörter

kuß nazarena gewähren mutter heil will könntest darf

Wortwolke

Wortwolke zu Lieder der Nazarena - Drittes Lied

Stilmittel

Alliteration
Süßer noch der Kuß der deinen
Hyperbel
Will ich′s klar dir doch beweisen, / Denn ich will ein Wunder thun
Kontrast
Oder meiner Lippe schmeckte / Süßer noch der Kuß der deinen
Metapher
Ein Heil′ger werden
Personifikation
Menschen sind Verräther
Rhetorische Frage
Was verlangst du?
Wiederholung
Nein, ich könnte, / Könnt′ es nicht, und es ist Sünde