Lieder aus Capri (2)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Der Feinde hatt′ ich immer allzuviele; Oft seh′ ich sie, gleich zaubrischen Figuren, Vorüberziehn im stillen Schattenspiele.

Ich habe viel, und wurde viel beleidigt, Ich fühlte manchen Schmerz, und weckte manchen, Oft hab′ ich andre, wen′ge mich vertheidigt.

Von wen′gen Herzen bin ich selbst geschieden, Bekennen muß ich, daß die Lieben Theuern Mich meist zuerst geflohen und gemieden.

Falsch war ich nie, so oft sie′s auch mich hießen, Ich täuschte nur, weil ich mich selbst getäuschet, Beweinte sie, die mich enttäuscht verließen.

Ein ewig Scheiden und ein ewig Lassen War so mein Leben, doch die alten Freunde Der Heimath sind′s, die mich am meisten hassen.

Kaum weiß ich selber, wie es so gekommen, Sie hätten Recht, fast sollte man es meinen, Sie sind die Bessern ja, sie sind die Frommen.

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Illustration zu Lieder aus Capri (2)

Interpretation

Das Gedicht "Lieder aus Capri (2)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger handelt von den Erfahrungen des lyrischen Ichs mit Feinden, Schmerz und zwischenmenschlichen Beziehungen. Das lyrische Ich beschreibt, wie es immer zu viele Feinde hatte und oft von ihnen wie von zauberischen Figuren in einem stillen Schattenspiel überholt wurde. Es hat viel erlebt und wurde oft beleidigt, fühlte Schmerz und weckte Schmerz in anderen. Es verteidigte sich selten und trennte sich von wenigen Herzen. Es gesteht, dass die Liebsten meistens zuerst flohen und es mieden. Das lyrische Ich war nie falsch, obwohl es oft dafür gehalten wurde. Es täuschte nur, weil es sich selbst getäuscht hatte und weinte um diejenigen, die es enttäuscht verließen. Ein ewiges Scheiden und Lassen war sein Leben, aber die alten Freunde der Heimat hassten es am meisten. Das lyrische Ich gibt zu, dass es selbst kaum weiß, wie es so weit gekommen ist. Es scheint fast so, als hätten die anderen Recht, da sie die Besseren und Frommen sind.

Schlüsselwörter

oft viel manchen selbst ewig feinde hatt allzuviele

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sie sind die Bessern ja, sie sind die Frommen
Hyperbel
Der Feinde hatt′ ich immer allzuviele
Ironie
Sie hätten Recht, fast sollte man es meinen
Kontrast
Von wen′gen Herzen bin ich selbst geschieden
Metapher
gleich zaubrischen Figuren
Parallelismus
Ein ewig Scheiden und ein ewig Lassen
Personifikation
Vorüberziehn im stillen Schattenspiele