Liebesnacht
1881Das war die Nacht, die aller Nächte Preis — erinnerst du dich noch an unser Zimmer? Die kleine Gasse draußen lag so weiß und blank im maienkühlen Mondenschimmer. Wie atmend bauschten sich und wogten leis′ die bleichen Stors, durchrieselt von Geflimmer und über Dächer kam in vollen Wogen blühender Gärten feuchter Duft gezogen.
Da waren wir zum erstenmal allein in solchem Frühling und zu solcher Stunde; in schlanken Kelchen schäumte kalter Wein, Orangen bluteten aus kühler Wunde; die Kerzen gaben lieben, blassen Schein, nur manchmal wehten Worte uns vom Munde, und wie sie tief in unsre Seelen sanken, erblühten sie zu südlich reichen Ranken.
Und dann — ich weiß nicht mehr, wie alles kam — wie zögernd sich dein sanftes Blut erwehrte, als ich, die Rosen jäh erblühter Scham beseligt pflückend, höchste Gunst begehrte. Ich weiß nur, daß ich alles Süße nahm: das gern Gegebene und kaum Gewährt; un daß wir dann in einen traumlos-tiefen, erlösten Schlummer Brust an Brust entschliefen.
Oh, nicht für lange — immer wieder trieb zu jähem Aufruhr uns erneutes Sehnen, und leise Frage: “Hast du mich denn lieb?” heischte Beweise, gab uns Lust und Tränen, und dann wie Pferde unter heißem Hieb griffen die Sinne aus in roten Mähnen, und wie sie, unsern Willen schleifend, rannten, lechzten die Lippen und die Lider brannten.
Dann kam der Morgen, mählich, ungeglaubt, herbeigeschleppt von grauen Geisterhänden — der kleine Raum, der Dunkelheit beraubt, umwuchs uns kalt mit fremden Gegenständen. Da standen unsre Worte wie entlaubt und ausgehölt von brünstigem Verschwenden, und unsre müden Sinne, wunden Nerven begannen, sich für Häßliches zu schärfen.
Da war des Tisches wüst verschobnes Tuch und da noch Wein, daß er getrunken werde, dort einer halben Frucht verwester Bruch; und welcke Blumen lagen auf der Erde — ein faulig-süßlich-gestriger Geruch, eine erstickte, grinsende Gebärde — Ich weiß nicht mehr, wie wir aus jenen Stunden in unsre Liebe wieder heimgefunden.
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Interpretation
Das Gedicht "Liebesnacht" von Anton Wildgans beschreibt eine leidenschaftliche Liebesnacht zwischen zwei Personen. Die Nacht wird als besonders wertvoll und unvergesslich dargestellt, wobei die Atmosphäre durch den Mondenschein und den Duft blühender Gärten verstärkt wird. Die beiden Liebenden sind zum ersten Mal allein in einer solchen Frühlingsnacht, und ihre Leidenschaft entfacht sich durch Wein, Worte und körperliche Nähe. Die Intensität der Liebe wird durch die Beschreibung der sinnlichen Erfahrungen und der körperlichen Vereinigung verdeutlicht. Die Liebenden sind von ihren Gefühlen überwältigt und erleben eine tiefe, traumlose Einheit. Doch die Nacht ist nicht von langer Dauer, da die Sehnsucht und das Verlangen immer wieder aufflammen und zu leidenschaftlichen Momenten führen. Die Sinne werden von der Hitze der Leidenschaft ergriffen, und die Lippen und Augenlider brennen vor Verlangen. Mit dem nahenden Morgen ändert sich die Stimmung. Die Dunkelheit weicht, und die Realität tritt in den Vordergrund. Die Worte verlieren an Bedeutung, und die Sinne werden empfindlicher für das Hässliche und Unangenehme. Die Unordnung im Raum, der übrig gebliebene Wein und die welken Blumen symbolisieren den Übergang von der Leidenschaft zur Realität. Die Liebenden müssen sich wieder in ihre Liebe zurückfinden, nachdem die Intensität der Nacht nachgelassen hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Eine erstickte, grinsende Gebärde.
- Personifikation
- Da standen unsre Worte wie entlaubt und ausgehölt von brünstigem Verschwenden.
- Vergleich
- Und wie sie tief in unsre Seelen sanken, erblühten sie zu südlich reichen Ranken.