Liebeslied

Friedrich Gottlieb Klopstock

1724

Noch währt der Schmaus! Noch fließt der Wein! Doch auf, vom Becher weg! Das liebste Mädchen küßt mich heut Im Europäerland.

Schon rauscht ihr leicht gehobner Fuß Und kündigt sie mir an. Heil, Phyllis, dir und deiner Brust Und ihrem vollen Wuchs!

Ihr Antlitz glüht vor süßer Lust Und herrscht mich zu sich hin! Schon ist ihr sanftgeschwollner Mund Von meinem Kusse heiß.

Sprich lächelnd Weisheit um dich her, Mund, heiß von meinem Kuß, Daß aller Welt Glückseligkeit Gar nichts dagegen sei!

Die ihr nicht eben nüchtern sitzt Beim bechervollen Tisch, Flieht, flieht den Becher! Phyllis küßt Den Durst nach Weine weg.

Willkommen, Herz, für mich gemacht! Wenn seelenvoll ihr Blick Von Wollust glüht, dann sink ich sanft An ihre volle Brust.

Wenn nun mein trunknes Auge schwimmt, Entzückung ohne Maß Weit um mich her, dann bebt mein Herz Zu ihrem Herzen hin.

Dann treten wir viel seliger Als Könige daher Und fühlen, daß dies Wahrheit sei. Das geht durch Mark und Bein.

Und preist mit frohem Ungestüm Der Bräut′gam und die Braut; Er schaut auf uns nacheifernd hin Und küßt sie feuriger,

Und drückt sie wilder an sein Herz Und lispelt ihr ins Ohr: “Sind wir den Göttern auch nicht gleich, So lieben wir doch auch!”

Uns preist, voll Freuden einer Braut, Die Mutter ihrem Sohn! Sie drückt ihn an ihr Herz und spricht: “Sei, wie dein Vater war!”

Nur uns gehört die Ewigkeit, Wenn wir gestorben sind, Damit der Enkelinnen Sohn Versteh, was Liebe sei.

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Illustration zu Liebeslied

Interpretation

Das Gedicht "Liebeslied" von Friedrich Gottlieb Klopstock beschreibt die tiefe Leidenschaft und die ewige Natur der Liebe. Es beginnt mit einer Szene des Feierns, die jedoch schnell in den Hintergrund tritt, als der Erzähler von Phyllis, dem Objekt seiner Begierde, abgelenkt wird. Die Beschreibung ihrer Ankunft ist voller Vorfreude und Bewunderung, wobei ihre Schönheit und Anziehungskraft betont werden. Das Gedicht setzt sich fort, indem es die Intimität und das Glück des Paares darstellt. Der Erzähler beschreibt, wie Phyllis ihn küsst und wie ihre Anwesenheit ihn mit Freude und Zufriedenheit erfüllt. Die Liebe zwischen ihnen wird als etwas Göttliches und Erhabenes dargestellt, das sie über gewöhnliche Menschen erhebt. Sie fühlen sich wie Könige, die in ihrer eigenen Welt der Liebe und Leidenschaft schwelgen. Im letzten Teil des Gedichts wird die Idee der ewigen Liebe betont. Der Erzähler und Phyllis werden von anderen bewundert, einschließlich eines Bräutigams und einer Braut sowie einer Mutter und ihrem Sohn. Die Liebe des Erzählers zu Phyllis wird als etwas dargestellt, das über das physische Leben hinausgeht und in der Ewigkeit weiterlebt. Der Enkelinnen Sohn wird in der Lage sein, die Tiefe und Bedeutung dieser Liebe zu verstehen, selbst nachdem der Erzähler und Phyllis gestorben sind. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass wahre Liebe zeitlos ist und Generationen überdauert.

Schlüsselwörter

herz küßt hin becher weg phyllis brust glüht

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Stilmittel

Alliteration
Phyllis küßt den Durst nach Weine weg
Anapher
Und preist mit frohem Ungestüm der Bräut′gam und die Braut; Er schaut auf uns nacheifernd hin
Apostrophe
Willkommen, Herz, für mich gemacht!
Symbolik
Wein als Symbol für Lust und Genuss
Vergleich
Sind wir den Göttern auch nicht gleich