Lieder aus Capri (1)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Dem Horizonte nähert sich die Sonne. Versinke sie im Meer, in goldnen Bergen, Ich fühle stets die reinste Herzenswonne.

Doch welche Lust, wie alle Lüfte schweigen, Und die Natur zur Ruhe sich bereitet, Den jähen Pfad zum Fels hinanzusteigen,

Wenn schon im West, gleich einem Purpurquelle, Die Sonne glühet, und in lautern Flammen Auf Meer und Land verströmet Glanz und Helle.

Dann scheint des Himmels Schooß sich zu erschließen, Und auf der Inseln schimmerndes Gebirge Ein goldner Regen sanft herabzufließen;

Dann scheint, geblendet von des Lichtes Sprühen, Enaria dem Bad der warmen Fluthen Mit reinem Schwanenleibe zu entglühen;

Sie scheint verschämt, in kindischen Gefühlen, Den vollen Busen überm Meer, mit Rosen Und mit Violen anmuthsvoll zu spielen.

Ein Augenblick, und jene göttergleichen, Von Licht beträuften Wangen, Berg und Insel, Und Meer und Himmel siehst du schon erbleichen.

So gleich dem holden Wunderspiel der Sonne Verharrt nur kurz in ungetrübter Schöne Und schwindet bald des Lebens höchste Wonne.

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Illustration zu Lieder aus Capri (1)

Interpretation

Das Gedicht "Lieder aus Capri (1)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt die faszinierende Schönheit eines Sonnenuntergangs über dem Meer. Die Sonne nähert sich dem Horizont und taucht die Landschaft in ein goldenes Licht. Der Sprecher empfindet dabei stets die reinste Herzenswonne. Er beschreibt die Lust, den steilen Pfad zum Felsen hinaufzusteigen, wenn die Natur zur Ruhe kommt und die Lüfte schweigen. Die Sonne glüht im Westen wie eine Purpurquelle und verbreitet Glanz und Helle über Meer und Land. Es entsteht der Eindruck, als würde sich der Schoß des Himmels öffnen und ein goldener Regen sanft auf die schimmernden Berge der Insel herabfließen. Die Insel Enaria scheint sich in der warmen Flut zu baden und mit reinem Schwanenleib zu entglühen. Sie spielt verschämt mit ihrem vollen Busen über dem Meer, geschmückt mit Rosen und Violen. Doch dieser göttergleiche Anblick ist nur von kurzer Dauer. Ein Augenblick später erbleichen die Wangen, Berge, Inseln, Meer und Himmel. Die höchste Wonne des Lebens verfliegt ebenso schnell wie das wundersame Spiel der Sonne.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
[Die reinste Herzenswonne Des Lebens höchste Wonne]
Metapher
[Dem Horizonte nähert sich die Sonne Die Sonne glühet, und in lautern Flammen Ein goldner Regen sanft herabzufließen Mit reinem Schwanenleibe zu entglühen Von Licht beträuften Wangen]
Personifikation
[Und die Natur zur Ruhe sich bereitet Enaria dem Bad der warmen Fluthen mit reinem Schwanenleibe zu entglühen Mit reinem Schwanenleibe zu entglühen Sie scheint verschämt, in kindischen Gefühlen Den vollen Busen überm Meer, mit Rosen Und mit Violen anmuthsvoll zu spielen]
Symbolik
[goldnen Bergen goldner Regen Rosen Violen]
Vergleich
[gleich einem Purpurquelle So gleich dem holden Wunderspiel der Sonne]