Lied an meinen Sohn

Richard Dehmel

1920

Der Sturm behorcht mein Vaterhaus, mein Herz klopft in die Nacht hinaus, laut; so erwacht ich vom Gebraus des Forstes schon als Kind. Mein junger Sohn, hör zu, hör zu: in deine ferne Wiegenruh stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind.

Einst hab ich auch im Schlaf gelacht, mein Sohn, und bin nicht aufgewacht vom Sturm; bis eine graue Nacht wie heute kam. Dumpf brandet heut im Forst der Föhn, wie damals, als ich sein Getön vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm.

Horch, wie der knospige Wipfelsaum sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum; mein Sohn, in deinen Wiegentraum zomlacht der Sturm - hör zu, hör zu! Er hat sich nie vor Furcht gebeugt! horch, wie er durch die Kronen keucht: sei Du! sei Du! -

Und wenn dir einst von Sohnespflicht, mein Sohn, dein alter Vater spricht, gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht: horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut! Horch, er bestürmt mein Vaterhaus, mein Herz tönt in die Nacht hinaus, laut - -

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Illustration zu Lied an meinen Sohn

Interpretation

Das Gedicht "Lied an meinen Sohn" von Richard Dehmel ist ein emotionales Vater-Sohn-Gedicht, das die Verbindung zwischen Generationen und die Natur als Metapher für das Leben und die Entwicklung des Sohnes verwendet. Der Sturm wird als Symbol für die Herausforderungen und Prüfungen des Lebens dargestellt, die der Sohn meistern muss. Der Vater teilt seine eigenen Erfahrungen und Ängste mit seinem Sohn und ermutigt ihn, mutig und unabhängig zu sein. Der erste Teil des Gedichts beschreibt, wie der Sturm das Vaterhaus umgibt und das Herz des Vaters in die Nacht hinausschlägt. Der Vater erinnert sich an seine eigene Kindheit, als er vom Sturm im Wald geweckt wurde. Er spricht zu seinem Sohn und bittet ihn, auf die Worte zu hören, die der Wind ihm im Traum bringt. Der Sturm wird als eine Art Vorboten oder Lehrer für den Sohn dargestellt, der ihm wichtige Lektionen vermittelt. Im zweiten Teil des Gedichts erinnert sich der Vater daran, wie er selbst im Schlaf gelacht hat, ohne vom Sturm aufzuwachen. Doch dann kam eine graue Nacht, ähnlich wie die heutige, in der der Föhn im Wald brauste. Der Vater erinnert sich an die Angst, die er damals empfand, als er das Getöse des Sturms hörte, ähnlich wie die Worte seines eigenen Vaters. Diese Erinnerung verdeutlicht die generationenübergreifende Natur der Ängste und Herausforderungen, die jeder Sohn meistern muss. Im letzten Teil des Gedichts ermutigt der Vater seinen Sohn, auf den Sturm zu hören und von ihm zu lernen. Er beschreibt, wie sich die Baumwipfel im Sturm beugen und sträuben, und fordert den Sohn auf, mutig zu sein wie der Sturm, der sich nie vor Furcht gebeugt hat. Der Vater bittet seinen Sohn, nicht blind den Worten seines eigenen Vaters zu gehorchen, sondern auf die Zeichen der Natur und des Lebens zu achten. Er ermutigt ihn, unabhängig zu sein und seinen eigenen Weg zu gehen, während er gleichzeitig die Verbindung zu seinem Vater und den Generationen davor aufrechterhält.

Schlüsselwörter

sohn hör horch sturm nacht vaterhaus herz hinaus

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
mein Herz klopft in die Nacht hinaus
Anapher
Hör zu, hör zu
Anspielung
Die Bezugnahme auf den Vater und die Vater-Sohn-Beziehung
Hyperbel
mein Herz tönt in die Nacht hinaus, laut
Kontrast
Einst hab ich auch im Schlaf gelacht, mein Sohn, und bin nicht aufgewacht vom Sturm; bis eine graue Nacht wie heute kam
Metapher
Der Sturm behorcht mein Vaterhaus
Personifikation
Der Sturm behorcht mein Vaterhaus
Symbolik
Der Föhn als Symbol für Veränderung und Neubeginn
Wiederholung
sei Du! sei Du!