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Lieder aus Capri (2)

Von

Der Feinde hatt′ ich immer allzuviele;
Oft seh′ ich sie, gleich zaubrischen Figuren,
Vorüberziehn im stillen Schattenspiele.

Ich habe viel, und wurde viel beleidigt,
Ich fühlte manchen Schmerz, und weckte manchen,
Oft hab′ ich andre, wen′ge mich vertheidigt.

Von wen′gen Herzen bin ich selbst geschieden,
Bekennen muß ich, daß die Lieben Theuern
Mich meist zuerst geflohen und gemieden.

Falsch war ich nie, so oft sie′s auch mich hießen,
Ich täuschte nur, weil ich mich selbst getäuschet,
Beweinte sie, die mich enttäuscht verließen.

Ein ewig Scheiden und ein ewig Lassen
War so mein Leben, doch die alten Freunde
Der Heimath sind′s, die mich am meisten hassen.

Kaum weiß ich selber, wie es so gekommen,
Sie hätten Recht, fast sollte man es meinen,
Sie sind die Bessern ja, sie sind die Frommen.

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Gedicht: Lieder aus Capri (2) von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder aus Capri (2)“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist ein melancholischer Rückblick auf ein Leben voller Enttäuschungen und Isolation. Es zeichnet das Bild eines Menschen, der von Feinden umgeben, von geliebten Menschen verlassen und von alten Freunden verachtet wird. Der Sprecher reflektiert über sein Leben und gesteht sowohl erlittene Verletzungen als auch eigenes Fehlverhalten ein. Die Verse sind von einer tiefen Traurigkeit durchzogen und zeigen die innere Zerrissenheit des lyrischen Ichs.

Die erste Strophe etabliert das Gefühl der ständigen Bedrohung durch Feinde, die wie „zaubrische Figuren“ im Schatten erscheinen. Dies deutet auf eine gewisse Paranoia und das Gefühl der Überwachung hin. In der zweiten Strophe werden erlittene Schmerzen und Verletzungen thematisiert, wobei der Sprecher auch zugibt, andere verletzt zu haben. Das Motiv der Verteidigung wird aufgegriffen, wobei der Sprecher sich oft allein gelassen und unterlegen fühlt. Diese Zeilen lassen auf ein Leben voller Konflikte und Auseinandersetzungen schließen.

Die dritte Strophe offenbart das schmerzliche Gefühl der Verlassenheit durch geliebte Menschen. Der Sprecher gesteht, dass die ihm Nahestehenden ihn zuerst verlassen und gemieden haben. Dies verdeutlicht das tiefe Gefühl der Einsamkeit und des Verlustes, das das Gedicht durchzieht. In der vierten Strophe reflektiert der Sprecher über sein eigenes Verhalten und räumt ein, sich selbst getäuscht zu haben. Er gesteht, die Verlassenen beweint zu haben, was auf eine gewisse Reue und das Eingeständnis eigener Fehler hindeutet.

Die letzte Strophe gipfelt in der Feststellung, dass das Leben des Sprechers von „ewigem Scheiden und ewigen Lassen“ geprägt war. Die Ironie liegt darin, dass diejenigen, die ihn am meisten hassen, die „alten Freunde der Heimath“ sind. Der Sprecher hinterfragt schließlich seine eigene Situation und gesteht, dass sie möglicherweise Recht hätten. Er scheint sich selbst als weniger gut, vielleicht als „fromm“ (wobei hier ein ironischer Unterton mitschwingen kann) zu betrachten, was die Selbstzweifel des lyrischen Ichs unterstreicht und das Gedicht mit einem Gefühl der Resignation abschließt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.