Lieder aus Capri (7)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1830

Zwar keinen Freund, der gleich geliebt den Musen, Begeisterung entzündend und empfangend, Im schönen Taumel sänk′ an diesen Busen,

Kein Mädchen hab′ ich, das am Arm mir gienge, Wenn mich der Gott beseelt, schon auf der Lippe Das heiße Lied mit einem Kuß empfienge.

Kaum blieb mir die Erinn′rung noch an beides, Doch, ach, es ist nicht der vergangnen Freuden, Nur die Erinnerung vergangnen Leides.

Mein Umgang, meine Freunde sind die alten Entblößten Felsen, der umrauschten Klippen Schwermüthige gigantische Gestalten.

Denn wie die Insel fern vom festen Lande Verlassen ruht, so knüpfen mich ans Leben Nicht mehr beglückende beglückte Bande.

Wohl bin ich einsam, bin ich abgeschlossen, Mein einzig Gut ist, meine einz′ge Habe, Was ich gelitten, was ich einst genossen.

Dem Meere gleich, seh′ ich im Wellenzuge Der Menschheit Wechselstrom vorüber treiben, Ich folge nicht mehr seinem falschen Truge.

Doch wie der Fels nicht mehr im Spiel der Wogen Und Winde sich vergnügt, die seine Pfeiler In ew′ger Wiederholung stets umzogen;

Wie hier der Aloe stolz Gewächs erblühet, Dort Indiens Feige, Palmen und Oliven, Hier saft′gem Laubgrün die Orang′ entglühet:

So ist nicht unfruchtbar mein stilles Leben, In Fülle reifen goldne duft′ge Früchte, Im Sonnenschein die Edelste der Reben.

Wird sie zuletzt der schöne Gott bemeistern, So wird sie euch, zu reinem Wein verwandelt, Als feuriger Gesang das Herz begeistern.

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Illustration zu Lieder aus Capri (7)

Interpretation

Das Gedicht "Lieder aus Capri (7)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger handelt von der Einsamkeit und der Selbstreflexion des lyrischen Ichs. Das Gedicht beginnt mit der Klage über den Mangel an Freunden und einer Geliebten, die das lyrische Ich in seinen künstlerischen Bestrebungen begleiten könnten. Die Erinnerung an vergangene Freuden und Leiden ist das Einzige, was dem lyrischen Ich bleibt. Das lyrische Ich beschreibt seinen Umgang mit den alten, entblößten Felsen und den schwermütigen, gigantischen Gestalten der umrauschten Klippen. Es fühlt sich wie die Insel Capri, fern vom festen Lande, verlassen und von beglückenden Banden gelöst. Die Einsamkeit und Abschlossenheit werden als einziges Gut und Habe des lyrischen Ichs beschrieben. Das lyrische Ich vergleicht sich mit dem Meer, das den Wechselstrom der Menschheit vorüber treiben sieht, aber ihm nicht mehr folgt. Es hat sich von den falschen Versprechungen der Welt abgewandt und findet in seiner Einsamkeit eine Art von Fruchtbarkeit. Wie der Fels, der sich nicht mehr im Spiel der Wogen und Winde vergnügt, und wie die Pflanzen, die an verschiedenen Stellen der Insel wachsen, ist auch das Leben des lyrischen Ichs nicht unfruchtbar. Es reifen goldene, duftige Früchte und die edelsten Trauben in der Sonne. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass der schöne Gott das Leben des lyrischen Ichs beherrschen wird. Die Früchte seines stillen Lebens werden zu reinem Wein verwandelt und als feuriger Gesang das Herz begeistern. Das lyrische Ich findet in seiner Einsamkeit und Selbstreflexion eine Art von künstlerischer Inspiration und Hoffnung auf eine erfüllte Zukunft.

Schlüsselwörter

mehr gleich gott vergangnen leben zwar keinen freund

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Verlassenen Felsen, der umrauschten Klippen
Hyperbel
Kaum blieb mir die Erinn′rung noch an beides
Kontrast
Doch wie der Fels nicht mehr im Spiel der Wogen
Metapher
So ist nicht unfruchtbar mein stilles Leben
Personifikation
Der umrauschten Klippen Schwermüthige gigantische Gestalten
Symbolik
Hier saft′gem Laubgrün die Orang′ entglühet
Vergleich
Dem Meere gleich, seh′ ich im Wellenzuge