Lieder aus Capri (3)
Besteig′ ich nach des Sommertages Schwühle
Mein südlich Dach, auf traulichem Gesteine
Mich dein zu freuen, holde Abendkühle,
Betracht′ ich so in wohlgefäll′gen Träumen
Die Stadt, am grauen Felsen des Solaro,
Umblüht von Gärten und zerstreuten Bäumen,
Erhebt sich an begrünter Rebenmauer
Des Ostens halbverwaistes Kind, die Palme,
So einsam, und so stolz in ihrer Trauer,
Und seh′ ich bis in ungemessne Weiten
Voll Sonnenglanz, sich zwischen rauhen Felsen,
Mit manchem fernen Schiff das Meer verbreiten,
Dann glaub′ ich, daß Minervens Kap entnommen,
Vielleicht durch Zaubermacht bewegt, die Insel
Längst in ein morgenländisch Meer geschwommen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Lieder aus Capri (3)“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger entführt den Leser in die idyllische Szenerie der Insel Capri und evoziert eine melancholische Stimmung, die von Sehnsucht und der Schönheit der Natur geprägt ist. Der Dichter beschreibt zunächst das Erleben der kühlen Abendluft nach der Hitze des Tages, während er sich auf einem Dach ausruht, um die Umgebung zu betrachten.
Die Verse zeichnen ein detailliertes Bild der Landschaft: Die Stadt, eingebettet in die Felsen des Solaro, umgeben von Gärten und Bäumen. Besonders hervorgehoben wird die Palme, als „halbverwaistes Kind des Ostens“, die einsam und stolz in ihrer Trauer am Hang emporragt. Diese Beschreibung der Palme, die sich von der Umgebung abhebt, deutet auf eine persönliche Empfindung des Dichters hin, die möglicherweise auf Einsamkeit oder Heimweh zurückzuführen ist. Die Erwähnung der Palme als „halbverwaist“ verstärkt diese Interpretation und verleiht dem Gedicht eine zusätzliche Ebene der Melancholie.
Der Blick schweift weiter über das Meer, das sich in unendlicher Weite ausbreitet, voller Sonnenglanz, und durchzogen von Schiffen. Diese Beschreibung der Weite und der sonnigen Umgebung kontrastiert mit der Einsamkeit, die durch die Palme ausgedrückt wird. Die Reise des Dichters geht weiter, hin zu einer imaginären Vision: er stellt sich vor, die Insel Capri könnte wie durch Zauberkraft aus der antiken Welt stammen und sich in ein östliches Meer bewegen.
Die Sprache Waiblingers ist bildhaft und sinnlich, geprägt von der Naturbeschreibung und den Stimmungen, die die Landschaft hervorruft. Das Gedicht entfaltet eine Atmosphäre, die zwischen Freude und Melancholie schwankt, und vermittelt ein Gefühl der Ehrfurcht vor der Schönheit der Natur und der Sehnsucht nach einem anderen Ort oder einer anderen Zeit. Es ist ein Gedicht der Beobachtung und der inneren Reflexion, das die Fähigkeit des Dichters zeigt, die Umgebung in seinen Emotionen widerzuspiegeln.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.