Liebe vergrössert sich, wie ein gewelzter Schnee-ball

Kaspar Stieler

1660

Ich wil euch Wunder-Dinge sagen, wie sich die Liebe pflegt zujagen und wächset jeden Augen-wink. Indehm sie wie ein Steubchen scheinet, wird sie ein Berg, eh man es meinet. Ist dieses nicht ein Wunder-ding?

Sobald die Jungfer wird gesehen, pflegt man ihr künstlich nachzugehen. Kein einig Blikkchen streichet fort, daß man sie listig zu bewegen, nicht alles Orts ihr geh entgegen und wechsel Lieb′ und Liebes-wort′.

Auff Rede folget Wieder-rede. kein Weibes-bild ist je so blöde, die auff den Gruß nicht danken solt′. Alsdenn (hält ja die Zunge feste) so tuht ein süsser Blikk das beste, und zeuget, was das Herz gewollt.

So bald des Buhlers Weis′ und Sitten der Schämenden Gemüht bestritten, und nu die Scheu wird schlecht geacht, denn geht es an ein lieblen, scherzen, an Hand-Fuß-drukken, küssen, herzen, So ist der rechte Grund gemacht.

Bald wird man mehr und mehr gemeine. Man achtet Ehr und Schande kleine. Das schlechtste heist: Ein Griff in Zucht. Was ferner folgt, darff ich nicht singen, es möchte mich in Argwohn bringen, ich hätt′ es etwa selbst versucht.

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Illustration zu Liebe vergrössert sich, wie ein gewelzter Schnee-ball

Interpretation

Das Gedicht "Liebe vergrössert sich, wie ein gewelzter Schnee-ball" von Kaspar Stieler beschreibt die Entwicklung der Liebe von einem kleinen, unscheinbaren Anfang zu einer mächtigen, alles überwältigenden Kraft. Der Autor vergleicht die Liebe mit einem Schneeball, der beim Rollen immer größer wird und am Ende zu einem Berg anwächst. Er schildert, wie die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau entsteht, sich steigert und schließlich in körperliche Intimität mündet. In den ersten beiden Strophen geht es um den Beginn der Liebe. Der Mann sieht eine junge Frau, verfolgt sie und beginnt, mit ihr zu flirten. Er sucht ihre Nähe, tauscht Blicke und Worte mit ihr. In der dritten Strophe kommt es zu einer ersten Annäherung. Der Mann spricht die Frau an, sie erwidert seinen Gruß und zeigt durch einen süßen Blick ihr Interesse. Die Scheu der Frau weicht und die Liebe gewinnt an Fahrt. In den letzten beiden Strophen beschreibt der Autor die Steigerung der Liebe bis zur körperlichen Vereinigung. Die Liebenden werden intimer, küssen und umarmen sich. Sie achten weder auf Anstand noch auf Scham. Der Mann fasst der Frau sogar "in Zucht". Was danach geschieht, lässt der Autor offen. Er deutet an, dass es noch intimer wird, traut sich aber nicht, es direkt auszusprechen, da er fürchtet, man könnte ihn für einen praktizierenden Frevler halten.

Schlüsselwörter

wunder pflegt kein auff rede bald mehr wil

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sobald die Jungfer wird gesehen
Euphemismus
Das schlechtste heist: Ein Griff in Zucht
Hyperbel
wird sie ein Berg, eh man es meinet
Kontrast
Man achtet Ehr und Schande kleine
Metapher
wie sich die Liebe pflegt zujagen und wächset jeden Augen-wink
Parallelismus
an Hand-Fuß-drukken, küssen, herzen
Personifikation
Liebe pflegt zujagen
Rhetorische Frage
Ist dieses nicht ein Wunder-ding?
Vergleich
Indehm sie wie ein Steubchen scheinet, wird sie ein Berg