Lieder aus Capri (10)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Auf jähen Felsen grauen alte Thürme, Es gähnt der Abgrund unter ihren Füßen, Ein halb Jahrtausend wehn um sie die Stürme.

Kaum schwingt der leichte Vogel sich zu ihnen, Doch mühsam über ungezählte Stufen Gelangt der Mensch zu diesen Burgruinen.

Sind′s wohl aus röm′scher Vorzeit Ueberreste, Hat hier der Feind der Welt, die er beherrschte, Tiberius erbauet eine Veste?

Ein andrer Kaiser ist′s, der Held vom Norden Der Hohenstauf′ ist mit dem rothen Barte Der Insel Herr, des Schlosses Gründer worden.

Und wo der Waiblinger in freiern Tagen Gethront, denkt oft ein Dichter dran, den Namen Der Großen einst zu feiern, die ihn tragen.

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Illustration zu Lieder aus Capri (10)

Interpretation

Das Gedicht "Lieder aus Capri (10)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt die ehrwürdigen alten Türme auf den Felsen von Capri, die von den Jahrhunderten gezeichnet sind. Die Abgründe unter den Türmen und die stürmischen Winde, die um sie wehen, verleihen ihnen eine mystische und zugleich bedrohliche Atmosphäre. Während Vögel leicht zu den Türmen gelangen können, ist der Weg für den Menschen beschwerlich, was die eindrucksvolle Lage und die Schwierigkeit des Zugangs zu diesen Burgruinen unterstreicht. Der Dichter stellt die Frage nach der Herkunft dieser Ruinen, ob sie aus der römischen Antike stammen und von Tiberius, dem Feind der Welt, erbaut wurden. Doch dann korrigiert er diese Annahme und weist darauf hin, dass ein anderer Kaiser, der Hohenstaufen Friedrich II. mit dem roten Barte, der Herr der Insel und der Gründer des Schlosses war. Diese historische Korrektur verleiht dem Gedicht eine zusätzliche Dimension, indem sie die tatsächliche Geschichte der Ruinen beleuchtet. Im letzten Vers reflektiert der Dichter über die Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Er denkt an den Waiblinger, der in freieren Tagen auf der Burg thronte, und daran, wie ein Dichter oft an die Großen denkt, die diesen Namen trugen. Dies verleiht dem Gedicht eine persönliche Note und unterstreicht die Bedeutung der Geschichte und der Erinnerung an die Vergangenheit.

Schlüsselwörter

jähen felsen grauen alte thürme gähnt abgrund füßen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Hohenstauf′ ist mit dem rothen Barte
Anapher
Sind′s wohl aus röm′scher Vorzeit Ueberreste
Hyperbel
Ein halb Jahrtausend wehn um sie die Stürme
Metapher
Es gähnt der Abgrund unter ihren Füßen
Personifikation
Kaum schwingt der leichte Vogel sich zu ihnen
Rhetorische Frage
Sind′s wohl aus röm′scher Vorzeit Ueberreste