Lieder aus Sorrent (1)
1830Nein! Apulien hat der Hohenstaufen Letzten Sprößling geraubt dem Vaterlande, Nicht den Dichter, o Kaiserhaus von Schwaben. Nein, hochherziger Freund, in gold′ner Strömung Flossen Jahre dahin, seit ich am Tiber Und am städtebesäten, meerumspülten Aschenberge der Vorwelt Heldengröße Und der reizendsten Mitwelt Lust genieße. Alter Römer gedacht′ ich, doch beim großen, Theuern Namen des Vaterlands und Friedrichs Herrschergenius, Freund, geschworen sei dir′s, Deutscher Glorie dacht′ ich auch. Wohl hat ans Junge Herz der Sirene Lied geklungen Und im Rausch des Moments der Zukunft Plane, Der Vergangenheit Kraft vergaß der Wandrer. Doch nur kurz; aus des Anio Wasserstürzen, Aus des Pantheons heil′gen Dämmerungen, Von der Säule herab des Imperators Und aus Pästums gewalt′gen Dorertempeln Sprach der strengere Gott: Wach′ auf zum Werke! Feire muthig dein Volk und seine Helden!
Dir bekenn′ ich beschämt, dem großen Rufe Folgt′ ich nicht und des eig′nen Herzens Leiden Und vermessene Wünsch′ und Liebefreuden Sang ich nur; auf dem Haupt Weinlaub und Rosen, Oft die Asche des Grams, doch nie den Lorbeer, Oeffnet′ ich zum Gesang die Lipp′ und strömte Gluth aus eigenem Feuerquell in manches Glüh′nde Herz; doch vergieb, o Freund, der Jugend. Denn voll blühte der Frühling meines Lebens Und ergieb′ger vielleicht als dort im Norden Du zu sehen gewohnt; und feur′ge Wetter, Brausten stürmend im wilden Geist des Frühlings, Kräfte strömend im Kampf der Leidenschaften, Und was Wetter und Sturm dem auferweckten Frühlingsdrang der Natur, war mir die Liebe.
Doch vom Sommer die Frucht, vom heißen Mittag Nicht die kräftige That zu fordern, däucht mir Billig. Komm′ in den Süden, Freund, und lerne, Ob geschmeichelt, getränkt von süßern Lüften, Ob am athmenden Busen nicht Armida′s, Ob dein Auge nicht bricht. Ich harre deiner In Sorrento. Mein Retter willst du werden; Komm′ und bleibe bezaubert wie Rinaldo.
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Interpretation
Das Gedicht "Lieder aus Sorrent (1)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine leidenschaftliche Selbstreflexion des lyrischen Ichs, das sich an einen Freund wendet. Das Gedicht beginnt mit einer Ablehnung der Vorstellung, dass Apulien den letzten Spross des Hohenstaufen dem Vaterland geraubt habe, sondern betont, dass der Dichter selbst nicht geraubt wurde. Das lyrische Ich beschreibt seine Zeit am Tiber und seine Freude an der römischen Vorwelt und ihrer Kultur. Es gesteht, dass es zwar an die Größe des Vaterlands und Friedrichs gedacht hat, aber auch an die deutsche Glorie. Das lyrische Ich gesteht, dass es sich von der Sirenenstimme verführen ließ und die Kraft der Vergangenheit vergaß, aber nur kurz. Es erinnert sich an die sterneren Stimmen aus den Wasserfällen des Anio, den Dämmerungen des Pantheons, der Säule des Imperators und den dorischen Tempeln von Paestum, die es zum Werk wecken und die Helden seines Volkes feiern sollen. Das lyrische Ich gesteht dem Freund beschämt, dass es dem großen Ruf nicht gefolgt ist und nur von seinen eigenen Herzensleiden, vermessenen Wünschen und Liebesfreuden gesungen hat. Es gesteht, dass es oft Weinlaub und Rosen auf dem Kopf trug, aber nie den Lorbeer, und dass es aus seinem eigenen Feuerquell Glut in viele glühende Herzen strömte. Es bittet den Freund, der Jugend zu vergeben, da der Frühling seines Lebens voll erblüht war und vielleicht ergiebiger als im Norden. Es beschreibt die feurigen Wetter und stürmischen Winde, die im wilden Geist des Frühlings tobten und die Kräfte in den Kampf der Leidenschaften strömten. Die Liebe war für das lyrische Ich wie das Wetter und der Sturm für den auferweckten Frühlingsdrang der Natur. Das lyrische Ich fordert den Freund auf, im Sommer nicht die kräftige Tat zu fordern, sondern in den Süden zu kommen und zu lernen, ob er nicht von süßeren Lüften geschmeichelt und getränkt wird, ob sein Auge nicht bricht am athmenden Busen Armidas. Es erwartet den Freund in Sorrento und bittet ihn, sein Retter zu werden und wie Rinaldo verzaubert zu bleiben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Dir bekenn' ich beschämt, dem großen Rufe Folgt' ich nicht und des eig'nen Herzens Leiden Und vermessene Wünsch' und Liebefreuden Sang ich nur
- Anspielung
- Nicht den Dichter, o Kaiserhaus von Schwaben
- Bildsprache
- Oeffnet' ich zum Gesang die Lipp' und strömte Gluth aus eigenem Feuerquell in manches Glüh'nde Herz
- Hyperbel
- Und was Wetter und Sturm dem auferweckten Frühlingsdrang der Natur, war mir die Liebe
- Kontrast
- Oft die Asche des Grams, doch nie den Lorbeer
- Metapher
- Nein, hochherziger Freund, in gold'ner Strömung Flossen Jahre dahin
- Personifikation
- Doch vom Sommer die Frucht, vom heißen Mittag Nicht die kräftige That zu fordern, däucht mir Billig
- Symbolik
- auf dem Haupt Weinlaub und Rosen