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Lieder aus Capri (11)

Von

Ich hab′ es hundertmal erfahren,
Daß mir die reinsten Herzensfreuden
Ein blut′ger Quell von Schmerzen waren.

Mit Herz und Leib, mit Geist und Sinnen,
Als Schönheit und Genuß versuchte
Den Blick mir Liebe zu umspinnen,

Als höchste Kraft und Gluth im Leben,
Als Drang nach That und Ruhm und Ehre
Die Freundschaft meinen Muth zu heben.

Ich schlang mit glühendem Vertrauen
Den Arm um manchen schönen Nacken,
Sah manches Aug′ in Thränen thauen.

Mit mir zu streben und zu handeln
Schwur manches Heldenherz, und manches
Den rauhen Pfad des Ruhms zu wandeln.

Doch weil ich hier auf unsrer Erden
Kein Heil′ger bin und kein Apostel
Und erst im Himmel möcht′ es werden,

So war es leicht mich zu bethören,
Denn aus dem Kelch, den sie mir reichten,
Konnt′ ich den Satan nicht beschwören.

So schlürft′ ich denn, ein trunk′ner Zecher,
Von Freund und Mädchen süß umlispelt,
Der Hölle Gift aus vollem Becher.

Drum muß ich jetzt alleine bleiben,
Und ohne Freund, und ohne Liebchen
Im öden Strom des Lebens treiben.

Und siehst du einst noch halb erschlossen
Aus gift′gem Boden manches Veilchen
In meines Lorbeers Schatten sprossen,

So sei dir eben nicht verhehlet,
Daß jenen Blumen ihre Seele,
Der schöne Duft, der Glaube fehlet.

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Gedicht: Lieder aus Capri (11) von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder aus Capri (11)“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine melancholische Reflexion über die Erfahrung von Enttäuschung und Verlust im Leben. Der Dichter blickt auf vergangene Freuden zurück, die sich als Quelle tiefen Schmerzes entpuppt haben. Die wiederholte Verwendung von „hundertmal erfahren“ unterstreicht die Häufigkeit und das Gewicht dieser negativen Erfahrungen, was auf ein tiefes Gefühl der Ernüchterung und Desillusionierung hindeutet. Waiblinger thematisiert hier die Vergänglichkeit des Glücks und die unvermeidliche Konfrontation mit Leid.

Das Gedicht entfaltet sich in einer Reihe von Bildern, die die Quelle des Schmerzes verdeutlichen. Waiblinger beschreibt, wie er sich von Liebe, Schönheit, Freundschaft und Ehrgeiz hat leiten lassen. Er umarmte vermeintliche Freuden mit „glühendem Vertrauen“ und erwartete von seinen Beziehungen und Unternehmungen Trost, Unterstützung und die Erfüllung seiner Sehnsüchte. Das Bild der „Aug‘ in Tränen thauen“ deutet auf das Scheitern dieser Verbindungen und Erwartungen hin. Waiblinger wird von den „Sünden“ der Welt angezogen, wie es in den letzten Strophen gezeigt wird, indem er einen „trunk’nen Zecher“ darstellt, der das Gift der Hölle schluckt.

Die Sprache des Gedichts ist von einer bittersüßen Romantik geprägt. Die Verwendung von Begriffen wie „glühend“, „schön“ und „süß“ steht im Kontrast zu den späteren Bildern von Einsamkeit und Verfall. Die Metapher vom „öden Strom des Lebens“ spiegelt die Erfahrung der Isolation wider und die Leere, die nach dem Verlust von Beziehungen und Idealen zurückbleibt. Der Bezug zum „gift’gen Boden“ und den „Veilchen“, denen „ihre Seele, der schöne Duft, der Glaube fehlet“ , verdeutlicht das Gefühl, dass die Schönheit und das Glück, die er einst erlebte, nun vergiftet und wertlos geworden sind.

Waiblinger zieht ein resigniertes Fazit. Er ist allein, ohne Freunde und Liebe, und wird durch das Leben getrieben. Die abschließende Warnung an den Leser, die „Veilchen“ unter seinem „Lorbeer“ zu beachten, weist darauf hin, dass die vermeintliche Schönheit und der Ruhm des Lebens oft trügerisch sind. Das Gedicht endet mit einem Gefühl des Verlustes und der Erkenntnis, dass die Freuden des Lebens oft mit tiefem Schmerz verbunden sind. Waiblinger lässt den Leser mit einem Gefühl der Wehmut und der Erkenntnis zurück, dass das Leben, wie es gelebt wird, oft von Enttäuschung und Vergänglichkeit geprägt ist.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.