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Lieder aus Capri (1)

Von

Dem Horizonte nähert sich die Sonne.
Versinke sie im Meer, in goldnen Bergen,
Ich fühle stets die reinste Herzenswonne.

Doch welche Lust, wie alle Lüfte schweigen,
Und die Natur zur Ruhe sich bereitet,
Den jähen Pfad zum Fels hinanzusteigen,

Wenn schon im West, gleich einem Purpurquelle,
Die Sonne glühet, und in lautern Flammen
Auf Meer und Land verströmet Glanz und Helle.

Dann scheint des Himmels Schooß sich zu erschließen,
Und auf der Inseln schimmerndes Gebirge
Ein goldner Regen sanft herabzufließen;

Dann scheint, geblendet von des Lichtes Sprühen,
Enaria dem Bad der warmen Fluthen
Mit reinem Schwanenleibe zu entglühen;

Sie scheint verschämt, in kindischen Gefühlen,
Den vollen Busen überm Meer, mit Rosen
Und mit Violen anmuthsvoll zu spielen.

Ein Augenblick, und jene göttergleichen,
Von Licht beträuften Wangen, Berg und Insel,
Und Meer und Himmel siehst du schon erbleichen.

So gleich dem holden Wunderspiel der Sonne
Verharrt nur kurz in ungetrübter Schöne
Und schwindet bald des Lebens höchste Wonne.

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Gedicht: Lieder aus Capri (1) von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lieder aus Capri (1)“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine poetische Reflexion über die Vergänglichkeit und die Schönheit des Augenblicks, inspiriert von der Naturkulisse Capris. Es beschreibt eine Szene des Sonnenuntergangs und die damit verbundene innere Gefühlswelt des lyrischen Ichs. Das Gedicht ist in sechs Strophen zu je drei Versen (Terzetten) verfasst, wodurch der Eindruck von Harmonie und Gleichgewicht entsteht, der die Vergänglichkeit der dargestellten Szene kontrastiert. Die Reimstruktur (ABABCC, etc.) verleiht dem Gedicht einen musikalischen Fluss und betont die Ästhetik der Natur.

Der erste Teil des Gedichts konzentriert sich auf die sinnliche Wahrnehmung des Sonnenuntergangs. Das lyrische Ich beschreibt, wie die Sonne sich dem Horizont nähert und im Meer versinkt, wobei es gleichzeitig die „reinste Herzenswonne“ empfindet. Diese Freude an der Natur und der Schönheit des Augenblicks wird durch die Beschreibung der Stille und Ruhe, die die Natur erfasst, verstärkt. Die zweite Strophe beschreibt den Aufstieg auf den Felsen, ein Akt der Bewegung und der Perspektivenveränderung, der es dem lyrischen Ich ermöglicht, die Schönheit des Sonnenuntergangs in seiner ganzen Pracht zu erleben. Die bildhafte Sprache, wie „gleich einem Purpurquelle“ oder „Glanz und Helle“, erzeugt lebendige Bilder und unterstreicht die Intensität der Erfahrung.

In der dritten und vierten Strophe wird die Szene zunehmend personifiziert und romantisiert. Die Inseln und das Meer scheinen zu leben und zu agieren, als ob sie Teil eines göttlichen Schauspiels wären. Das „schimmernde Gebirge“ wird von einem „goldnen Regen“ benetzt, und die Insel Enaria wird mit einem „reinen Schwanenleibe“ verglichen, der in den warmen Fluten badet. Waiblinger nutzt hier Metaphern und Vergleiche, um die Schönheit und Anmut der Natur zu betonen. Die Vorstellung, dass die Natur „mit Rosen und mit Violen anmuthsvoll zu spielen“ scheint, verleiht der Szene eine spielerische Leichtigkeit und verstärkt den Eindruck von Harmonie und Einklang.

Der Schlussteil des Gedichts leitet über zum zentralen Thema der Vergänglichkeit. Der Sonnenuntergang, der zuvor so detailliert und farbenprächtig beschrieben wurde, verblasst plötzlich. „Ein Augenblick, und jene göttergleichen… Meer und Himmel siehst du schon erbleichen.“ Diese Vergänglichkeit der Schönheit wird dann als Analogie zum menschlichen Leben gezogen. „So gleich dem holden Wunderspiel der Sonne / Verharrt nur kurz in ungetrübter Schöne / Und schwindet bald des Lebens höchste Wonne.“ Die Sonne wird zum Symbol für die Freuden des Lebens, die zwar intensiv und schön sind, aber letztlich auch vergehen müssen. Waiblinger vermittelt so eine melancholische, aber auch versöhnliche Botschaft: Schönheit ist flüchtig, aber ihre Erfahrung ist wertvoll.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.