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Lieder aus Capri (8)

Von

Dem Fischer, der das Netz den falschen Wellen
So manches Jahr geduldig anvertrauet,
Mag ich mich gern am Strande zugesellen.

Fast ist er nackt: vom heißen Sonnenscheine
Gedunkelt und verbrannt ist Kopf und Nacken,
Und Brust und Schulter, sind auch Arm′ und Beine.

Sein einz′ger Schmuck ist eine Wollenmütze,
Beglückt ist er vielleicht in eines Kahnes,
In einer Hütte sparsamem Besitze.

Ein Mädchen ist die Sehnsucht seiner Jugend,
Und ihm getraut, so bringt′s ihm frische Kinder,
Und übt bewußtlos eine strenge Tugend.

Die Kleinen lernen bald die Kunst der Alten.
Das Netz zu ziehn, das Ruder keck zu führen,
Den Dienst des Boots ausdauernd zu verwalten.

Oft sah ich′s, daß mit liebevollem Bangen
Am Strand sie Mutter oder Weib erwartet,
Und offnen Arms die Kehrenden empfangen.

Friedfertig, nur im Kampf oft mit dem Meere,
Betreiben sie das Urgeschäft der Väter,
Ein volles Netz giebt ihnen Ruhm und Ehre.

Welch Bild der Menschheit! Mit vermeßnem Willen
Wagt ins Unendliche hinein sich Jeder,
Das tägliche Bedürfniß nur zu stillen.

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Gedicht: Lieder aus Capri (8) von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder aus Capri (8)“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger zeichnet ein idyllisches Bild vom Leben der Fischer auf Capri, wobei es gleichzeitig eine tiefere Reflexion über die menschliche Existenz und die Verlässlichkeit traditioneller Lebensweisen anbietet. Die ersten Strophen beschreiben den Fischer, sein äußeres Erscheinungsbild und seine einfache Lebensweise. Die detaillierte Beschreibung des vom Sonnenlicht gebräunten Körpers unterstreicht die körperliche Arbeit und die enge Verbundenheit des Fischers mit der Natur und dem Meer. Seine wenigen Besitztümer, wie die Wollmütze und die karge Hütte, deuten auf ein Leben ohne großen Luxus hin, aber auch auf eine Zufriedenheit mit dem Wesentlichen.

Die zweite Hälfte des Gedichts lenkt den Fokus auf die Gemeinschaft und die nächste Generation. Die Erwähnung der „Sehnsucht“ nach einem Mädchen und die daraus resultierenden „frischen Kinder“ deutet auf die Bedeutung von Familie und Fortpflanzung innerhalb dieser Lebensweise hin. Die Kinder lernen früh die Fertigkeiten ihrer Väter und setzen die Tradition fort. Die Zeilen über die erwartungsvollen Frauen am Strand, die die Rückkehrer mit offenen Armen empfangen, unterstreichen die Bedeutung von Zusammenhalt, Liebe und Geborgenheit innerhalb der Gemeinschaft. Dies steht im Kontrast zu dem rauen, oft gefährlichen Arbeitsalltag der Fischer.

Die vorletzte Strophe hebt das friedliche Leben der Fischer hervor, das durch den ständigen Kampf mit dem Meer geprägt ist. Der Fischfang wird als das „Urgeschäft der Väter“ beschrieben, wodurch die Tradition und Kontinuität dieses Lebensstils betont werden. Der Erfolg, symbolisiert durch ein „volles Netz“, wird als Quelle von „Ruhm und Ehre“ angesehen, was die Bedeutung von harter Arbeit und Tradition im Leben der Fischer widerspiegelt. Die letzte Strophe abstrahiert die dargelegte Szenerie zu einer universellen Aussage über die Menschheit.

Die letzte Strophe eröffnet eine überraschende Perspektive, indem sie das Leben der Fischer als Metapher für die gesamte Menschheit deutet. Der „vermessene Wille“ des Einzelnen, der sich „ins Unendliche“ wagt, um das „tägliche Bedürfnis“ zu stillen, spiegelt das Streben der Menschen nach Überleben und Auskommen wider. Das Gedicht stellt somit die Frage nach dem Sinn des menschlichen Strebens und nach dem Gleichgewicht zwischen individuellen Ambitionen und der Notwendigkeit, sich den natürlichen Gegebenheiten anzupassen. Das Gedicht ist ein Loblied auf das einfache Leben und die Beständigkeit, zugleich aber auch eine Reflexion über die Komplexität und die universellen Fragen der menschlichen Existenz.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.