Lied und Leid
1872Ihr, denen, was mein Haus von stillem Glücke Umfaßte, stand in meinen Liedern offen! Theilnehmend an so unscheinbaren Stoffen, Die nicht vertragen, daß viel Kunst sie schmücke;
Nehmt eure Theilnahm’ itzt auch nicht zurücke Und laßt für Beifallslächeln Thränen hoffen, Beim Schicksalsschlag, der so das Haus getroffen, Daß alles Glas der Freude ging in Stücke!
Vielleicht verschlöß’ ich besser solche Klänge; Und wahrlich nicht mit Lorbeer zu umweben Denk’ ich die Stirn durch klagende Gesänge.
Doch wenn ich sähe meine Lieben leben In fremden Munde, dieses Schaugepränge Könnt’ ein’gen Trost für ihren Tod mir geben.
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Interpretation
Das Gedicht "Lied und Leid" von Friedrich Rückert thematisiert den Übergang von stiller häuslicher Freude zu tiefem Leid nach einem Schicksalsschlag. Rückert wendet sich an seine Leser, die einst an den unscheinbaren, kunstvoll ungeschmückten Stoffen seiner Lieder Anteil nahmen, und bittet sie, nun auch bei den traurigen, tränenreichen Gedichten, die aus dem Schicksalsschlag entstanden sind, ihre Anteilnahme nicht zurückzuziehen. Der zweite Teil des Gedichts reflektiert Rückerts inneren Konflikt bezüglich der Veröffentlichung seiner Klagegedichte. Einerseits denkt er daran, solche traurigen Klänge besser zu verschließen, da er nicht beabsichtigt, seinen Kummer mit Lorbeer zu schmücken. Andererseits gibt er zu, dass der Gedanke, seine Lieben könnten in fremden Munden weiterleben, ihm einen gewissen Trost für ihren Tod spenden könnte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Lorbeer zu umweben
- Bildsprache
- dieses Schaugepränge
- Hyperbel
- Nehmt eure Theilnahm' itzt auch nicht zurücke
- Kontrast
- Vielleicht verschlöß' ich besser solche Klänge
- Metapher
- mit Lorbeer zu umweben
- Personifikation
- Die nicht vertragen, daß viel Kunst sie schmücke