Lied auf dem Kirchhofe

Johanna Sophie Dorothea Albrecht

1757

Sey leiser hier, du meines Kummers Klage, Und seufze nur, was mich zu Gräbern beugt; Verzeiht - verzeiht, ihr Todten, daß ichs wage Zu jammern, wo des Schmerzes Stimme schweigt.

Nichts kann der Gräber stolze Ruhe stören, Der Friede wohnt im stillen Schattenreich; Drum will ich heilig eure Thäler ehren, Ach! er, mein Herzensfreund, wohnt unter euch.

Mein Freund, der wieder all die süßen Bande, Die längst die Welt von meinem Herzen riß, Sanft knüpft′, und mir im finstern Wechsellande Elisiums ewig daurend Glück verhieß.

Die heiße Stirn gelehnt am kalten Steine, Der meiner Trauer stummen Hügel deckt; Rinnt sanft, ihr Thränen! wie im Frühlingshayne Des Morgens Thau, der junge Rosen weckt.

Sie fließen nicht, dich Freyen zu beklagen, Der nicht im Kerker der Verwesung wohnt; Dir jauchz′ ich zu, dem nun nach schwülen Tagen Das kühle Wehn der Dulderpalme lohnt.

Dort seh ich dich den großen Morgen feyern, Der nur an jenem Purpurufer tagt; Wohin keins von des Lebens Ungeheuern Durch Gottes Wachen sich hinüber wagt.

Nur mir, nur mir Gesunknen rinnt die Zähre, Nur mich Verlaßne klagt dies Thränenlied; Mir ist die Welt nur eine öde Leere, Wo mir allein kein stiller Hügel blüht.

Er deckt mit dir auch alle bleichen Schrecken, Die Gruft und Tod mir einstens schaudernd gab; So muß die Nacht den jungen Morgen wecken, Du starbst - und Heymath wird mir Tod und Grab.

Umschlungen unsrer schönsten Hoffnung Büste Späh ich, ob bald der Kahn herüber schwimmt, Der mich von der Verwesung schwarzen Küste Zu dir - zu dir, mein Freund, hinüber nimmt.

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Illustration zu Lied auf dem Kirchhofe

Interpretation

Das Gedicht "Lied auf dem Kirchhofe" von Johanna Sophie Dorothea Albrecht ist ein tief empfundenes Klagelied, das den Schmerz des Verlustes eines geliebten Freundes zum Ausdruck bringt. Die Sprecherin bittet um Verzeihung dafür, dass sie in der Stille des Friedhofs ihren Kummer äußert, da sie sich in dieser Umgebung der Ruhe der Toten bewusst ist. Dennoch kann sie ihre Trauer nicht unterdrücken, da ihr Herz von der Sehnsucht nach dem Verstorbenen erfüllt ist. Die Dichterin beschreibt die Hoffnung auf ein Wiedersehen im Jenseits, wo ihr Freund nun in einem ewigen, glücklichen Zustand weilt. Sie imaginiert ihn am "Purpurufer" in einem paradiesischen Land, das frei von den Schrecken des irdischen Lebens ist. Die Tränen, die sie vergießt, sind nicht für den Verstorbenen, der nun in Frieden ruht, sondern für sich selbst, die in der Welt zurückgelassen wurde und sich einsam und verlassen fühlt. Die letzte Strophe offenbart die tiefe Sehnsucht der Sprecherin nach dem Tod, den sie als Heimkehr zu ihrem Freund betrachtet. Sie blickt voller Hoffnung auf den Tag, an dem sie selbst sterben und zu ihm übergehen wird. Das Gedicht endet mit dem Wunsch, dass der "Kahn" sie von der "Verwesung schwarzen Küste" hinüber zu ihrem Freund bringen möge, was die Erwartung eines glückseligen Wiedersehens im Jenseits unterstreicht.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Zu dir - zu dir, mein Freund, hinüber nimmt
Anapher
Zu dir - zu dir, mein Freund, hinüber nimmt
Enjambement
Späh ich, ob bald der Kahn herüber schwimmt, Der mich von der Verwesung schwarzen Küste
Hyperbel
Mir ist die Welt nur eine öde Leere
Metapher
Der mich von der Verwesung schwarzen Küste
Personifikation
Verzeiht - verzeiht, ihr Todten, daß ichs wage Zu jammern, wo des Schmerzes Stimme schweigt