Lieder aus Capri (11)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1896

Ich hab′ es hundertmal erfahren, Daß mir die reinsten Herzensfreuden Ein blut′ger Quell von Schmerzen waren.

Mit Herz und Leib, mit Geist und Sinnen, Als Schönheit und Genuß versuchte Den Blick mir Liebe zu umspinnen,

Als höchste Kraft und Gluth im Leben, Als Drang nach That und Ruhm und Ehre Die Freundschaft meinen Muth zu heben.

Ich schlang mit glühendem Vertrauen Den Arm um manchen schönen Nacken, Sah manches Aug′ in Thränen thauen.

Mit mir zu streben und zu handeln Schwur manches Heldenherz, und manches Den rauhen Pfad des Ruhms zu wandeln.

Doch weil ich hier auf unsrer Erden Kein Heil′ger bin und kein Apostel Und erst im Himmel möcht′ es werden,

So war es leicht mich zu bethören, Denn aus dem Kelch, den sie mir reichten, Konnt′ ich den Satan nicht beschwören.

So schlürft′ ich denn, ein trunk′ner Zecher, Von Freund und Mädchen süß umlispelt, Der Hölle Gift aus vollem Becher.

Drum muß ich jetzt alleine bleiben, Und ohne Freund, und ohne Liebchen Im öden Strom des Lebens treiben.

Und siehst du einst noch halb erschlossen Aus gift′gem Boden manches Veilchen In meines Lorbeers Schatten sprossen,

So sei dir eben nicht verhehlet, Daß jenen Blumen ihre Seele, Der schöne Duft, der Glaube fehlet.

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Illustration zu Lieder aus Capri (11)

Interpretation

Das Gedicht "Lieder aus Capri (11)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger handelt von den bitteren Erfahrungen des lyrischen Ichs mit Liebe und Freundschaft. Es beschreibt, wie diese einst als höchste Freuden und Triebfedern im Leben ersehnt wurden, sich jedoch als Quelle tiefen Schmerzes entpuppten. Das lyrische Ich sehnte sich nach Liebe als Schönheit und Genuss, nach Freundschaft als Kraft und Antrieb für Tatendrang und Ruhm. In einem Zustand glühenden Vertrauens umarmte das lyrische Ich viele Menschen, sah Tränen in ihren Augen und schwor mit ihnen, gemeinsam zu streben und zu handeln. Doch letztlich konnte es den "Satan" nicht aus dem Kelch verbannen, den man ihm reichte. Es trank Gift aus vollen Bechern, wurde von Freunden und Mädchen betrogen. Nun bleibt das lyrische Ich allein, treibt ohne Freund und Liebchen im öden Strom des Lebens. Selbst wenn aus giftigem Boden Veilchen im Schatten seines Lorbeers sprießen sollten, mahnt das lyrische Ich zur Vorsicht. Denn diesen Blumen fehlt ihre Seele, ihr schöner Duft - der Glaube. Das Gedicht zeichnet ein pessimistisches Bild von den Beziehungen des Menschen, die allesamt in Enttäuschung und Verrat enden. Nur im Himmel erhofft sich das lyrische Ich Erlösung.

Schlüsselwörter

manches ger kein freund gift hab hundertmal erfahren

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Stilmittel

Bildsprache
Den rauhen Pfad des Ruhms zu wandeln
Hyperbel
Ich hab′ es hundertmal erfahren
Metapher
Der schöne Duft, der Glaube fehlet
Personifikation
Als Schönheit und Genuß versuchte / Den Blick mir Liebe zu umspinnen