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Lieder aus Capri (13)

Von

In solcher Einsamkeit, wer sollt′ es meinen,
Daß mir zuweilen auch der heitre Eros,
Und alle Grazien lächelnd mir erscheinen.

Jüngst fuhr ich von Parthenope herüber,
Und sieh im engen schweren Capriboote
Saß eine schöne Frau mir gegenüber.

Zwar sah ich meist hinab in Fluth und Wogen,
Doch läugn′ ich nicht, daß manchmal meine Augen
Geheime Lust aus ihren Blicken sogen.

Und mußt′ ich mich vom Sonnenglanze wenden,
Wenn′s Meer ihn wiederstrahlt, begann auch wieder
Ihr holdes Aetherauge mich zu blenden.

Und nicht so schön erhoben sich die Wellen,
Und sanken, als ich ihren jungen Busen,
Das dünne Kleid sah auf und nieder schwellen.

Wir sprachen viel, doch eben nur vom Winde,
Wir sahn die Fische hüpfen übers Wasser,
Ich lachte wohl auch mit dem hübschen Kinde.

Es kam die Nacht, und sie verschwand im Dunkel,
Wir freuten uns mit jedem Ruderschlage
Jetzt an des Meeres strahlendem Gefunkel.

Da breitete die schwarzen jähen Wände
Das Felseneiland um uns aus, – wir sahen
Des Strandes Lichter, unsres Weges Ende.

Schon hörte sie des frohen Vaters Rufen,
Der alte Fischer schließt sie in die Arme,
Nun gute Nacht! Und meine Felsenstufen

Wandr′ ich empor mit ungetrübtem Sinne
Zwar es verliert, wer Kraft hat zu entsagen,
Doch leicht ist der Verlust vor dem Gewinne.

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Gedicht: Lieder aus Capri (13) von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder aus Capri (13)“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger schildert eine flüchtige Begegnung des lyrischen Ichs mit einer jungen Frau auf einer Bootsfahrt. Die Einsamkeit der Umgebung, die auf Capri herrscht, wird durch die plötzliche Erscheinung des „heiteren Eros“ und der Grazien konterkariert, was die Atmosphäre der Sinnlichkeit und des unbeschwerten Vergnügens gleich zu Beginn des Gedichts etabliert. Der Dichter beschreibt die subtile Anziehungskraft, die von der Frau ausgeht, wobei er sowohl ihre körperliche Präsenz als auch die gemeinsamen Erlebnisse während der Überfahrt hervorhebt.

Die Beschreibung der Begegnung ist von einer gewissen Distanz geprägt, die durch das wiederholte „ich“ und die Konzentration auf visuelle Eindrücke, wie die Blicke und das Schwellen des Busens unter dem dünnen Kleid, zum Ausdruck kommt. Waiblinger vermeidet eine direkte, explizite Darstellung der Gefühle, sondern deutet die erotische Spannung subtil an, indem er die Blickkontakte und die Wahrnehmung der körperlichen Reize hervorhebt. Die Gespräche, die im Gedicht erwähnt werden, bleiben vage und alltäglich, was die oberflächliche Natur der Beziehung unterstreicht, die durch die gemeinsame Erfahrung auf dem Boot definiert wird.

Das Gedicht erreicht seinen Höhepunkt in dem Moment, in dem sich die junge Frau verabschiedet und im Dunkel verschwindet. Die Beschreibung der „schwarzen jähen Wände“ des Felseneilands und der Lichter am Strand markiert das Ende der Fahrt und damit auch das Ende der flüchtigen Beziehung. Das lyrische Ich verabschiedet sich von der Frau und wendet sich dem Heimweg zu, wobei der Kontrast zwischen dem Gefühl des Verlustes und der Erkenntnis, dass der Verzicht mitunter lohnenswert ist, betont wird.

Die abschließenden Zeilen des Gedichts offenbaren eine gewisse Melancholie, die durch die Erkenntnis des Verlustes entsteht. Die letzte Strophe mit der Aussage „Zwar es verliert, wer Kraft hat zu entsagen, / Doch leicht ist der Verlust vor dem Gewinne“ deutet auf eine philosophische Betrachtung des Geschehens hin. Waiblinger stellt die Frage nach dem Wert von Entsagung und der Bedeutung von flüchtigen Erfahrungen. Der Gewinn, der durch das „Entsagen“ des lyrischen Ichs entsteht, wird nicht explizit genannt, deutet aber auf eine innere Ruhe und ein ungetrübtes Bewusstsein hin, das durch die Distanzierung von den sinnlichen Verlockungen erreicht wird.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.