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Lieder aus Capri (12)

Von

Wenn eures Neids und eurer niedern Ränke,
Scheelsücht′ge häm′sche vaterländ′sche Feinde,
Zuweilen ich in meinem Lied gedenke,

So scheint′s, daß euer Haß auch mich verbittre,
Daß jener Sümpfe Dunst, worin ihr röchelt,
Selbst meine reine Inselluft durchwittre.

Doch ist′s nicht so: ich muß die Zeit verfluchen,
Da ich gelernt, des Lebens Geist und Würde
In Freiheit ohne Schrank′ und Maaß zu suchen,

Und jene nun den Furien heil′ge Kette
Von Lieb′ und Irrthum, Haß, Vertrau′n und Frevel,
Die ich einst trug an deiner Richterstätte,

Befleckte Unschuld, oft mit ihrem Kummer,
Mit ihrem Fluch und euern Namen kehret
Sie wie ein Traum zurück in wildem Schlummer.

Ich kämpfe mit den häßlich finstern Bildern,
Ich zürn′ und straf′, und meines Liedes Weise
Beginnt sogleich auch wieder zu verwildern.

Doch ich erwach′, es fliehen die Gespenster,
In einer reinen Welt seh′ ich mich wieder,
Der holde Tag lacht schon durchs Blumenfenster:

Die frischen Lüfte fühl′ ich um mich wehen,
Es glänzt das Meer, und in verjüngter Schöne
Seh′ ich den bessern Geist mir schon erstehen.

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Gedicht: Lieder aus Capri (12) von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder aus Capri (12)“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Reflexion über die Auseinandersetzung des lyrischen Ichs mit Hass, Neid und den Widrigkeiten, die ihm von äußeren Feinden widerfahren. Der Dichter thematisiert dabei den Kampf gegen negative Emotionen und die Suche nach innerem Frieden und Erneuerung in einer natürlichen, idyllischen Umgebung. Das Gedicht ist in sieben Strophen unterteilt, die einen klaren dramaturgischen Bogen spannen.

In den ersten drei Strophen wird die negative Einwirkung der „Neids“ und „niedern Ränke“ der Feinde thematisiert. Das lyrische Ich gesteht ein, dass der Hass der Feinde auch ihn „verbittre“ und die reine Luft seiner Insel durch den „Dunst“ der feindlichen Umgebung vergiftet. Die Erinnerung an die Vergangenheit, insbesondere die „Kette von Lieb′ und Irrthum, Haß, Vertrau′n und Frevel“, die an der „Richterstätte“ getragen wurde, wird als Quelle des Kummers und des Fluchs wahrgenommen. Waiblinger zeichnet hier ein Bild der inneren Zerrissenheit, die durch äußere Anfeindungen ausgelöst wird.

Die vierte und fünfte Strophe markieren den Höhepunkt der Auseinandersetzung. Das lyrische Ich kämpft mit den „häßlich finstern Bildern“ der Vergangenheit, empfindet Zorn und versucht, die „Weise“ seines Liedes zu korrigieren, die „verwildern“ droht. Diese Verse spiegeln den inneren Kampf wider, der mit der Verarbeitung negativer Emotionen einhergeht. Das lyrische Ich scheint von den negativen Einflüssen gefangen und kämpft darum, seine innere Ruhe und Kreativität zu bewahren.

Die letzten beiden Strophen bringen die Wende. Das lyrische Ich „erwacht“ und die „Gespenster“ der Vergangenheit verschwinden. Es findet sich in einer „reinen Welt“ wieder, die durch das „Blumenfenster“ und das „glänzt[ende] Meer“ eine idyllische Atmosphäre vermittelt. Der „bessern Geist“ ersteht, und das lyrische Ich erlebt eine Verjüngung und eine neue, positive Ausrichtung. Waiblinger beschreibt hier den Prozess der Katharsis, der Läuterung durch die Überwindung negativer Erfahrungen und die Rückkehr zu innerer Harmonie. Das Gedicht endet mit einem hoffnungsvollen Ausblick auf einen Neuanfang.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

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