Emotionen & Gefühle, Feiern, Frühling, Götter, Heldenmut, Himmel & Wolken, Hoffnung, Liebe & Romantik, Natur, Sommer, Unschuld
Lieder aus Capri (6)
Wer hätte je so schwesterlich verbunden
Die Kraft der ungesell′gen Elemente
In einem einz′gen schönen Stern gefunden?
Verklärt schien mir in seinem Glanz die Erde,
Das Irdische verewigt und vergeistigt,
Ich wähnte, daß es nie vergehen werde.
Des ganzen Himmels Schöne lacht′ in blauen,
In offnen, undurchdringlich hellen Tiefen,
Nie konnt′ ich bis zu ihrem Grunde schauen.
Sein Licht, es galt mir mehr als Mond und Sonne,
Den Frühling bringen sie, mir brachte jenes
Die keuschen Rosen erster Liebeswonne.
Ach denk′ ich gar der süßen, heißen Fluthen,
Womit der Schmerz, die Wehmuth es gefeuchtet,
Fängt mir′s im tiefsten Herzen an zu bluten.
Genügt dir Eines schon, der Stürme Wehen,
Die Macht des Meers, der Flammen und der Erde,
Nur Eins, im Elemente zu vergehen,
Dann darf der Sterbliche fürwahr nicht klagen,
Der einst sie alle seelenvoll zerflossen
In eines Auges feuchtem Licht ertragen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Lieder aus Capri (6)“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Ode an eine tiefe, überwältigende Erfahrung, die im ersten Moment von grenzenloser Schönheit und Erhebung geprägt ist, im Nachhinein jedoch von Schmerz und Verlust überschattet wird. Der zentrale Gegenstand dieser Erfahrung ist ein „einzig′ schöner Stern“, der die Elemente vereint und die Erde verklärt. Die ersten drei Strophen beschreiben die Erhabenheit dieser Erfahrung, das Gefühl der Ewigkeit und der unendlichen Schönheit, die im Licht des Sterns widergespiegelt wird.
Die zweite Hälfte des Gedichts kippt die Stimmung. In den letzten drei Strophen kehrt die Erinnerung an diese Erfahrung als Quelle von Schmerz und Wehmut zurück. Die „süßen, heißen Fluthen“ des Schmerzes, die das Herz bluten lassen, deuten auf eine verlorene Liebe oder eine unerreichbare Sehnsucht hin, die mit der Erinnerung an den Stern verbunden ist. Der Stern, der einst mehr als Mond und Sonne bedeutete, erinnert nun an ein Gefühl, das sowohl von Ekstase als auch von tiefem Leid geprägt ist. Die Zeilen suggerieren eine Verschmelzung mit dem Objekt der Sehnsucht, ein Auflösen in einem feuchten, tränenreichen Licht.
Die Struktur des Gedichts spiegelt diese emotionale Achterbahnfahrt wider. Die ersten drei Strophen sind geprägt von beschreibenden, fast hymnischen Versen, die die Schönheit und das Erhabene hervorheben. Die letzten drei Strophen dagegen sind von einem direkteren, subjektiveren Tonfall gekennzeichnet, der das persönliche Leid und die Trauer zum Ausdruck bringt. Die letzte Strophe bietet eine versöhnliche Note, indem sie die Fähigkeit des Sterblichen betont, diese Erfahrung und den damit verbundenen Schmerz zu ertragen.
Waiblinger verwendet eine bildreiche Sprache, um die Intensität der Gefühle zu vermitteln. Der „Stern“ steht als Metapher für ein Ideal, eine Liebe oder eine Erfahrung, die das Leben des Sprechers fundamental verändert hat. Die Elemente, die sich in dem Stern vereinen (Stürme, Meer, Flammen, Erde), deuten auf die Urgewalt und die Vielschichtigkeit der erlebten Emotionen hin. Die Verwendung von Begriffen wie „verklärt“, „verewigt“ und „vergeistigt“ im ersten Teil steht im starken Kontrast zu dem „Bluten“ und der „Wehmut“ im zweiten Teil, was die Tiefe des Verlustes und die Ambivalenz der Erinnerung unterstreicht.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.