Liebesfeuer, ewige Flammen
1.
Du liebst mich, Schaz-Rosille,
mehr als dein eigen Herz,
mein Wollen ist dein Wille,
mein Wiedersinn dein Schmerz.
2.
Du schleust mich mit viel küssen
Fest in die Armen ein
und lässest mich nicht wissen,
was nur vergunnt mag sein.
3.
Ist aber diß die Flammen
zuleschen gnug, mein Kind,
sie schlagen mehr zusammen
und lodern in den Wind.
4.
Die Flucht kann Feuer tödten
lescht was die Gluht verlezzt:
Je mehr komm′ ich in Nöhten,
ie mehr dein Mund mich nezzt.
5.
O dem betrübtem Stande!
das kränkt mich, was mich süßt,
wird nu der Tau zum Brande,
der durch die Lippen fliegt.
6.
Die heisse Donner-straalen,
so schweer zu leschen sein,
kann man doch offtermahlen
mit Wasser kühlen ein.
7.
Mein unaußleschlich Feuer
erkennet keine Wehr,
kehm Thetis mir zu steuer
und göß′ auff mich ihr Meer.
8.
Jedoch würd′ aus den Wellen
die Flamme schlagen für,
es würden seine Quellen
vertrögen über ihr.
9.
Du köntest mir noch mindern
mein Seelchen, diese Brunst
und seine Gluhten lindern
durch nähre Liebes-gunst.
10.
Was? näher? nicht. Wir kennen
der Ehr und Tugend Schein.
Eh wolt′ ich ganz verbrennen,
als so geleschet sein.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Liebesfeuer, ewige Flammen“ von Kaspar Stieler beschreibt in einer barocken Sprache die unaufhaltsame und verzehrende Kraft der Liebe, die sich in einem paradoxen Verhältnis zu Leid und Qual manifestiert. Der Sprecher, der sich als Liebender zu erkennen gibt, adressiert seine Geliebte, die er „Schaz-Rosille“ nennt, und gesteht seine tiefe Zuneigung und Abhängigkeit von ihr. Der Text ist durchdrungen von Metaphern des Feuers, die die Intensität und Unbändigkeit der Liebe symbolisieren, die sowohl Glück als auch Schmerz hervorruft.
Die ersten Verse etablieren die Hingabe der Geliebten („mehr als dein eigen Herz“) und ihre Bereitschaft, dem Willen des Sprechers zu folgen. Doch die Liebe wird schnell als eine Flamme dargestellt, die durch die Küsse der Geliebten nur noch stärker entfacht wird. Das Gedicht entwickelt sich von der anfänglichen Hingabe zu einer Erkenntnis der Unmöglichkeit, das „Feuer“ der Liebe zu löschen. Je mehr der Sprecher versucht, sich von der Liebe zu befreien, desto stärker wird er von ihr angezogen. Dies zeigt sich in der Gegenüberstellung von „Nöten“ und dem „Mund“ der Geliebten, der ihn „nezzt“ (befeuchtet) und somit die Leidenschaft weiter anheizt. Das Spiel mit den Gegensätzen, wie der „Tau“ (der kühlt) der zum „Brande“ wird, verdeutlicht die innere Zerrissenheit und die Unkontrollierbarkeit der Liebe.
Der Sprecher beschreibt im weiteren Verlauf, dass selbst Naturgewalten wie Wasser (in Form von Donnerstrahlen und dem Meer der Thetis) nicht in der Lage wären, das Liebesfeuer zu löschen. Diese Übertreibung unterstreicht die Intensität der Leidenschaft und die daraus resultierende Unfähigkeit, sich von ihr zu befreien. Die scheinbare Hoffnung auf eine Linderung durch „nähre Liebes-gunst“ wird schließlich verworfen. Der Sprecher scheint die Vorstellung einer „Gunst“ (Gunst) mit Bezug auf Ehre und Tugend, die in diesem Zusammenhang als Einschränkung und als Gegensatz zu den eigenen Leidenschaften wahrgenommen wird, abzulehnen. Er zieht es stattdessen vor, sich ganz dem Feuer der Liebe hinzugeben, anstatt es zu löschen.
Das Gedicht verdeutlicht somit die Dualität der Liebe, die einerseits unermessliches Glück und andererseits unerträgliches Leid mit sich bringt. Stieler benutzt bildhafte Sprache und Metaphern, um die zerstörerische und zugleich bezaubernde Natur der Leidenschaft zu veranschaulichen. Die Unfähigkeit des Sprechers, sich von der Liebe zu distanzieren, und seine finale Entscheidung, sich ihr hinzugeben, zeugen von der romantischen Idealisierung der Liebe als einer überwältigenden Kraft, die das Individuum vollständig vereinnahmt. Das Gedicht ist ein Zeugnis der barocken Sensibilität, die das Verlangen nach intensiven Gefühlen und die damit verbundenen Qualen feiert.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.