Lieder aus Capri (12)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1894

Wenn eures Neids und eurer niedern Ränke, Scheelsücht′ge häm′sche vaterländ′sche Feinde, Zuweilen ich in meinem Lied gedenke,

So scheint′s, daß euer Haß auch mich verbittre, Daß jener Sümpfe Dunst, worin ihr röchelt, Selbst meine reine Inselluft durchwittre.

Doch ist′s nicht so: ich muß die Zeit verfluchen, Da ich gelernt, des Lebens Geist und Würde In Freiheit ohne Schrank′ und Maaß zu suchen,

Und jene nun den Furien heil′ge Kette Von Lieb′ und Irrthum, Haß, Vertrau′n und Frevel, Die ich einst trug an deiner Richterstätte,

Befleckte Unschuld, oft mit ihrem Kummer, Mit ihrem Fluch und euern Namen kehret Sie wie ein Traum zurück in wildem Schlummer.

Ich kämpfe mit den häßlich finstern Bildern, Ich zürn′ und straf′, und meines Liedes Weise Beginnt sogleich auch wieder zu verwildern.

Doch ich erwach′, es fliehen die Gespenster, In einer reinen Welt seh′ ich mich wieder, Der holde Tag lacht schon durchs Blumenfenster:

Die frischen Lüfte fühl′ ich um mich wehen, Es glänzt das Meer, und in verjüngter Schöne Seh′ ich den bessern Geist mir schon erstehen.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Lieder aus Capri (12)

Interpretation

Das Gedicht "Lieder aus Capri (12)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine lyrische Auseinandersetzung mit den Auswirkungen von Neid und Feindschaft auf die eigene künstlerische Arbeit. Der Sprecher reflektiert über die negativen Einflüsse seiner "scheelsüchtigen vaterländischen Feinde" und deren Versuche, seine kreative Inspiration zu trüben. Die Metapher des "Sümpfe Dunst" verdeutlicht die Verunreinigung der "reinen Inselluft" durch den Hass und die Intrigen seiner Widersacher. Die zweite Strophe offenbart eine tiefere Ursache für die Verbitterung des Sprechers. Es ist nicht allein der Hass der Feinde, der ihn beeinflusst, sondern vielmehr die Zeit, in der er gelernt hat, "des Lebens Geist und Würde in Freiheit ohne Schrank und Maß zu suchen". Diese Suche nach absoluter Freiheit und Unabhängigkeit hat zu einem inneren Konflikt geführt, der sich in seinen Liedern niederschlägt. Die "Furien heilige Kette von Lieb und Irrthum, Haß, Vertraun und Frevel" symbolisiert die emotionale Verstrickung und die moralischen Zweifel, die den Sprecher belasten. Die letzte Strophe zeigt jedoch eine Wendung zum Positiven. Der Sprecher erwacht aus seinem "wilden Schlummer" und findet sich in einer "reinen Welt" wieder. Der "holde Tag" lacht durch das "Blumenfenster", und die "frischen Lüfte" wehen um ihn herum. Das Meer glänzt, und der "bessre Geist" erscheint in "verjüngter Schöne". Diese Bilder vermitteln eine Atmosphäre der Erneuerung und des Optimismus, die darauf hindeutet, dass der Sprecher seine inneren Dämonen überwunden hat und nun in der Lage ist, seine künstlerische Arbeit mit neuer Kraft und Klarheit fortzusetzen.

Schlüsselwörter

sche haß geist seh neids niedern ränke scheelsücht

Wortwolke

Wortwolke zu Lieder aus Capri (12)

Stilmittel

Hyperbel
Und jene nun den Furien heil′ge Kette
Kontrast
Die frischen Lüfte fühl′ ich um mich wehen, Es glänzt das Meer, und in verjüngter Schöne Seh′ ich den bessern Geist mir schon erstehen
Metapher
Daß jener Sümpfe Dunst, worin ihr röchelt, Selbst meine reine Inselluft durchwittre
Personifikation
Ich kämpfe mit den häßlich finstern Bildern
Symbolik
Der holde Tag lacht schon durchs Blumenfenster