Lieder aus Sorrent (3)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1826

Freunde glaubt′ ich im Vaterland nur einen, Dich zu haben, o großes Herz. Der Jugend Irrthum deutet die Welt zu schwer, und wenig Wird, wer größer als sie, erkannt. O Alles, Alles that sie, daß ich sie haßt′, und dennoch Mit verhülltem Gesicht und feuchten Augen Von mir stoßend, was sie mir gab, begann ich Die Verbannung; und mich nur, meiner Feinde Grimm und hämischen Neid, nicht dich anklagend, Heimath, pilgert′ ich in ersehnte Lande, Jung wie Konradin noch, wie er der Hoffnung Und hochherzigen Muthes voll, im Kampfe Mit dem Kinde der Nacht, dem stolzen Priester. Mag anmaßender Geistesdruck und Blödsinn, Mag, o Freunde, der Ghibelline siegen, Laßt uns streiten! Der Lohn ist eine Krone!

So oft denk′ ich auf meerumspültem Felsen, So im Hause des Tasso, da dem Dichter Vom Balkone herab des Golfes Anmuth Und der Liebreiz der Berge sich entfaltet. Lorbeerheiliges Haus, wo oft im Dufte Fremder Sieg′ und Triumphe sich zum eignen Volksbegeisternden Lied mein Herz ermuthigt. Freund, wohl weiß ich, den Hohenstaufen schmückte Schon im zwanzigsten Jahr die Königskrone; Fünf der Lustern durchlebt′ ich bald, und ruhmlos Bin ich noch!

Und in tiefster Seele fühl′ ich Mich betrübt. O was that ich, euch zu preisen, Im gewalt′gen Gesang die deutsche Vorwelt Als ein Deutscher und Kampf und Herrschergenius, Wahrheit, Kraft und des Völkerlebens Größe, Hohe Menschen und Thaten zu verew′gen? Denn im Tempel der Weltgeschichte, dünkt mir, Ist der Dichter der Priester, und den Vorhang Vor dem Heiligsten wahret seine Obhut. Da, wenn oft mir die Scham die Stirne röthet, Ruf′ ich flehend Torquato′s Genius, ruf′ ich Meinen Helden, und siehe, er naht mir langsam Aus des Lorbeers Umschattungen, der Jüngling Friedrich′s Sohn, der apul′sche König naht mir, Schön und fröhlich, wie einst, da er Epirus′ Tochter, Helena, mit des Vaters Kraft und Hohenstaufischem Arm als Braut umfangen, Minnesänger und saracen′sche Mädchen Einst den Dichter, den König, einst das junge Liebenswürdigste Paar mit Jubel grüßten! Aber groß und gebietrisch, wie das Erbland Tausendjährigem Vorurtheil und Wahnwitz, Und Roms heil′gen Tyrannen er entrissen, Wie er einst mit dem Schwerdt der fränk′schen Räuber Schaar durchbrach und ein Opfer frecher Habsucht Ungeheuern auf Petri Stuhl und blindem Aberglauben sein Heldenblut vergossen! Da, o Freund, des Geschlechtes denk′ ich nicht mehr, Das mich neidet und haßt im Vaterlande Und dreifältigen Haß und Stolz mir abdringt, Und im höheren Geist nenn′ ich mein Schwaben Heimath mir, und vor Grieche nicht und Römer Beug′ ich mich, doch bei Manfred′s Grab, o Deutscher, Benevento′s und Alba′s blut′gem Schlachtfeld, Wo ich stand und zum großen Werk mich weihte, Sei′s geschworen: Dem Kaiserhaus′ mein Leben!

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Illustration zu Lieder aus Sorrent (3)

Interpretation

Das Gedicht "Lieder aus Sorrent (3)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine lyrische Reflexion über die Vergangenheit, die Sehnsucht nach einem fernen Vaterland und die Verehrung historischer Persönlichkeiten. Der Sprecher erinnert sich an die Freunde im Vaterland und die Enttäuschungen, die ihn zur Verbannung führten. Er vergleicht sich mit Konradin, einem jungen Hoffnungsträger, der gegen die Macht der Kirche kämpfte. Der Sprecher sehnt sich nach Anerkennung und Ruhm, wie ihn der Hohenstaufen Friedrich II. im Alter von zwanzig Jahren erhielt. Er fühlt sich jedoch noch nicht bereit, sein Werk zu vollbringen und beklagt seine Untätigkeit. Das Gedicht wechselt dann den Schauplatz nach Sorrent, wo der Sprecher im Haus des Tasso, eines berühmten Dichters, weilt. Er lässt sich von der Schönheit der Landschaft und dem Ruhm der Lorbeerkränze inspirieren. Er ruft den Genius von Torquato Tasso und seinen Helden Manfred an, den Sohn Friedrichs II., der als König von Sizilien eine blühende Kultur förderte und sich gegen die päpstliche Autorität auflehnte. Der Sprecher bewundert Manfreds Mut, Schönheit und Fröhlichkeit, aber auch seine Größe und Gebieterhaftigkeit, die er im Kampf gegen die fränkischen Räuber und den blinden Aberglauben zeigte. Er schwört, sein Leben dem Kaiserhaus zu widmen, das er als sein wahres Vaterland ansieht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
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Anapher
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Epipher
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Hyperbel
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Metapher
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Personifikation
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Rhetorische Frage
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