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Lied an meinen Sohn

Von

Der Sturm behorcht mein Vaterhaus,
mein Herz klopft in die Nacht hinaus,
laut; so erwacht ich vom Gebraus
des Forstes schon als Kind.
Mein junger Sohn, hör zu, hör zu:
in deine ferne Wiegenruh
stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind.

Einst hab ich auch im Schlaf gelacht,
mein Sohn, und bin nicht aufgewacht
vom Sturm; bis eine graue Nacht
wie heute kam.
Dumpf brandet heut im Forst der Föhn,
wie damals, als ich sein Getön
vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm.

Horch, wie der knospige Wipfelsaum
sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum;
mein Sohn, in deinen Wiegentraum
zomlacht der Sturm – hör zu, hör zu!
Er hat sich nie vor Furcht gebeugt!
horch, wie er durch die Kronen keucht:
sei Du! sei Du! –

Und wenn dir einst von Sohnespflicht,
mein Sohn, dein alter Vater spricht,
gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht:
horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut!
Horch, er bestürmt mein Vaterhaus,
mein Herz tönt in die Nacht hinaus,
laut – –

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Gedicht: Lied an meinen Sohn von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lied an meinen Sohn“ von Richard Dehmel ist ein ergreifendes Beispiel für väterliche Liebe und die Übertragung von Lebenserfahrungen. Es ist durchzogen von einer tiefen Verbundenheit mit der Natur und dem Wunsch, den Sohn vor den Schwierigkeiten des Lebens zu bewahren, ihm aber gleichzeitig Mut und Eigenständigkeit zu vermitteln. Der Sturm dient hier als Metapher für die Herausforderungen und Konflikte, denen man im Leben begegnet.

Die ersten beiden Strophen zeichnen ein Bild der Nostalgie und des Kreislaufs des Lebens. Der Dichter, der als Kind vom Sturm geweckt wurde, erinnert sich an seine eigene Vergangenheit und projiziert seine Erfahrungen auf seinen Sohn. Die Wiederholung von „mein Sohn, hör zu“ unterstreicht die Wichtigkeit der Botschaft und die Dringlichkeit, mit der der Vater seine Erfahrungen weitergeben möchte. Die Furcht, die er einst vor dem Sturm empfand, wird nun in die Warnung vor dem kommenden Frühling, dem Symbol für die Verlockungen und Herausforderungen des Lebens, umgewandelt.

Die dritte Strophe stellt den Wendepunkt des Gedichts dar. Der Vater ruft seinem Sohn zu, sich nicht zu beugen, sondern stark und widerstandsfähig zu sein, wie der Sturm, der durch die Baumkronen fegt. Die Zeile „sei Du! sei Du!“ ist ein eindringlicher Appell an die Individualität und das Selbstvertrauen des Sohnes. Hier manifestiert sich der Wunsch, dass der Sohn seinen eigenen Weg geht und sich nicht den Erwartungen anderer unterwirft. Der Vater wünscht sich für seinen Sohn ein unerschütterliches Selbstbewusstsein.

Die letzte Strophe offenbart die vielleicht überraschendste Botschaft: Der Sohn soll nicht auf die väterlichen Ratschläge hören, die von Pflichterfüllung und Tradition geprägt sind. Stattdessen soll er der Kraft des Frühlings und dem Sturm in seinem Inneren folgen. Dies ist ein kühner Ausdruck der Freiheit und des Vertrauens in die Fähigkeit des Sohnes, seinen eigenen Weg zu finden. Das Gedicht endet mit der Wiederholung der ersten Zeilen, was den Kreislauf des Lebens und die unaufhörliche Verbundenheit zwischen Vater und Sohn betont. Die Kraft des Sturms hallt in den Zeilen wieder und ruft die Zuhörer dazu auf, das Leben mutig anzugehen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.