Lied einer schlesischen Weberin

Louise Franziska Aston

1842

Wenn′s in den Bergen rastet, Der Mühlbach stärker rauscht, Der Mond in stummer Klage Durch′s stille Strohdach lauscht; Wenn trüb die Lampe flackert Im Winkel auf dem Schrein: Dann fallen meine Hände Müd in den Schooß hinein.

So hab′ ich oft gesessen Bis in die tiefe Nacht, Geträumt mit offnen Augen, Weiß nicht, was ich gedacht; Doch immer heißer fielen Die Thränen auf die Händ′ - Gedacht mag ich wohl haben: Hat′s Elend gar kein End? -

Gestorben ist mein Vater, - Vor Kurzem war′s ein Jahr - Wie sanft und selig schlief er Auf seiner Todtenbahr′! Der Liebste nahm die Büchse, Zu helfen in der Noth; Nicht wieder ist er kommen, Der Förster schoß ihn todt. -

Es sagen oft die Leute: “Du bist so jung und schön, Und doch so bleich und traurig Sollst du in Schmerz vergehn?” - “Nicht bleich und auch nicht traurig!” Wie spricht sich das geschwind Wo an dem weiten Himmel Kein Sternlein mehr ich find′!

Der Fabrikant ist kommen, Sagt mir: “mein Herzenskind, Wohl weiß ich, wie die Deinen In Noth und Kummer sind; Drum willst Du bei mir ruhen Der Nächte drei und vier, Sieh′ dieses blanke Goldstück! Sogleich gehört es Dir!”

Ich wußt′ nicht, was ich hörte - Sei Himmel du gerecht Und lasse mir mein Elend, Nur mache mich nicht schlecht! O lasse mich nicht sinken! Fast halt′ ich′s nicht mehr aus, Seh′ ich die kranke Mutter Und′s Schwesterlein zu Haus′!

Jetzt ruh′n so still sie alle, Verloschen ist das Licht, Nur in der Brust das Wehe, Die Thränen sind es nicht. Kannst du, o Gott, nicht helfen, So lass′ uns lieber gehn, Wo drunten tief im Thale Die Trauerbirken steh′n! -

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Illustration zu Lied einer schlesischen Weberin

Interpretation

Das Gedicht "Lied einer schlesischen Weberin" von Louise Franziska Aston erzählt die tragische Geschichte einer jungen Frau, die in tiefer Armut und Trauer gefangen ist. Die Weberin sitzt oft bis in die Nacht hinein, träumt mit offenen Augen und fragt sich, ob das Elend jemals ein Ende haben wird. Ihr Vater ist gestorben, ihr Liebster wurde von einem Förster erschossen, und sie muss für ihre kranke Mutter und ihre Schwester sorgen. Die Menschen um sie herum bemerken ihre Blässe und Traurigkeit, aber sie kann ihnen nicht erklären, wie tief ihr Leid wirklich ist. Ein Fabrikant bietet ihr Geld an, wenn sie bei ihm übernachten würde, was ihre Verzweiflung noch verstärkt. Sie betet zu Gott, dass er ihr Elend lindert, aber sie nicht schlecht macht. Die Weberin fühlt sich überfordert und wünscht sich, mit ihrer Familie in Frieden ruhen zu können, wo die Trauerbirken stehen. Das Gedicht schildert eindringlich die sozialen Missstände und das Leid der armen Bevölkerung im 19. Jahrhundert.

Schlüsselwörter

oft weiß gedacht thränen elend kein helfen noth

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Wenn's in den Bergen rastet
Anapher
Wenn's in den Bergen rastet, Der Mühlbach stärker rauscht
Anspielung
Sei Himmel du gerecht
Bildsprache
Wenn trüb die Lampe flackert Im Winkel auf dem Schrein
Enjambement
Wo an dem weiten Himmel / Kein Sternlein mehr ich find
Hyperbel
Wo drunten tief im Thale die Trauerbirken steh'n
Ironie
Sieh' dieses blanke Goldstück! Sogleich gehört es Dir
Kontrast
Du bist so jung und schön, Und doch so bleich und traurig
Metapher
Wo an dem weiten Himmel kein Sternlein mehr ich find
Personifikation
Der Mond in stummer Klage durch das stille Strohdach lauscht
Rhetorische Frage
Hat's Elend gar kein End
Symbolik
Die Trauerbirken