Lieder aus Capri (13)
1893In solcher Einsamkeit, wer sollt′ es meinen, Daß mir zuweilen auch der heitre Eros, Und alle Grazien lächelnd mir erscheinen.
Jüngst fuhr ich von Parthenope herüber, Und sieh im engen schweren Capriboote Saß eine schöne Frau mir gegenüber.
Zwar sah ich meist hinab in Fluth und Wogen, Doch läugn′ ich nicht, daß manchmal meine Augen Geheime Lust aus ihren Blicken sogen.
Und mußt′ ich mich vom Sonnenglanze wenden, Wenn′s Meer ihn wiederstrahlt, begann auch wieder Ihr holdes Aetherauge mich zu blenden.
Und nicht so schön erhoben sich die Wellen, Und sanken, als ich ihren jungen Busen, Das dünne Kleid sah auf und nieder schwellen.
Wir sprachen viel, doch eben nur vom Winde, Wir sahn die Fische hüpfen übers Wasser, Ich lachte wohl auch mit dem hübschen Kinde.
Es kam die Nacht, und sie verschwand im Dunkel, Wir freuten uns mit jedem Ruderschlage Jetzt an des Meeres strahlendem Gefunkel.
Da breitete die schwarzen jähen Wände Das Felseneiland um uns aus, - wir sahen Des Strandes Lichter, unsres Weges Ende.
Schon hörte sie des frohen Vaters Rufen, Der alte Fischer schließt sie in die Arme, Nun gute Nacht! Und meine Felsenstufen
Wandr′ ich empor mit ungetrübtem Sinne Zwar es verliert, wer Kraft hat zu entsagen, Doch leicht ist der Verlust vor dem Gewinne.
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Interpretation
Das Gedicht "Lieder aus Capri (13)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt eine Reise des lyrischen Ichs von Parthenope nach Capri, bei der es einer schönen Frau gegenüber sitzt. Trotz der Einsamkeit der Umgebung erscheinen Eros und die Grazien dem Ich, was auf eine romantische oder erotische Stimmung hindeutet. Die Reise findet auf einem engen Boot statt, und das Ich ist von der Schönheit der Frau fasziniert, obwohl es meist auf das Wasser blickt. Die Augen des Ichs saugen geheime Lust aus den Blicken der Frau, und ihr himmlisches Auge blendet es, wenn es sich vom Sonnenlicht abwendet. Die Wellen des Meeres werden mit dem jungen Busen der Frau verglichen, der unter dem dünnen Kleid auf und ab schwillt. Das Ich und die Frau sprechen über den Wind und beobachten gemeinsam die Fische, die über das Wasser hüpfen. Als die Nacht hereinbricht, verschwindet die Frau im Dunkel, und beide freuen sich über das Funkeln des Meeres bei jedem Ruderschlag. Das Felseneiland breitet seine schwarzen Wände um sie aus, und sie sehen die Lichter des Strandes, das Ziel ihrer Reise. Die Frau hört den Ruf ihres Vaters, eines alten Fischers, der sie in die Arme schließt. Das Ich steigt die Felsenstufen empor, mit ungetrübtem Sinn, und reflektiert über den Verlust, der leicht ist im Vergleich zum Gewinn, den man durch die Kraft des Entsagens erlangt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Wandr′ ich empor mit ungetrübtem Sinne
- Kontrast
- Doch leicht ist der Verlust vor dem Gewinne
- Metapher
- Und meine Felsenstufen
- Personifikation
- Und alle Gracien lächelnd mir erscheinen
- Vergleich
- Und nicht so schön erhoben sich die Wellen
- Wiederholung
- Der alte Fischer schließt sie in die Arme