Lieder aus Capri (5)
1893Es baut der Mensch im wohlbepflanzten Garten, Und zieht der Rebe fruchtbares Gewinde Von Baum zu Baum in freudigem Erwarten.
So grünt denn selbst, vom Menschenfleiß bebauet, Der kahle Fels, der aus dem Meere starret, Der Gärtner erndtet, weil er fest vertrauet.
Vom Vogelfange nähret sich der Arme, Die steilste Klippe weiß er zu erklettern, Und lauert kühn nach dem verborgnen Schwarme.
Er zittert nicht, wenn er zum Abgrund schauet, Wo tief die grüne Meereswoge brandet, Erreicht die Beute, weil er fest vertrauet.
Das Element des Fischers ist die Welle, Sein Boot ist sicher, und er achtet′s wenig, Ob′s um ihn schäum′ und auf und nieder schwelle,
Er kennt die See, so wie sein Haus; ihm grauet Vor ihrer Falschheit nicht, er senkt die Netze, Und er gewinnet, weil er fest vertrauet.
Erscheint mir so der Gärtner in Gedanken, Der Jäger auf dem luft′gen Felsenwege, Der Fischer in des Wassers wildem Schwanken,
Und fällt mir ein, worauf ich einst gebauet, Auf Lieb′ und Treu′ und Wort, so find′ ich leider, Daß ich verloren, weil ich fest vertrauet.
Den Glücklichen ist alle Ruh beschieden, Ich aber jage nur nach eitlem Ruhme, So sah denn auch noch keiner mich zufrieden.
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Interpretation
Das Gedicht "Lieder aus Capri (5)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt das Vertrauen und die Ausdauer der Menschen auf der Insel Capri in ihrem täglichen Leben und Wirken. Es zeigt die verschiedenen Lebensweisen der Gärtner, Jäger und Fischer, die trotz der Widrigkeiten und Gefahren ihrer Arbeit standhaft bleiben und auf ihren Erfolg vertrauen. In den ersten drei Strophen wird das Vertrauen und die Ausdauer der Gärtner, Jäger und Fischer auf der Insel Capri dargestellt. Der Gärtner baut im gut bepflanzten Garten und zieht die Rebe von Baum zu Baum in freudiger Erwartung. Der kahle Fels, der aus dem Meer starrt, grünt durch den menschlichen Fleiß und der Gärtner erntet, weil er fest vertraut. Der Jäger ernährt sich vom Vogelfang und erklimmt die steilste Klippe, um den verborgenen Schwarm zu erlegen. Er zittert nicht, wenn er zum Abgrund schaut, wo die grüne Meereswoge brandet, und erreicht die Beute, weil er fest vertraut. Der Fischer ist das Element der Welle und sein Boot ist sicher. Er kennt das Meer wie sein Haus und senkt die Netze, weil er fest vertraut. In der vierten Strophe reflektiert der Sprecher über sein eigenes Leben und stellt fest, dass er auf Liebe, Treue und Wort gebaut hat, aber verloren hat, weil er fest vertraut hat. Der Sprecher scheint enttäuscht und unzufrieden zu sein, da er nur nach eitlem Ruhm jagt und nie zufrieden war. Im Gegensatz dazu sind die glücklichen Menschen mit aller Ruhe gesegnet. Insgesamt zeigt das Gedicht die Kontraste zwischen dem Vertrauen und der Ausdauer der Menschen auf der Insel Capri und der Enttäuschung und Unzufriedenheit des Sprechers. Es verdeutlicht die Bedeutung von Vertrauen und Ausdauer im Leben und wie diese Eigenschaften zum Erfolg führen können, während mangelndes Vertrauen und ständiges Streben nach Ruhm zu Enttäuschung und Unzufriedenheit führen können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Vom Vogelfange nähret sich der Arme
- Hyperbel
- Die steilste Klippe weiß er zu erklettern
- Kontrast
- Den Glücklichen ist alle Ruh beschieden, Ich aber jage nur nach eitlem Ruhme
- Metapher
- Es baut der Mensch im wohlbepflanzten Garten, Und zieht der Rebe fruchtbares Gewinde Von Baum zu Baum in freudigem Erwarten.
- Personifikation
- Der kahle Fels, der aus dem Meere starret