Lieder aus Sorrent (2)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Wähle, Göttin der Liebe, mit den Grazien Heute Paphos zum Sitz und morgen Knidos, Ich beneide dich nicht; denn bald lockt Capri′s Morgenländischer Fels in seine Stille; Bald zu Ischia′s duft′gen Bergen rudr′ ich; Bald aus Reben- und heitern Säulentempeln In Pompeji die See und Thal und Ufer Und blauschattig Gebirg und Insel seh′ ich, Bald aus wildem Getöse des Toledo Flücht′ ich mich in Sorrent′s Orangenhaine.

Ja, geliebt ist der Berg dir wohl, der schöne, Jener Stammberg im eb′nen Schwaben mein′ ich, Der dir Eigenthum fast geworden, dessen Wolkenscheitel den Schmetterling dir sandte, Und der Zeuge des Becherklangs gewesen, Als großsinnige Freunde mein gedachten Sei er beiden gelobt, der Hohenstaufe, Paladin des gewalt′gen Schwabens sei er, Capitol uns genannt des Heldenhauses! Aber schöner noch ist des Deutschen Erbland. Frage Friedrich den Kaiser, frage Manfred!

Hier auf blühenden Felsen, die der Abend Purpurn färbt und der frische Meerwind kühlet, Hier im ewigen Schatten der Citrone, Freund, umathmen mich Lüfte rein und milde, Wie die Götter sie trinken! Klar und helle Lockt zum Bade das heit′re Meer, es lockt die Schatt′ge, hallende Grotte. Wie die Seele, Die in Unschuld ich liebt′, durchs holde Auge, Leuchtet ruhig der stille Grund der Wasser. Selbst das Kieselchen siehst du hier, nur selten, Dem bescheidenen Wunsch des Innern ähnlich, Regt ein lieblicher Schauer diese Tiefe. Hier zu kühlen den Leib und hinzuplätschern Unterm Felsen ist Wonne, nur dem Seegott Und der lüsternen Nymphe ganz gegeben. Aber steige die Nacht, die kühle, holde, Steige nur den gewund′nen Pfad der Felsschlucht Hier empor, und die Last der üpp′gen Pflanzen, Die verschwenderisch niederhängt und schwellend Grünt und wuchert, erblicke sie mit Staunen, Und schon lachen die Gärten dir entgegen, Weinlaub rankt sich empor, in stolzem Wuchse Blühet über der Mauer die Orange, Die Granate, der Lorbeer und die Feige. Was im kindischen Drang′ der ersten Liebe Von Elysiums Früchten du geträumet, Glänzt und duftet dir zu, aus ew′gem Grüne Schimmert ebenen Dach′s das Haus, die Kirche. Sieh′, es öffnet das Thor sich schon der Mauer, Und der schattige Hofraum und der Brunnen, Trepp′ und Laube, vielleicht ein braunes Mädchen Ladet ein, und die schwere Traube nimmst du Oder Feig′ und Orange selbst vom Baume. Nachtigallen geweiht sind diese Haine; Denn so voll und gedrängt ist Frucht an Frucht und Blüth′ an Blüthe, daß kaum durchs Laub der Erde Allerlieblichstes, kaum der Himmel glänzet.

Aber rühmt′ ich dich nicht, o meine Freude, Heimisch Dach, wo mich oft die Ghibellinen, Rothbart oft und der große Friedrich und des Kaisers ähnlichster Sohn, der schöne Manfred, Oft der sterbende Konradin begeistert? Denn in Reizen der ew′gen Jugend schimmert Mir das goldene Erbland vor den Augen, Meer und Golf und die Stadt und selbst der Himmel. Hoch auf ländlichgetünchten Säulen ranket Weinlaub über das Dach und reicht des Morgens Kühlen Schatten, bis bald des weißen Daches Heller Schimmer, der Lüfte Glanz mich blendet. Abends aber auch nimmt es schon den Müden Wieder auf; denn die Sonne brennt im Laube Schon mit röthlichem Gold, und tausendfältig Glühn die glänzenden Gärten; drüber lächelt Blau die See und der schöne Berg im Dufte, Der den zartesten Rauch die Lüfte hinströmt, Dem weißschimmernde Städte, gleich Juwelen, Fuß und Ufer begränzen. Doch nach Bajä′s Zarten Hügeln und nach Misen zu blicken, Nicht vergönnt es der Sonne Pracht. Schon sinkt sie Ueber Procida nieder, übergossen Wie von flammendem Wein; vom Lichte trunken Leuchten rosige Berg′ und fast in Wollust, Dünkt mir öfter, verschmachtet Mutter Erde.

Da, o Freund, auf dem theuern Dach beim Mahle Denk′ ich Großes, und fühle Muth und Stärke, Und den Träumenden überrascht das Dunkel; Sterne blinken hervor und Purpurröthe Glühet auf dem Vesuv, die holde Nacht hin; Denn nur schön ist der Berg, wenn ihm die Flamme Hoch entlodert; nur schön das Herz, wenn′s Liebe, Ruhm und Ehre zu großem Kampf entzündet.

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Interpretation

Das Gedicht "Lieder aus Sorrent (2)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist ein Loblied auf die Schönheit und Vielfalt der Landschaft rund um Sorrent in Italien. Der Dichter beschreibt die Anziehungskraft verschiedener Orte wie Capri, Ischia, Pompeji und Neapel, die ihn immer wieder aufs Neue begeistern. Er vergleicht die deutsche Heimat mit dem italienischen Süden und kommt zu dem Schluss, dass das "Deutsche Erbland" ebenso schön und reizvoll ist. Waiblinger erwähnt historische Persönlichkeiten wie Friedrich den Kaiser und Manfred, die er mit den italienischen Landschaften verbindet und deren Geist ihn inspiriert. Das Gedicht ist geprägt von einer tiefen Liebe zur Natur und einer starken Verbundenheit mit der deutschen Geschichte und Kultur. Waiblinger beschreibt die üppige Vegetation, die klaren Gewässer und die malerischen Dörfer mit großer Begeisterung und malt ein lebendiges Bild der italienischen Landschaft. Gleichzeitig betont er die Bedeutung der deutschen Heimat und ihrer historischen Persönlichkeiten, die ihm Mut und Stärke verleihen. Das Gedicht endet mit einem Verweis auf den Vesuv und die Schönheit, die in der Natur und im menschlichen Herzen zu finden ist, wenn sie von Liebe, Ruhm und Ehre entflammt sind.

Schlüsselwörter

bald gen berg dach liebe lockt schöne lüfte

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Selbst das Kieselchen siehst du hier, nur selten
Anapher
Wähle, Göttin der Liebe, mit den Grazien Heute Paphos zum Sitz und morgen Knidos
Bildlichkeit
Hoch auf ländlichgetünchten Säulen ranket Weinlaub über das Dach und reicht des Morgens Kühlen Schatten, bis bald des weißen Daches Heller Schimmer, der Lüfte Glanz mich blendet.
Hyperbel
Und schon lachen die Gärten dir entgegen
Metapher
Freund, umathmen mich Lüfte rein und milde, Wie die Götter sie trinken!
Personifikation
Denn nur schön ist der Berg, wenn ihm die Flamme Hoch entlodert; nur schön das Herz, wenn's Liebe, Ruhm und Ehre zu großem Kampf entzündet.