Lieder aus Capri (10)
Auf jähen Felsen grauen alte Thürme,
Es gähnt der Abgrund unter ihren Füßen,
Ein halb Jahrtausend wehn um sie die Stürme.
Kaum schwingt der leichte Vogel sich zu ihnen,
Doch mühsam über ungezählte Stufen
Gelangt der Mensch zu diesen Burgruinen.
Sind′s wohl aus röm′scher Vorzeit Ueberreste,
Hat hier der Feind der Welt, die er beherrschte,
Tiberius erbauet eine Veste?
Ein andrer Kaiser ist′s, der Held vom Norden
Der Hohenstauf′ ist mit dem rothen Barte
Der Insel Herr, des Schlosses Gründer worden.
Und wo der Waiblinger in freiern Tagen
Gethront, denkt oft ein Dichter dran, den Namen
Der Großen einst zu feiern, die ihn tragen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Lieder aus Capri (10)“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt in vier Strophen die Ruinen auf Capri und reflektiert über deren Geschichte und Bedeutung. Der Fokus liegt auf der Vergänglichkeit menschlicher Macht und dem Einfluss der Zeit.
Die ersten drei Verse etablieren die Szenerie: Hohe Türme stehen auf grauen Felsen, der Abgrund gähnt unter ihnen, und Stürme haben ein halbes Jahrtausend um sie geweht. Die Schwierigkeit des Zugangs, symbolisiert durch den mühsamen Aufstieg, unterstreicht die Isolation und Erhabenheit der Ruinen. Waiblinger stellt die Frage nach der Herkunft der Ruinen, ob sie römische Überreste sind oder eine Festung des Kaisers Tiberius. Der Text erzeugt ein Gefühl der Ehrfurcht vor der Geschichte und den Überresten vergangener Kulturen.
Die vierte Strophe gibt die Antwort und offenbart, dass die Ruinen von einem anderen Kaiser errichtet wurden, nämlich dem „Helden vom Norden“, Friedrich Barbarossa. Durch diese Identifizierung der Ruinen mit Barbarossa wird die Bedeutung des Ortes als ein Symbol königlicher Macht und Herrschaft unterstrichen. Der Hinweis auf den „rothen Bart“ und die Zugehörigkeit zum Geschlecht der Hohenstaufer verleiht dem Gedicht eine zusätzliche historische Tiefe.
Die abschließende Strophe deutet an, dass der Dichter selbst von der ehemaligen Pracht träumt und darüber nachdenkt, die großen Namen, die mit diesen Ruinen verbunden sind, zu feiern. Diese Zeilen zeigen Waiblingers Sehnsucht nach Ruhm und seine Verbundenheit mit der Geschichte sowie seine Rolle als Dichter, der die Vergangenheit verewigen möchte. Das Gedicht reflektiert somit nicht nur über die physischen Überreste der Vergangenheit, sondern auch über die Rolle des Dichters und die Macht der Erinnerung.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.