Lied
1907Du, der ichs nicht sage, daß ich bei Nacht weinend liege, deren Wesen mich müde macht wie eine Wiege. Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht meinetwillen: wie, wenn wir diese Pracht ohne zu stillen in uns ertrügen?
Sieh dir die Liebenden an, wenn erst das Bekennen begann, wie bald sie lügen.
Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen. Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen, oder es ist ein Duft ohne Rest. Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren, du nur, du wirst immer wieder geboren: weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.
(Aus den “Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”)
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Lied" von Rainer Maria Rilke handelt von der unerfüllten Sehnsucht nach einer geliebten Person, die nicht greifbar ist und sich ständig verändert. Der lyrische Ich beklagt die Einsamkeit und das unerfüllte Verlangen nach Nähe und Geborgenheit. Im ersten Teil des Gedichts beschreibt der lyrische Ich die nächtliche Sehnsucht nach der Geliebten, die ihn müde macht wie eine Wiege. Er fragt sich, wie sie beide diese "Pracht" ohne Erfüllung in sich ertragen können. Der zweite Teil des Gedichts vergleicht die Liebenden mit Lügnern, die sich gegenseitig etwas vormachen, sobald sie sich gestehen, dass sie sich lieben. Im letzten Teil des Gedichts wird deutlich, dass die Geliebte für den lyrischen Ich nicht greifbar ist und sich ständig verändert. Sie ist mal ein Duft, mal ein Rauschen, aber nie wirklich präsent. Der lyrische Ich verliert sie immer wieder, aber er hält sie fest, indem er sie nicht festhält und ihr die Freiheit gibt, sich zu verändern und neu zu entstehen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Du, der ichs nicht sage... Du, die mir nicht sagt
- Bildlichkeit
- oder es ist ein Duft ohne Rest
- Hyperbel
- weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest
- Kontrast
- wie, wenn wir diese Pracht ohne zu stillen in uns ertrügen