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Lieder aus Capri (4)

Von

Ich habe dich geliebt,
Und Treue bis zum Grabe dir geschworen,
Und doch hab′ ich dein Herz so schwer betrübt.

So oft vergaß ich dein,
Denn andre Länder bringen andre Freuden,
Doch immer bliebst du in der Ferne mein.

Dein hab′ ich mich genannt,
Mich dir geweiht zu ewigen Gefühlen,
Und dennoch hast du mich so tief verkannt.

Du kennst mein falsches Herz,
Und doch hab′ ich dich nie, o süße Seele,
So wahr geliebt, als in der Trennung Schmerz.

Zu leben ohne dich,
Ich schwur und glaubte, daß ich′s nicht vermöchte,
Und dennoch leb′ ich, lebst du ohne mich.

Blüht mir auch andres Glück,
Hab′ ich auch längst mein schwankend Herz vergeben,
So weint es doch, kehrt ihm dein Bild zurück.

Auf heitres Wiedersehn
War unser schluchzend Wort beim letzten Kusse,
Und dennoch wird und mag es nie geschehn.

Du littest lang und schwer,
Doch daß die Zeit mein schmerzlich Angedenken
Nicht längst vertilgt, wer gäbe mir Gewähr?

Drum däuchte mir denn fast,
Solch′ eine Lieb, solch′ ein Wechselglühen
War uns im Frühling eine Blumenlast.

Nun da sie abgeblüht,
So kränzen wir das Haupt mit frischen Rosen,
Und bleiben glücklich, auch wann sie verglüht.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Lieder aus Capri (4) von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder aus Capri (4)“ von Wilhelm Waiblinger ist eine melancholische Reflexion über eine vergangene Liebe, die von Schuld, Reue und dem Paradoxon des Weiterlebens geprägt ist. Es beschreibt das Zerbrechen einer Beziehung aus der Perspektive eines lyrischen Ichs, das seine Fehler erkennt und die Komplexität menschlicher Emotionen auslotet.

Die Struktur des Gedichts ist durch einen Wechsel von Geständnis, Entschuldigung und resignierter Erkenntnis gekennzeichnet. In den ersten drei Strophen bekennt das lyrische Ich seine Untreue, seine Versäumnisse und die daraus resultierende Verletzung der geliebten Person. Es schwört Treue, vergisst aber gleichzeitig die Geliebte durch die Ablenkungen anderer Länder und Freuden. Der Gegensatz zwischen den geschworenen Gefühlen und dem tatsächlichen Verhalten des Ichs spiegelt die innere Zerrissenheit und die Unbeständigkeit des menschlichen Herzens wider. Das „falsche Herz“ des lyrischen Ichs, wie es selbstkritisch bekennt, ist verantwortlich für den Schmerz, der der Geliebten zugefügt wurde.

In den darauffolgenden Strophen offenbart sich die Ambivalenz der Gefühle. Obwohl das Ich glaubte, ohne die Geliebte nicht leben zu können, ist es dennoch dazu in der Lage. Es findet sogar neues Glück, aber das Bild der vergangenen Liebe kehrt immer wieder zurück und löst Sehnsucht und Trauer aus. Der Kontrast zwischen dem einst geschworenen „heitren Wiedersehn“ und der Erkenntnis, dass dies niemals geschehen wird, unterstreicht die Tragik der Situation. Die abschließenden Strophen legen eine resignierte Akzeptanz nahe. Die Liebe, die einst wie eine Last von Blumen erschien, ist nun verblüht, und das lyrische Ich versucht, sich mit frischen Rosen zu krönen, also nach vorne zu blicken. Es scheint, als sei die Liebe nun ein Teil der Vergangenheit geworden, die man zwar betrauert, aber dennoch loslassen muss, um glücklich weiterleben zu können.

Waiblingers Gedicht zeichnet sich durch eine Mischung aus Selbstvorwürfen, Sehnsucht und dem Bemühen, die eigene Schuld zu verstehen, aus. Die schlichte Sprache und die einfachen Reime unterstreichen die Direktheit der Emotionen. Das Gedicht ist ein tiefgründiger Ausdruck menschlicher Erfahrung – der Unbeständigkeit der Liebe, der Schwierigkeit, Treue zu wahren, und der menschlichen Fähigkeit, sich anzupassen und trotz Schmerz weiterzuleben. Das Bild der abgeblühten Blumen, ersetzt durch frische Rosen, ist ein starkes Sinnbild für den Kreislauf des Lebens und die Möglichkeit des Neubeginns nach Verlust und Enttäuschung.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.