Lied der Weihe

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Ein Sänger, der in weiter Ferne Vom deutschen Vaterlande lebt, In dessen Geist und Herz so gerne Der Heimat Bild herüberschwebt, Singt unter Frühlingslaub und Blüte Zum ersten Mal voll stiller Ruh Im tiefbesänftigten Gemüthe Sein Lied euch in den Norden zu.

Euch Allen rührt sie sanft den Busen, Die Sehnsucht nach dem schönen Land, Wo einst der heil′ge Chor der Musen Der Vorzeit Lorbeerkränze band, Unsterbliche, gepries′ne Siege Die Weltgebieter einst gekrönt, Und Sanzio seine große Wiege Mit allem Himmelsglanz verschönt.

Drum hofft der Sänger, auch willkommen Mit seinem Herzensgruß zu sein: Denn ob ihm schon das Glück genommen Was wild und zart, was groß und klein Das heiße Herz ihm einst erfreute, Der Heimat wie der Liebe Lust; Ach Wonnen, die er nie bereute, Die Sehnsucht jeder Menschenbrust;

Doch ist der Trennung bittre Klage, Das Ach des Lebewohls gestillt, Und allen Gram verlorner Tage, Das trübe Nachtstück, überschwillt Die reine Flut des neuen Lebens, Wo die Vergangenheit versank, Wo ich des wunden Seelenstrebens Vergessenheit in Fülle trank.

Kein feuchtes Auge voll Vertrauen, Voll Liebesweh, voll sel′gem Wahn, Doch wohl auf immergrünen Auen Blickt mich manch süßes Veilchen an; Ach keiner Lippe holdes Schmachten, Kein Seufzer, kein beredter Schwall, Doch Haine, die schon Flaccus lachten, Voll vom Gesang der Nachtigall!

Wohl jauchzt die Seele voll Entzücken, Wenn von Mäcenas Wunderhaus, Gleich einem Schleier anzublicken, Aus alter Bögen Nacht heraus, Von Tiburs Fels, wie aus den Lüften, Die silberne Kaskade schäumt, Im Wasserklang, in Blumendüften Die große, schöne Vorwelt träumt!

Wenn sie an deinem klaren Spiegel, Dianensee, dem Winde lauscht, Der in dem Laub mit sanftem Flügel Gleich einem Geist der Fabel rauscht; O Lust, die nur die Götter kennen, Wenn oft so unaussprechlich hold Die lichten grünen Haine brennen, Und Psyche schwelgt im Abendgold;

Wenn in die hellen, milden Weiten Ihr Blick aus Lorbeerdunkel streift, Und träumend von den Heldenzeiten Zum Zauberberg der Circe schweift, Der dort so lieblich, so verschwiegen, An Sagen und an Wundern reich, Des Meeres blauem Duft entstiegen, Den Märchen meiner Kindheit gleich;

Wenn sie, vom Jubel und Gesange Nun aus dem Träumen aufgestört, Ein frohes Volk beim wilden Klange Der Tamburine jauchzen hört, Und auf der Flur in lust′gen Tänzen, Wo goldne Früchte niederblühn, Voll Sinnenlust, mit Rosenkränzen Die schönsten Frau′n der Erde glühn;

Da möchte sie voll Freude fühlen, Wie ewig jung und sorgenlos Dort im Olymp die Götter spielen, Erhaben über Glück und Loos; Da möchte sie nur selig preisen Wer keiner weitern Zukunft harrt, Da grüßte sie allein als Weisen Das Kind der holden Gegenwart.

Und so empfangt denn auch die Gabe, Die mir der Augenblick geschenkt: Zwar hat die Zeit im frühen Grabe So eilend den Genuß versenkt. Doch ihm entsproßt die schönste Blume Des Liedes duft′ge Heiterkeit; So sei die Blüte denn dem Ruhme, Die Frucht der Ewigkeit geweiht.

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Illustration zu Lied der Weihe

Interpretation

Das Gedicht "Lied der Weihe" von Wilhelm Friedrich Waiblinger handelt von einem Sänger, der in der Ferne vom deutschen Vaterland lebt und in seinem tiefbesänftigten Gemüt ein Lied in den Norden singt. Er sehnt sich nach der Heimat, wo einst der heilige Chor der Musen die Lorbeerkränze der Vorzeit band und unsterbliche Siege die Weltgebieter krönten. Der Sänger hofft, mit seinem Herzensgruß willkommen zu sein, obwohl ihm das Glück die Lust zur Heimat und zur Liebe genommen hat. Doch die Trennungsklage ist gestillt und der Gram verlorener Tage wird von der reinen Flut des neuen Lebens überschwellt, wo die Vergangenheit versank und er Vergessenheit in Fülle trank. Das Gedicht beschreibt die Sehnsucht des Sängers nach der schönen Vergangenheit und der Natur Italiens. Er sehnt sich nach den grünen Hainen, dem Gesang der Nachtigall und den silbernen Kaskaden. Die Seele des Sängers jubelt vor Entzücken, wenn sie an den klaren Spiegel des Dianensees blickt und den Wind in den Blättern rauschen hört. Die Götter kennen eine solche Lust, wenn die lichten grünen Haine brennen und Psyche im Abendgold schwelgt. Der Sänger träumt von den Heldenzeiten und dem Zauberberg der Circe, der so lieblich und verschwiegen an Sagen und Wundern reich ist. Er hört ein frohes Volk beim wilden Klange der Tamburine jauchzen und sieht die schönsten Frauen der Erde in lustigen Tänzen mit Rosenkränzen glühen. Das Gedicht endet mit der Aufforderung, die Gabe des Augenblicks anzunehmen, die dem Sänger geschenkt wurde. Obwohl die Zeit den Genuss im frühen Grabe versenkt hat, entsproßt ihm die schönste Blume der Liedesduftigen Heiterkeit. So soll die Blüte dem Ruhm geweiht sein und die Frucht der Ewigkeit.

Schlüsselwörter

voll einst lust kein gleich sänger geist herz

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Manch süßes Veilchen
Anspielung
Wo einst der heil'ge Chor der Musen Der Vorzeit Lorbeerkränze band
Hyperbel
Die schönsten Frau'n der Erde glühn
Kontrast
Wo ich des wunden Seelenstrebens Vergessenheit in Fülle trank
Metapher
Des Liedes duft'ge Heiterkeit
Personifikation
Wo die Vergangenheit versank
Symbolik
Der Heimat Bild herüberschwebt
Vergleich
Gleich einem Schleier anzublicken