Lieder aus Capri (9)
1893O Einsamkeit, wo ihre schweren Sünden Des Weltbeherrschers Tochter einst beweinte, Wie läß′st du ganz mich ihre Qual empfinden!
Die einst ihr der Verbannten Haus umgrauet, Schreckbare Felsen, deren kahle Wildniß Ins öde grüne Meer hinunterschauet,
Verlaßner Strand, wo nur die Woge brandet, Wo an der hochumrauschten Fischerhütte Schon lange Boot und Kahn nicht mehr gelandet;
Ihr bargt ein Herz, in Sinnenlust verwildert, Von Qualen einer Leidenschaft durchwühlet, Wie keines Byrons Schmerz sie noch geschildert.
Leicht ist dem besten Herzen ein Verbrechen, Sobald es liebt, noch leichter ist′s dem kalten Fühllosen Zorn zu strafen und zu rächen.
Schnell ist die strenge Welt bereit zu richten, Weil sie ein flammendes Gefühl der Liebe Nicht schaffen kann, so will sie′s doch zernichten.
O Julia, laß mich theilen deine Thränen, Die Schwermuth der Verbannung, die Erinn′rung Vergangner Lust, verlorner Heimath Sehnen.
Auch meine Liebe hat sie schlimm gedeutet, Die fluchbeladne Welt, und ihre Blumen Wie giftig Unkraut gänzlich ausgereutet.
Auch mir lag eine Julia in den Armen, Und Schuld und Unschuld, ach sie nannte beides Verbrechen ohne Scheu und ohn′ Erbarmen.
So schließe denn der Felsen alte Trauer Uns ein, und gern, verstoßne Kaisertochter, Umarm′ ich hier dich ohne Furcht und Schauer.
Sie mögen höhnisch unsre Namen schmähen, Mir bleibt mein Herz, und jene matten Stimmen Laß sie im Meeresbrausen untergehen.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Lieder aus Capri (9)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger thematisiert die Einsamkeit und das Schicksal der Julia, der Tochter des römischen Kaisers Augustus, die wegen ihrer Affäre mit dem Statthalter von Syrien verbannt wurde. Der Sprecher fühlt sich tief mit Julias Schmerz verbunden und empathisiert mit ihrer Verbannung und Sehnsucht nach ihrer verlorenen Heimat. Die Szenerie auf Capri wird als düster und verlassen beschrieben, mit schreckbaren Felsen, verlassenen Stränden und einer einsamen Fischerhütte. Diese Umgebung spiegelt die innere Zerrissenheit und die Qualen wider, die Julia durchlebt hat. Der Sprecher betont, dass selbst das beste Herz leicht zu einem Verbrechen neigt, wenn es liebt, und dass die Welt schnell urteilt und liebevolle Gefühle zerstören will. Der Sprecher sehnt sich danach, Julias Tränen und Trauer zu teilen und findet Trost in der Vorstellung, dass sie beide Opfer einer ungerechten Welt sind. Er umarmt Julia ohne Furcht und Schauer und lässt die spöttischen Stimmen der Welt im Meeresbrausen untergehen. Das Gedicht ist eine leidenschaftliche Verteidigung der Liebe und eine Kritik an der Härte und Ungerechtigkeit der Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Verlaßner Strand, wo nur die Woge brandet
- Apostrophe
- O Julia, laß mich theilen deine Thränen
- Bildsprache
- Schreckbare Felsen, deren kahle Wildniß Ins öde grüne Meer hinunterschauet
- Hyperbel
- Wie keines Byrons Schmerz sie noch geschildert
- Kontrast
- Leicht ist dem besten Herzen ein Verbrechen, Sobald es liebt, noch leichter ist's dem kalten Fühllosen Zorn zu strafen und zu rächen
- Metapher
- Die einst ihr der Verbannten Haus umgrauet
- Parallelismus
- Auch mir lag eine Julia in den Armen, Und Schuld und Unschuld, ach sie nannte beides Verbrechen ohne Scheu und ohn' Erbarmen
- Personifikation
- O Einsamkeit, wo ihre schweren Sünden Des Weltbeherrschers Tochter einst beweinte
- Rhetorische Frage
- Weil sie ein flammendes Gefühl der Liebe Nicht schaffen kann, so will sie's doch zernichten
- Symbolik
- Sie mögen höhnisch unsre Namen schmähen, Mir bleibt mein Herz, und jene matten Stimmen Laß sie im Meeresbrausen untergehen