Lieder aus Capri (3)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Besteig′ ich nach des Sommertages Schwühle Mein südlich Dach, auf traulichem Gesteine Mich dein zu freuen, holde Abendkühle,

Betracht′ ich so in wohlgefäll′gen Träumen Die Stadt, am grauen Felsen des Solaro, Umblüht von Gärten und zerstreuten Bäumen,

Erhebt sich an begrünter Rebenmauer Des Ostens halbverwaistes Kind, die Palme, So einsam, und so stolz in ihrer Trauer,

Und seh′ ich bis in ungemessne Weiten Voll Sonnenglanz, sich zwischen rauhen Felsen, Mit manchem fernen Schiff das Meer verbreiten,

Dann glaub′ ich, daß Minervens Kap entnommen, Vielleicht durch Zaubermacht bewegt, die Insel Längst in ein morgenländisch Meer geschwommen.

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Illustration zu Lieder aus Capri (3)

Interpretation

Das Gedicht "Lieder aus Capri (3)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt eine idyllische Sommerabendstimmung auf der Insel Capri. Der Sprecher steigt nach einem heißen Sommertag auf sein Dach, um die kühle Abendluft zu genießen. In wohlgefälligen Träumen betrachtet er die Stadt, die am grauen Felsen des Solaro emporragt, umgeben von Gärten und verstreuten Bäumen. Die Beschreibung der Landschaft wird durch die Betrachtung einer Palme ergänzt, die als "des Ostens halbverwaistes Kind" bezeichnet wird. Sie steht einsam und stolz in ihrer Trauer an einer begrünten Rebenmauer. Der Anblick der Palme verstärkt die orientalische Atmosphäre, die das Gedicht vermittelt. Im letzten Vers des Gedichts erweitert sich der Blick des Sprechers bis zu den unermesslichen Weiten des Meeres, das sich voller Sonnenglanz zwischen rauen Felsen erstreckt und von fernen Schiffen durchzogen wird. In diesem Moment glaubt der Sprecher, dass die Insel Capri, möglicherweise durch Zauberkraft bewegt, aus dem Mittelmeer in ein morgenländisches Meer geschwommen sein könnte. Damit wird die exotische und märchenhafte Stimmung des Gedichts noch verstärkt.

Schlüsselwörter

felsen meer besteig sommertages schwühle südlich dach traulichem

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Stilmittel

Alliteration
Sonnenglanz, sich zwischen rauhen Felsen
Anspielung
Minervens Kap
Bildsprache
Umblüht von Gärten und zerstreuten Bäumen
Fantasie
Vielleicht durch Zaubermacht bewegt, die Insel
Hyperbel
In ungemessne Weiten
Metapher
Das südlich Dach
Personifikation
die Stadt, am grauen Felsen des Solaro
Symbolik
Des Ostens halbverwaistes Kind, die Palme
Vergleich
So einsam, und so stolz in ihrer Trauer