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Liebe vergrössert sich, wie ein gewelzter Schnee-ball

Von

1.

Ich wil euch Wunder-Dinge sagen,
wie sich die Liebe pflegt zujagen
und wächset jeden Augen-wink.
Indehm sie wie ein Steubchen scheinet,
wird sie ein Berg, eh man es meinet.
Ist dieses nicht ein Wunder-ding?

2.

Sobald die Jungfer wird gesehen,
pflegt man ihr künstlich nachzugehen.
Kein einig Blikkchen streichet fort,
daß man sie listig zu bewegen,
nicht alles Orts ihr geh entgegen
und wechsel Lieb′ und Liebes-wort′.

3.

Auff Rede folget Wieder-rede.
kein Weibes-bild ist je so blöde,
die auff den Gruß nicht danken solt′.
Alsdenn (hält ja die Zunge feste)
so tuht ein süsser Blikk das beste,
und zeuget, was das Herz gewollt.

4.

So bald des Buhlers Weis′ und Sitten
der Schämenden Gemüht bestritten,
und nu die Scheu wird schlecht geacht,
denn geht es an ein lieblen, scherzen,
an Hand-Fuß-drukken, küssen, herzen,
So ist der rechte Grund gemacht.

5.

Bald wird man mehr und mehr gemeine.
Man achtet Ehr und Schande kleine.
Das schlechtste heist: Ein Griff in Zucht.
Was ferner folgt, darff ich nicht singen,
es möchte mich in Argwohn bringen,
ich hätt′ es etwa selbst versucht.

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Gedicht: Liebe vergrössert sich, wie ein gewelzter Schnee-ball von Kaspar Stieler

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Liebe vergrössert sich, wie ein gewelzter Schneeball“ von Kaspar Stieler beschreibt auf humorvolle und augenzwinkernde Weise den Prozess der Liebesanbahnung, von der anfänglichen Anziehung bis hin zu einer Entwicklung, die schließlich zu einem Verlust der Scham führt. Es beginnt mit der Feststellung, dass die Liebe wie ein Schneeball anwächst, von einem kleinen Funken zu einem Berg, was sofort die rasante und oft unkontrollierbare Entwicklung der Gefühle andeutet. Die Sprache ist leicht verständlich und bedient sich volkstümlicher Bilder, um die Mechanismen der Liebe anschaulich darzustellen.

Die folgenden Strophen beschreiben die einzelnen Phasen des Eroberungsprozesses. Zuerst wird die Aufmerksamkeit der Angebeteten durch geschicktes Werben geweckt, mit „künstlichem Nachgehen“ und dem Austausch von „Lieb‘ und Liebes-wort“. Dabei werden alle Register der Verführungskunst gezogen, von charmanten Blicken bis hin zu schmeichelhaften Reden. Das Gedicht deutet an, dass die Frau dabei nicht völlig passiv ist, sondern durch ihre Reaktionen zum Spiel beiträgt.

Die dritte Strophe hebt hervor, dass die anschließende Kommunikation mit Worten und Blicken erfolgt. Dabei wird die Zunge gehalten, während ein „süßer Blikk“ das Herz sprechen lässt. Der Übergang von der verbalen zur nonverbalen Kommunikation, von Worten zu Gesten und schließlich zu körperlicher Nähe wird angedeutet. Es folgt die vierte Strophe, die den Punkt beschreibt, an dem die anfängliche Scheu überwunden und die intimen Grenzen überschritten werden. Der „rechte Grund“ ist gemacht, und es beginnt die Phase des „lieblen, scherzen, an Hand-Fuß-drukken, küssen, herzen“.

Die letzte Strophe deutet jedoch auf eine mögliche negative Wendung hin. Hier werden Ehr und Scham als weniger wichtig erachtet. Das Gedicht impliziert, dass diese rasante Entwicklung zu einer Überschreitung der Grenzen führen kann. Durch die vage Andeutung der weiteren Folgen, die der Autor nicht singen möchte, wird die Vorstellungskraft des Lesers angeregt und die Botschaft verstärkt, dass die Liebe, wenn sie ungezügelt wächst, zu einem Verlust von moralischen Werten und möglicherweise zu unangenehmen Konsequenzen führen kann. Die letzte Zeile, in der der Autor behauptet, er habe es vielleicht selbst ausprobiert, fügt dem Gedicht eine zusätzliche spielerische Ebene hinzu, die die Ernsthaftigkeit der Warnung abschwächt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.