Lieder aus Capri (4)
1893Ich habe dich geliebt, Und Treue bis zum Grabe dir geschworen, Und doch hab′ ich dein Herz so schwer betrübt.
So oft vergaß ich dein, Denn andre Länder bringen andre Freuden, Doch immer bliebst du in der Ferne mein.
Dein hab′ ich mich genannt, Mich dir geweiht zu ewigen Gefühlen, Und dennoch hast du mich so tief verkannt.
Du kennst mein falsches Herz, Und doch hab′ ich dich nie, o süße Seele, So wahr geliebt, als in der Trennung Schmerz.
Zu leben ohne dich, Ich schwur und glaubte, daß ich′s nicht vermöchte, Und dennoch leb′ ich, lebst du ohne mich.
Blüht mir auch andres Glück, Hab′ ich auch längst mein schwankend Herz vergeben, So weint es doch, kehrt ihm dein Bild zurück.
Auf heitres Wiedersehn War unser schluchzend Wort beim letzten Kusse, Und dennoch wird und mag es nie geschehn.
Du littest lang und schwer, Doch daß die Zeit mein schmerzlich Angedenken Nicht längst vertilgt, wer gäbe mir Gewähr?
Drum däuchte mir denn fast, Solch′ eine Lieb, solch′ ein Wechselglühen War uns im Frühling eine Blumenlast.
Nun da sie abgeblüht, So kränzen wir das Haupt mit frischen Rosen, Und bleiben glücklich, auch wann sie verglüht.
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Interpretation
Das Gedicht "Lieder aus Capri (4)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger thematisiert die komplexen und widersprüchlichen Gefühle einer unerfüllten Liebe. Der Sprecher reflektiert über seine tiefe Zuneigung zu einer geliebten Person, die durch räumliche Distanz und eigene Schwächen belastet wurde. Er gesteht ein, dass er die Geliebte oft vergaß, da andere Orte und Freuden ihn ablenkten, betont aber gleichzeitig, dass sie in der Ferne stets sein Herz besetzte. Die Ironie der Situation liegt darin, dass der Sprecher zwar Treue bis zum Grab geschworen hatte, seine Geliebte aber tief enttäuschte. Er erkennt an, dass sein Herz falsch und schwankend war, doch beteuert er, dass seine Liebe in der Trennung am wahrsten war. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen, das einst beim letzten Kuss ausgesprochen wurde, scheint nun unerreichbar, da die Zeit und die Leiden der Geliebten die Erinnerung verblassen lassen könnten. Im letzten Teil des Gedichts vergleicht der Sprecher die Liebe mit einer Blumenlast, die im Frühling blühte, aber nun verwelkt ist. Trotz des Verlustes schlägt er vor, das Haupt mit frischen Rosen zu kränzen und im Loslassen Glück zu finden. Dies deutet auf eine Art Resignation und Akzeptanz hin, dass die Liebe, wie die Jahreszeiten, ihren Lauf nimmt und Platz für Neues schafft.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Ich habe dich geliebt, / Und Treue bis zum Grabe dir geschworen, / Und doch hab' ich dein Herz so schwer betrübt.
- Gegensatz
- Ich habe dich geliebt, / Und Treue bis zum Grabe dir geschworen, / Und doch hab' ich dein Herz so schwer betrübt.
- Metapher
- So kränzen wir das Haupt mit frischen Rosen
- Personifikation
- So weint es doch, kehrt ihm dein Bild zurück
- Rhetorische Frage
- Und dennoch wird und mag es nie geschehn.