Lieder aus Capri (8)
1893Dem Fischer, der das Netz den falschen Wellen So manches Jahr geduldig anvertrauet, Mag ich mich gern am Strande zugesellen.
Fast ist er nackt: vom heißen Sonnenscheine Gedunkelt und verbrannt ist Kopf und Nacken, Und Brust und Schulter, sind auch Arm′ und Beine.
Sein einz′ger Schmuck ist eine Wollenmütze, Beglückt ist er vielleicht in eines Kahnes, In einer Hütte sparsamem Besitze.
Ein Mädchen ist die Sehnsucht seiner Jugend, Und ihm getraut, so bringt′s ihm frische Kinder, Und übt bewußtlos eine strenge Tugend.
Die Kleinen lernen bald die Kunst der Alten. Das Netz zu ziehn, das Ruder keck zu führen, Den Dienst des Boots ausdauernd zu verwalten.
Oft sah ich′s, daß mit liebevollem Bangen Am Strand sie Mutter oder Weib erwartet, Und offnen Arms die Kehrenden empfangen.
Friedfertig, nur im Kampf oft mit dem Meere, Betreiben sie das Urgeschäft der Väter, Ein volles Netz giebt ihnen Ruhm und Ehre.
Welch Bild der Menschheit! Mit vermeßnem Willen Wagt ins Unendliche hinein sich Jeder, Das tägliche Bedürfniß nur zu stillen.
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Interpretation
Das Gedicht "Lieder aus Capri (8)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger zeichnet das einfache, aber erfüllte Leben eines Fischers und seiner Familie auf der Insel Capri nach. Der Fischer wird als bescheidener Mensch dargestellt, der geduldig und ausdauernd seinem Beruf nachgeht, trotz der Herausforderungen des Meeres. Sein Äußeres, gebräunt und vom harten Arbeiten gezeichnet, symbolisiert seine enge Verbindung zur Natur und seinen bescheidenen Lebensstil. Der einzige Schmuck, eine Wollmütze, unterstreicht seine Einfachheit und Zufriedenheit mit dem Wenigen, das er besitzt. Das Gedicht betont die familiären Bindungen und die Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Der Fischer hat eine geliebte Frau und Kinder, die früh die Fähigkeiten ihres Vaters erlernen. Die Frauen am Strand warten sehnsüchtig auf die Rückkehr der Fischer, was die emotionale Tiefe und die Abhängigkeit voneinander in dieser Gemeinschaft zeigt. Die Kinder lernen das Handwerk ihrer Väter, was die Fortsetzung des Lebensunterhalts und die Bewahrung der Traditionen sichert. Abschließend reflektiert das Gedicht über die menschliche Natur und das Streben nach dem täglichen Überleben. Der Fischer und seine Familie verkörpern das "Urgeschäft der Väter", das in Harmonie mit der Natur ausgeführt wird. Trotz der Einfachheit ihres Lebens finden sie Ehre und Zufriedenheit in ihrer Arbeit. Das Gedicht deutet an, dass das menschliche Streben oft im Wahren des Notwendigen liegt, und dass die Verbindung zur Natur und zur Gemeinschaft ein erfülltes Leben ermöglicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Fast ist er nackt: vom heißen Sonnenscheine / Gedunkelt und verbrannt ist Kopf und Nacken
- Hyperbel
- Welch Bild der Menschheit! Mit vermeßnem Willen / Wagt ins Unendliche hinein sich Jeder
- Metapher
- Dem Fischer, der das Netz den falschen Wellen / So manches Jahr geduldig anvertrauet
- Parallelismus
- Das Netz zu ziehn, das Ruder keck zu führen, / Den Dienst des Boots ausdauernd zu verwalten
- Personifikation
- Nur im Kampf oft mit dem Meere
- Symbolik
- Ein volles Netz giebt ihnen Ruhm und Ehre
- Vergleich
- Sein einz′ger Schmuck ist eine Wollenmütze, / Beglückt ist er vielleicht in eines Kahnes