Lied des Einsiedels

Stefan Zweig

1897

Wie seltsam hat sich dies gewendet,  Daß aller Wege wirrer Sinn  Vor dieser schmalen Tür geendet  Und ich dabei so selig bin! Der stummen Sterne reine Nähe  Weht mich mit ihrem Zauber an  Und hat der Erde Lust und Wehe  Von meinen Stunden abgetan. Der süße Atem meiner Geige  Füllt nun mit Gnade mein Gemach,  Und so ich mich dem Abend neige,  Wird Gottes Stimme in mir wach. Wie seltsam hat sich dies gewendet,  Daß aller Wege wirrer Sinn  Vor dieser schmalen Tür geendet  Und ich dabei so selig bin, Und von der Welt nur dies begehre,  Die weißen Wolken anzusehn,  Die lächelnd, über Schmerz und Schwere,  Von Gott hin zu den Menschen gehn.

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Illustration zu Lied des Einsiedels

Interpretation

Das Gedicht "Lied des Einsiedels" von Stefan Zweig handelt von einem Menschen, der sich in die Einsamkeit zurückgezogen hat und dort eine tiefe spirituelle Erfüllung gefunden hat. Der Einsiedler beschreibt, wie sich sein Leben gewandelt hat und wie er nun in der Stille und Abgeschiedenheit einen tieferen Sinn und eine größere Seligkeit erfährt als in der lauten und hektischen Welt. Der erste Teil des Gedichts beschreibt die Veränderung, die der Einsiedler durchgemacht hat. Er ist von den "wirren" Wegen der Welt abgekommen und hat vor einer "schmalen Tür" sein Ziel gefunden. Die "stummen Sterne" und die "reine Nähe" der Natur haben ihn angezogen und ihm geholfen, die "Lust und Wehe" der Erde loszulassen. Die "süße Atem" seiner Geige erfüllt nun sein Gemach mit "Gnade", und er fühlt sich dem "Abend" und damit dem Göttlichen zugewandt. Der zweite Teil des Gedichts wiederholt die erste Strophe und betont noch einmal die Seligkeit, die der Einsiedler in seiner Einsamkeit gefunden hat. Er sehnt sich nur noch danach, die "weißen Wolken" zu betrachten, die "lächelnd" über Schmerz und Schwere hinwegziehen und von Gott zu den Menschen gesandt werden. Dies symbolisiert die Verbundenheit des Einsiedlers mit dem Göttlichen und seiner Sehnsucht nach einer höheren Wirklichkeit jenseits der irdischen Welt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Vor dieser schmalen Tür geendet
Anapher
Wie seltsam hat sich dies gewendet, Dass aller Wege wirrer Sinn Vor dieser schmalen Tür geendet Und ich dabei so selig bin!
Metapher
Der stummen Sterne reine Nähe
Parallelismus
Wie seltsam hat sich dies gewendet, Dass aller Wege wirrer Sinn Vor dieser schmalen Tür geendet Und ich dabei so selig bin
Personifikation
Die lächelnd, über Schmerz und Schwere, Von Gott hin zu den Menschen gehn