Lied der Liebe in die Heimath

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1804

Ach warum in dieser Ferne, Süßes Herz, so weit von dir? Alle Sonnen, alle Sterne, Oeffnen ihre Augen mir, Nur die schönsten blauen Strahlen, Nur das reinste tiefste Licht, Drin sich Erd′ und Himmel malen, Nur dein treues Auge nicht.

Ja, ich seh′ in wilden Lauben, Ueber Bergen, über Seen, Kind voll Unschuld und voll Glauben, Dich in frommer Stille gehn.

Um die bleichen feuchten Wangen Spielt die frische Abendluft, Und es steigt dein zart Verlangen Himmelwärts wie Blumenduft.

Thrän′ an Thräne seh′ ich rinnen Tief aus deines Auges Nacht, Und mit glühend heißen Sinnen Hängst du an der Sterne Pracht - O mein Kind, in jenen Räumen Suchst du den Geliebten schon, Und so früh den schönen Träumen Spräche das Verhängniß Hohn? Nein, dem liebenden Gemüthe Sind sie schmerzlich sanfter Trost! Nach dem Winter kommt die Blüthe, Die ein neuer West umkost. Bei den heimathlichen Auen, Bei der Burgruine Bild, Da, wo Aug′ und Blumen thanen, Mädchen, sei dein Weh gestillt.

Was du weinend mir gegeben, All dein himmlisch Heiligthum, War ein Kuß fürs Erdenleben, War es für Elysium. Mein ist dein verschämtes Zagen, Mein die jungfräuliche Scheu, Konntest du so muthig wagen, Liebes Herz, so bleibe treu!

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Illustration zu Lied der Liebe in die Heimath

Interpretation

Das Gedicht "Lied der Liebe in die Heimath" von Wilhelm Friedrich Waiblinger handelt von der Sehnsucht eines Liebenden, der von seiner Geliebten getrennt ist. Der Sprecher befindet sich in der Ferne und sehnt sich danach, bei seiner Liebsten zu sein. Er beschreibt, wie er die Schönheit der Natur um sich herum wahrnimmt, aber das einzigartige Licht in den Augen seiner Geliebten vermisst. In der zweiten Strophe imaginiert der Sprecher seine Geliebte in der Natur, wie sie unschuldig und voller Glauben durch die Welt geht. Er beschreibt ihre bleichen, feuchten Wangen und wie ihr zartes Verlangen himmelwärts steigt wie Blumenduft. Der Sprecher sieht Tränen in ihren Augen und bemerkt, wie sie sehnsuchtsvoll zu den Sternen aufschaut. In der dritten Strophe fragt sich der Sprecher, ob seine Geliebte bereits nach einem neuen Geliebten sucht. Er tröstet sich jedoch damit, dass die Träume und Sehnsüchte eines liebenden Herzens ein schmerzlich sanfter Trost sind. Er ermutigt seine Geliebte, ihr Weh an den heimatlichen Auen und bei der Burgruine zu stillen, wo sie einst gemeinsam glücklich waren. In der vierten Strophe reflektiert der Sprecher über die Gabe seiner Geliebten, die er als himmlisches Heiligtum bezeichnet. Er vergleicht es mit einem Kuss fürs Erdenleben oder mit Elysium. Der Sprecher betont, dass er die Schüchternheit und die jungfräuliche Scheu seiner Geliebten besitzt und bittet sie, treu zu bleiben.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Kind voll Unschuld und voll Glauben
Anapher
Ach warum in dieser Ferne, Süßes Herz, so weit von dir? Alle Sonnen, alle Sterne, Oeffnen ihre Augen mir
Bildsprache
Bei der Burgruine Bild
Hyperbel
Alle Sonnen, alle Sterne
Kontrast
Nach dem Winter kommt die Blüthe
Metapher
Drin sich Erd′ und Himmel malen
Personifikation
Oeffnen ihre Augen mir
Rhetorische Frage
Und so früh den schönen Träumen Spräche das Verhängniß Hohn?
Symbolik
Um die bleichen feuchten Wangen
Vergleich
Und es steigt dein zart Verlangen Himmelwärts wie Blumenduft