Liebe
1841Das ist mein Trost in allen Leiden, Daß nichts mich kann von Jesu scheiden, Von seiner Liebe keine Macht, Der größte aller Erdenschmerzen Hat nicht Gewalt ob einem Herzen, Worin die Liebe Jesu wacht.
Wenn er mir bleibt, was kann mir fehlen? Wenn er mich labt, was kann mich quälen? Wie hat er Alles wohl bestellt! Wenn ich nur seinen Namen nenne, Dann ist′s, als ob das Herz mir brenne; Im Lichte steht die ganze Welt.
Sein Kreuz ist wie der Himmelsbogen Um meinen Horizont gezogen; Wohin ich schau, da steht es schon. O süßes Kreuz, laß dich umfangen, Woran mein liebstes Lieb gehangen Für unsrer Sünden bittern Lohn!
Wenn meine Pflichten oft mich drücken, So muß ich Liebesrosen pflücken Aus seinem bittern Kreuzestod. Wie kommt mir wunderbare Stärke! Wie sind so leicht die schweren Werke, Dieweil mein Jesu sie gebot!
Mein Leid muß mir zu Freuden werden, Denk′ ich an Jesu Leid auf Erden Und seinen blut′gen Kreuzespfad. Mein Jesu ist vorangegangen; Wie kann mir noch vor Dornen bangen Auf Wegen, die mein Gott betrat?
Er hat den bittern Weg erkoren: Was flieht ihr denn, ihr schwachen Toren So sehr die Bitterkeit und Pein? Muß ich durch Dornenweg′ mich schlagen, So soll mein Mund frohlockend sagen: »Mein Jesu kann nicht ferne sein.«
Er ist nicht fern, auf allen Wegen Kömmt mir ein Strahl von ihm entgegen, In himmlisch tröstender Gestalt; Er ist nicht fern, im Sturmesgrimme Da hör ich seine liebe Stimme, Er ist nicht fern, ich find ihn bald.
Sein Bild steht überall geschrieben, Ich kann nur Ihn, nur Ihn noch lieben, Ich kann nur Ihn allein noch sehn; Ich weiß, Er muß mir ewig bleiben, Ach wollte Er mich von sich treiben, Ich müßte gleich in Schmerz vergeh′n
Ach, könnt′ ich diese Hülle meiden! Doch still, mein Herz, verschließ bescheiden Den heißen Wunsch in deine Brust; Es ist ja meines Jesu Wille, Und daß ich den getreu erfülle, Das ist doch meine ganze Lust.
Geduld! sie wird doch endlich kommen, Die Stunde, mir zum Heil und Frommen, Gott hat sie Keinem noch versagt. Bis dahin denk′ in allen Leiden, Daß nichts dich kann von Jesu scheiden, Von seiner Liebe keine Macht.
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Interpretation
Das Gedicht "Liebe" von Annette von Droste-Hülshoff ist ein tief empfundenes Loblied auf die Liebe Jesu und deren tröstende Kraft in allen Lebenslagen. Die Dichterin drückt ihre unerschütterliche Hingabe an Jesus aus und betont, dass nichts sie von seiner Liebe trennen kann, nicht einmal die größten irdischen Schmerzen. Sie findet Trost und Stärke in der Vorstellung, dass Jesus immer bei ihr ist und ihr den Weg weist, selbst in den dunkelsten Stunden. Die Dichterin vergleicht das Kreuz Jesu mit einem Himmelsbogen, der ihren Horizont umspannt und sie überallhin begleitet. Sie empfindet eine tiefe Liebe und Dankbarkeit für das Opfer Jesu und findet in seinem Leiden auf Erden einen Anlass, ihr eigenes Leid in Freude zu verwandeln. Sie ist überzeugt, dass Jesus ihr vorangegangen ist und sie daher keine Angst vor den Dornen auf ihrem Lebensweg haben muss. Die Dichterin sehnt sich danach, von ihrer irdischen Hülle befreit zu werden, um ganz bei Jesus zu sein. Sie übt sich in Geduld und vertraut darauf, dass Gott ihr in ihrer Not beistehen wird. Sie ist bereit, ihren Willen dem Willen Jesu unterzuordnen und findet ihre größte Freude darin, seine Gebote zu erfüllen. Das Gedicht endet mit der festen Überzeugung, dass nichts sie von der Liebe Jesu trennen kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Daß nichts mich kann von Jesu scheiden, / Von seiner Liebe keine Macht
- Apostrophe
- O süßes Kreuz, laß dich umfangen
- Bildsprache
- Im Lichte steht die ganze Welt
- Parallelismus
- Wenn er mir bleibt, was kann mir fehlen? / Wenn er mich labt, was kann mich quälen?
- Personifikation
- Wohin ich schau, da steht es schon