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Lieder aus Capri (5)

Von

Es baut der Mensch im wohlbepflanzten Garten,
Und zieht der Rebe fruchtbares Gewinde
Von Baum zu Baum in freudigem Erwarten.

So grünt denn selbst, vom Menschenfleiß bebauet,
Der kahle Fels, der aus dem Meere starret,
Der Gärtner erndtet, weil er fest vertrauet.

Vom Vogelfange nähret sich der Arme,
Die steilste Klippe weiß er zu erklettern,
Und lauert kühn nach dem verborgnen Schwarme.

Er zittert nicht, wenn er zum Abgrund schauet,
Wo tief die grüne Meereswoge brandet,
Erreicht die Beute, weil er fest vertrauet.

Das Element des Fischers ist die Welle,
Sein Boot ist sicher, und er achtet′s wenig,
Ob′s um ihn schäum′ und auf und nieder schwelle,

Er kennt die See, so wie sein Haus; ihm grauet
Vor ihrer Falschheit nicht, er senkt die Netze,
Und er gewinnet, weil er fest vertrauet.

Erscheint mir so der Gärtner in Gedanken,
Der Jäger auf dem luft′gen Felsenwege,
Der Fischer in des Wassers wildem Schwanken,

Und fällt mir ein, worauf ich einst gebauet,
Auf Lieb′ und Treu′ und Wort, so find′ ich leider,
Daß ich verloren, weil ich fest vertrauet.

Den Glücklichen ist alle Ruh beschieden,
Ich aber jage nur nach eitlem Ruhme,
So sah denn auch noch keiner mich zufrieden.

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Gedicht: Lieder aus Capri (5) von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder aus Capri (5)“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine melancholische Reflexion über das Vertrauen und seine Folgen. Es präsentiert zunächst drei Bilder von Menschen, die durch fleißige Arbeit und Vertrauen in ihre Fähigkeiten erfolgreich sind: den Gärtner, den Jäger und den Fischer. Diese Figuren sind eingebettet in eine idyllische Umgebung, in der die Natur vom Menschen geformt und genutzt wird. Der Kontrast zwischen dem positiven, erfolgreichen Bild der fleißigen Arbeiter und der abschließenden Betrachtung des lyrischen Ichs unterstreicht die zentrale Thematik des Gedichts.

Die ersten vier Strophen beschreiben die positive Erfahrung des Vertrauens und des Erfolgs, indem sie die Welt der Arbeiter und ihre Beziehung zur Natur darstellen. Der Gärtner baut und erntet, der Jäger erklettert gefährliche Klippen und der Fischer trotzt den Wellen. Alle drei teilen die Eigenschaft des Vertrauens in ihre Fähigkeiten und in die Natur, was ihnen Erfolg und Nahrung bringt. Die Verse sind rhythmisch und beschreibend, wodurch eine Atmosphäre der Sicherheit und des Erfolgs erzeugt wird, die das Leben des Menschen widerspiegelt, der im Einklang mit der Natur steht. Die Formulierung „weil er fest vertrauet“ kehrt in jeder dieser Strophen wieder, wodurch die Wichtigkeit des Vertrauens als Schlüssel zum Erfolg betont wird.

In den letzten beiden Strophen erfolgt eine Wendung, die das vorhergehende Idyll aufbricht. Das lyrische Ich zieht eine Parallele zwischen den erfolgreichen Arbeitern und seinem eigenen Leben. Er stellt fest, dass er, im Gegensatz zu ihnen, durch sein Vertrauen in Liebe, Treue und Worte gescheitert ist. Diese Erkenntnis führt zu einem Gefühl des Verlustes und der Enttäuschung, da er feststellen muss, dass sein Vertrauen missbraucht wurde. Die letzten Verse drücken die Unzufriedenheit des lyrischen Ichs aus, da er sich nach „eitlem Ruhme“ sehnt und dabei das wahre Glück, das den glücklichen Menschen „beschieden“ ist, verfehlt.

Das Gedicht ist somit eine Reflexion über die Komplexität des Vertrauens. Es verdeutlicht, wie Vertrauen in der physischen Welt, in die eigene Arbeit und die Natur, zu Erfolg führen kann, während es in der menschlichen Beziehungen zu Enttäuschung führen kann. Waiblinger stellt die Frage, ob Vertrauen an sich immer eine Tugend ist oder ob es manchmal, wie im Falle des lyrischen Ichs, zu Verletzlichkeit und Leid führen kann. Der Kontrast zwischen der äußeren Welt, in der Vertrauen belohnt wird, und der inneren Welt des lyrischen Ichs, in der Vertrauen Verrat bedeutet, macht das Gedicht zu einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit der Natur des menschlichen Lebens und der Suche nach Glück.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.