Lied der Liebe
1790Engelfreuden ahnend wallen wir hinaus auf Gottes Flur, wo die Jubel widerhallen in dem Tempel der Natur. Heute soll kein Auge trübe,Sorge nicht hienieden sein, jedes Wesen soll der Liebe wonniglich wie wir sich freu′n.
Singt den Jubel Schwestern,Brüder, fest geschlungen Hand in Hand! Singt das heiligste der Lieder von dem hohen Wesenband! Steigt hinauf am Rebenhügel,blickt hinab ins Schattental! Überall der Liebe Flügel, wonnerauschend überall.
Liebe lehrt das Lüftchen kosen mit dem Blumen auf der Au, lockt zu jungen Frühlingsrosen aus der Wolke Morgentau.
Liebe ziehet Well` an Welle freundlich murmelnd näher hin, leitet aus der Kluft die Quelle sanft hinab ins Wiesengrün.
Berge knüpft mit eh′rner Kette Liebe an das Firmament, Donner ruft sie an die Stätte, wo der Sand die Pflanze brennt. Und die hehre Sonne leitet sie die treuen Sterne her, folgsam ihrem Winke gleitet jeder Strom ins weite Meer.
Liebe wallt durch Ozeane, höhnt des Dursts im dürren Sand, sieget wo Tyrannen dräuen, steigt hinab ins Totenland! Liebe trümmert Felsen nieder, zaubert Paradiese hin, schaffet Erd′ und Himmel wieder göttlich wie im Anbeginn.
Liebe schwingt den Seraphsflügel, wo der Gott der Götter thront, lohnt den Schweiß am Felsenhügel, wann der Richter einst belohnt,
Wann die Königsstühle trümmern, hin ist jede Scheidewand. Adeltaten heller schimmern, reiner,denn der Krone Tand.
Mag uns jetzt die Stunde schlagen, jetzt der letzte Othem wehn! Brüder,drüben wird es tagen! Schwestern,dort ist Wiedersehn! Jauchzt dem heiligsten der Triebe, den der Gott der Götter gab, Brüder,Schwestern,jauchzt der Liebe! Sie besieget Zeit und Grab.
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Interpretation
Das Gedicht "Lied der Liebe" von Friedrich Hölderlin ist eine poetische Hymne auf die Liebe als allgegenwärtige und allmächtige Kraft. Hölderlin feiert die Liebe als eine göttliche und universelle Energie, die alle Wesen und Elemente der Natur verbindet und erhebt. Das Gedicht beginnt mit einem Aufruf, die Freuden der Engel zu erahnen und hinaus auf die Flur Gottes zu wallen, wo die Jubel in dem Tempel der Natur widerhallen. Hölderlin betont die reinigende und erhebende Wirkung der Liebe, die Sorgen und Trübsal vertreibt und alle Wesen in Freude und Glück vereint. In den folgenden Strophen beschreibt Hölderlin die vielfältigen Erscheinungsformen der Liebe in der Natur. Er zeigt, wie die Liebe das Lüftchen lehrt, die Blumen zu kosen, wie sie Wellen an Wellen heranführt und wie sie die Quelle sanft ins Wiesengrün leitet. Die Liebe wird als eine verbindende Kraft dargestellt, die Berge an das Firmament knüpft, Donner an ihren Platz ruft und die treuen Sterne leitet. Hölderlin verleiht der Liebe eine fast übernatürliche Macht, die Ozeane durchwandert, Tyrannen besiegt und sogar ins Totenland hinabsteigt. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich Hölderlin an seine Geschwister und ruft sie auf, die Liebe zu preisen und zu jauchzen. Er betont, dass die Liebe die einzige Kraft ist, die Zeit und Grab besiegen kann. Das Gedicht endet mit einem Aufruf, die Liebe als den heiligsten Trieb zu feiern, den der Gott der Götter gegeben hat. Hölderlin vermittelt die Botschaft, dass die Liebe die höchste und erhabenste Kraft im Universum ist und dass sie die Menschen in Freude und Glück vereint, selbst über den Tod hinaus.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Steigt hinauf am Rebenhügel, blickt hinab ins Schattental
- Apostrophe
- Singt den Jubel Schwestern, Brüder
- Hyperbel
- jedes Wesen soll der Liebe wonniglich wie wir sich freu′n
- Metapher
- Sie besieget Zeit und Grab
- Parallelismus
- fest geschlungen Hand in Hand
- Personifikation
- Engelfreuden ahnend wallen wir hinaus auf Gottes Flur