Lieber sterben als lieben
1638Im Namen eines guhten Freundes
Man sagt mir zwahr: Ich soll dich hassen / und nicht mehr lieben / wie ich pflag / so kan ich doch nicht vohn dir lassen / ich fliehe dich auch / wie ich mag. Wie offt hab ich mir fürgenommen / du sollest mir in meinen Sinn / O Galatee / nicht mehr kommen / Nein / Nein / ich lieb dich wie vorhin. Wir sind je nicht zu gleich gebohren / eß gleichen unsre Sternen nicht / mir hette Venus sich verloren / dir aber schien ihr helles Licht. Werd ich durch List dan hintergangen / und hat man mir was beygebracht / daß ich so stets an dir muß hangen und ruhe weder Tag noch Nacht? Seh ich dich an / so fühl ich Schmerzen; genieß ich deiner Gegenwart / so ist mir auch nicht wohl zuhm Herzen / Ich stehe bey dir / wie erstart. Die Rede will mir ganz nicht fliessen / Ich zittre wie ein Espen Laub / der Augen Quell muß sich ergiessen / Ich bin wie Sinnloß / stumb und taub. Auch glaub ich / daß auß diser Ketten und auß dem harten Liebes Streit mich Perseus selbst nicht könt erretten / der doch Andromeden befreyt. Darumb woll Cloto meinem Leben / weil sonst mir nicht zu helffen steht / die längst=gewündschet′ Endschafft geben / dardurch ein Mensch der Lieb entgeht.
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Interpretation
Das Gedicht "Lieber sterben als lieben" von Sibylla Schwarz handelt von der inneren Zerrissenheit und der unglücklichen Liebe des lyrischen Ichs zu einer Person namens Galatee. Das Ich fühlt sich gefangen in seinen Gefühlen, die es nicht kontrollieren kann, und wünscht sich befreit zu werden, auch wenn dies den Tod bedeutet. Im ersten Teil des Gedichts beschreibt das lyrische Ich seine Unfähigkeit, sich von der Liebe zu lösen, obwohl es von außen dazu aufgefordert wird. Es versucht immer wieder, sich von Galatee zu distanzieren, scheitert jedoch jedes Mal aufs Neue. Das Ich erkennt die Unterschiede zwischen sich und Galatee, die durch die Sterne symbolisiert werden, und fühlt sich unglücklich in seiner Liebe. Im zweiten Teil des Gedichts schildert das lyrische Ich die körperlichen und seelischen Auswirkungen seiner Liebe. Es fühlt sich gelähmt und unfähig, klare Gedanken zu fassen oder zu sprechen. Die Liebe raubt ihm den Schlaf und lässt ihn zittern. Das Ich vergleicht sich mit einer Statue, die nicht mehr fühlen oder denken kann. Im letzten Teil des Gedichts bittet das lyrische Ich die Schicksalsgöttin Clotho, ihm das Leben zu nehmen, da es keinen anderen Ausweg aus seiner misslichen Lage sieht. Es vergleicht sich mit Andromeda, die von Perseus befreit werden musste, und hofft auf eine ähnliche Erlösung durch den Tod.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Seh ich dich an / so fühl ich Schmerzen
- Anapher
- Nein / Nein / ich lieb dich wie vorhin
- Anspielung
- durch Perseus selbst nicht könt erretten / der doch Andromeden befreyt
- Hyperbel
- Ich bin wie Sinnloß / stumm und taub
- Metapher
- aus diser Ketten und aus dem harten Liebes Streit
- Personifikation
- mir hette Venus sich verloren