Liebesahnung

Joseph Christian von Zedlitz

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Die Vesperglocken klingen Im abendlichen Schein, Von Rüdesheim nach Bingen, Herüber den breiten Rhein.

Rings hat an steilen Wänden Auf Steingeröll, am Kant' Von sonnigen Geländen Die Reb’ ihr Netz gespannt.

Die hohen Kuppen blauen, Zerfallne Burgen stehn, Und kühne Warten schauen Herunter von den Höhn.

Dort ranken rothe Winden Und Schlingkraut sich empor; Es weht der Duft der Linden Durch das versunkne Thor.

Im Rahmen mächt’ger Bogen Senkt sich der Sonne Schild, Es rauschen laut die Wogen In Dämmerung gehüllt.

Und sinnend sitzt am Strande, Zum Knie geschürzt das Kleid, Still an des Wassers Rande Die jugendliche Maid.

Sie wusch die weißen Füße Wohl in der frischen Fluth, Und rosig glüht das süße Antlitz in Abendgluth.

Noch brennt auf ihrem Munde Der erste Kuß, entzückt In einer sel’gen Stunde Den Lippen aufgedrückt! –

Sie scheint den Fluß zu fragen: »O Wellen, sprecht ein Wort! Wohin habt ihr verschlagen Den Knaben, an welchen Ort?«

»Warum, du schnöde Welle, Trägst du ihn fort von hier? Was zogst du gar so schnelle Ihn aus den Armen mir?« –

Die raschen Wellen treiben, Zur Antwort giebt der Fluß: »»’s kann halt nichts ewig bleiben, Am mindesten – ein Kuß!«« –

Rausche, rausche kühler Fluß, Rausche immer zu; Knabe schläft an deinem Ufer, Träumt in süßer Ruh.

Träumet, feuchte Wasserfrauen Hätten ihn erfaßt, Führten ihn in einen hohen Goldenen Palast;

Singen, schlingen Zaubertänze, Und er steht bethört, Und er träumt von Melodien, Nie zuvor gehört.

Harfentönen, Cymbelklängen, Wunderbarem Laut. Träumt von Reizen, die der Knabe Nie zuvor geschaut;

Weißen Busen, vollen Armen, Hüften schlank und rund, Stolzen Nacken, goldnen Locken, Rosengleichem Mund!

Er erwacht – fort sind die Hallen, Fort der Nixen Chor; Und die Welle treibt die Schäume Rauschend wie zuvor.

Doch in seiner Seele Tiefen Bleibt ein dunkles Bild, Bleibt ein neu erwachtes Sehnen, Heiß – und ungestillt!

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Illustration zu Liebesahnung

Interpretation

Das Gedicht "Liebesahnung" von Joseph Christian von Zedlitz beschreibt eine melancholische Stimmung am Rhein, die von der Sehnsucht einer jungen Frau nach einem verlorenen Geliebten geprägt ist. Die Verse malen eine idyllische, aber auch traurige Landschaft mit Weinbergen, Burgen und dem Fluss, der die Liebenden getrennt hat. Die junge Frau sitzt am Ufer des Rheins und blickt sehnsuchtsvoll auf das Wasser, das ihren Geliebten fortgetragen hat. Sie wäscht ihre Füße im Fluss und erinnert sich an den ersten Kuss, der noch auf ihren Lippen brennt. Die Verse vermitteln ihre Verzweiflung und ihre Frage an den Fluss, wohin er ihren Geliebten verschleppt hat. Der Fluss antwortet mit den Worten, dass nichts ewig bleibt, am wenigsten ein Kuss. Die Verse wechseln dann in einen Traumzustand, in dem die junge Frau sich vorstellt, wie Wassergeister ihren Geliebten in einen goldenen Palast führen, wo er von Melodien und Reizen träumt, die er noch nie zuvor gesehen oder gehört hat. Am Ende erwacht der Geliebte, und die Hallen und der Chor der Nixen sind verschwunden, aber in seiner Seele bleibt ein dunkles Bild und ein neu erwachtes, unstillbares Sehnen zurück.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Im Rahmen mächt'ger Bogen
Personifikation
Bleibt ein neu erwachtes Sehnen