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Lieder aus Capri (9)

Von

O Einsamkeit, wo ihre schweren Sünden
Des Weltbeherrschers Tochter einst beweinte,
Wie läß′st du ganz mich ihre Qual empfinden!

Die einst ihr der Verbannten Haus umgrauet,
Schreckbare Felsen, deren kahle Wildniß
Ins öde grüne Meer hinunterschauet,

Verlaßner Strand, wo nur die Woge brandet,
Wo an der hochumrauschten Fischerhütte
Schon lange Boot und Kahn nicht mehr gelandet;

Ihr bargt ein Herz, in Sinnenlust verwildert,
Von Qualen einer Leidenschaft durchwühlet,
Wie keines Byrons Schmerz sie noch geschildert.

Leicht ist dem besten Herzen ein Verbrechen,
Sobald es liebt, noch leichter ist′s dem kalten
Fühllosen Zorn zu strafen und zu rächen.

Schnell ist die strenge Welt bereit zu richten,
Weil sie ein flammendes Gefühl der Liebe
Nicht schaffen kann, so will sie′s doch zernichten.

O Julia, laß mich theilen deine Thränen,
Die Schwermuth der Verbannung, die Erinn′rung
Vergangner Lust, verlorner Heimath Sehnen.

Auch meine Liebe hat sie schlimm gedeutet,
Die fluchbeladne Welt, und ihre Blumen
Wie giftig Unkraut gänzlich ausgereutet.

Auch mir lag eine Julia in den Armen,
Und Schuld und Unschuld, ach sie nannte beides
Verbrechen ohne Scheu und ohn′ Erbarmen.

So schließe denn der Felsen alte Trauer
Uns ein, und gern, verstoßne Kaisertochter,
Umarm′ ich hier dich ohne Furcht und Schauer.

Sie mögen höhnisch unsre Namen schmähen,
Mir bleibt mein Herz, und jene matten Stimmen
Laß sie im Meeresbrausen untergehen.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Lieder aus Capri (9) von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder aus Capri (9)“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine melancholische Reflexion über Einsamkeit, Leidenschaft, die Ungerechtigkeit der Welt und die Sehnsucht nach einer verbotenen Liebe. Es entwirft ein Bild der Verzweiflung, indem es die Isolation des lyrischen Ichs mit dem Leid einer vergessenen „Kaisertochter“ – möglicherweise eine Anspielung auf eine historisch oder literarisch bekannte Figur – verwebt. Der Schauplatz auf Capri, mit seinen „schreckbaren Felsen“ und dem „verlassnen Strand“, unterstreicht die Isolation und dient als Spiegelbild der inneren Zerrissenheit des Sprechers.

Die Struktur des Gedichts offenbart die tiefe emotionale Verbindung zwischen dem lyrischen Ich und der „Julia“. Die wiederholte Anrede „O Julia“ und die Bitte, ihre Tränen zu teilen, verdeutlichen die Empathie und das Mitgefühl des Sprechers. Die Welt wird als kalt und urteilend dargestellt, die Liebe als etwas, das verurteilt und zerstört wird. Die Metaphern von „Unkraut“ und „Blumen, die ausgereutet werden“ visualisieren die Vernichtung der Liebe durch die Gesellschaft. Der Dichter reflektiert auch über die Tragödie der Welt und die Gleichheit des Schmerzes.

Die zentrale Botschaft des Gedichts ist die Ablehnung der gesellschaftlichen Konventionen und die Auflehnung gegen die „strenge Welt“. Das lyrische Ich findet Trost in der Verbindung mit der „Kaisertochter“, die ebenfalls von der Welt verstoßen wurde. Die letzten Verse, in denen die beiden sich in der Einsamkeit umarmen und die „matten Stimmen“ der Welt im Meeresrauschen untergehen lassen, drücken den Wunsch nach Freiheit von den Urteilen der Gesellschaft und nach einer Zuflucht in der Liebe und im gemeinsamen Leid aus. Der Schluss ist ein Akt der Rebellion und der Sehnsucht nach der Selbstbestimmung.

Waiblinger verwendet eine romantische Sprache mit pathetischen Wendungen und bildhaften Beschreibungen. Die Reime und die rhythmische Struktur des Gedichts verstärken den emotionalen Gehalt und erzeugen eine Atmosphäre der Melancholie und des Schmerzes. Die häufige Verwendung von Ausrufezeichen und die direkten Ansprachen unterstreichen die Leidenschaftlichkeit und die innere Erregung des Sprechers. Die gewählten Worte wie „Sünden“, „Qual“, „Schmerz“ und „Verbrechen“ tragen zu der düsteren Stimmung des Gedichts bei und unterstreichen die erlebten negativen Emotionen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.