Lied
1778Du mit dem Frühlingsangesichte, Du schönes, blondes Himmelskind, An deiner Anmut Rosenlichte Sieht sich mein Auge noch halb blind!
Nach etwas durst ich lang im stillen, Nach einem Labekuß von dir, Den gib mir nur mit gutem Willen, Sonst nehm ich rasch ihn selber mir!
Und sollte dich der Raub verdrießen, So geb ich gern den Augenblick, Die Schuld des Frevels abzubüßen, Ihn hundertfältig dir zurück.
Anhören
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Lied" von Gottfried August Bürger ist ein leidenschaftliches und impulsives Liebesgedicht, das die Intensität der Sehnsucht und Begierde des lyrischen Ichs nach dem Gegenstand der Liebe zum Ausdruck bringt. Die Anmut und Schönheit des geliebten Menschen werden in den ersten Versen beschrieben, wobei die Augen des lyrischen Ichs noch "halb blind" sind, was auf die überwältigende Wirkung der Schönheit hindeutet. Die Sehnsucht des lyrischen Ichs wird in den folgenden Versen deutlich, als es von einem "Labekuß" von dem Geliebten träumt. Die Dringlichkeit dieser Sehnsucht wird durch den Satz "Sonst nehm ich rasch ihn selber mir!" verdeutlicht, was auf eine impulsive und leidenschaftliche Natur des lyrischen Ichs schließen lässt. Im letzten Teil des Gedichts wird die Intensität der Begierde des lyrischen Ichs noch weiter gesteigert. Es droht damit, den Kuss selbst zu nehmen, wenn der Geliebte es nicht freiwillig gibt. Die Bereitschaft, die "Schuld des Frevels" zu büßen und den Kuss "hundertfältig" zurückzugeben, zeigt die Tiefe der Leidenschaft und die Bereitschaft, für die Liebe Opfer zu bringen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bedingungssatz
- Sonst nehm ich rasch ihn selber mir!
- Hyperbel
- Ihn hundertfältig dir zurück
- Imperativ
- Den gib mir nur mit gutem Willen
- Personifikation
- Du schönes, blondes Himmelskind
- Vergleich
- An deiner Anmut Rosenlichte