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Liebe II

Von

1.
Sonette müssen, seit Petrarca sang,
Vom holden Mithrasdienst der Liebe klingen;
Und könnte Jeder wie Petrarca singen,
Nie endete der wonnevollste Klang.

Allein, wie manches Herz, im schönen Drang,
Regt, ach, vergebens allzuzarte Schwingen;
Darf auch das Wort in jene Räume dringen,
In die ein liebendes Gemüth sich schwang?

So weih′ ich denn, statt vieler, dieß Gedicht,
Mit frommer Scheu den Liebenden im Stillen,
Daß sich die laute Welt an sie erinnre;

Und doch! ich irre! sie bedürfen′s nicht,
Und ich vermag′s nicht bei dem reinsten Willen, –
Denn nie zum Aeußern wird das wahrhaft Innre.

2.
Mich hat ein schreckenvoller Traum gepeinigt:
Ich sah dich zwischen eines Sarges Wänden,
Mit kreuzweis auf die Brust gelegten Händen,
Den schönen Leib, zu früh! dem Staub vereinigt.

Doch dieß Gesicht hat mein Erblühn beschleunigt;
Was keine Macht der Welt vermag zu wenden,
Ward mir zum Bild, mein Innres zu vollenden;
Ich fühle mich erschüttert und gereinigt.

Im Sturm der Nächte, in des Mittags Scheine, –
Hab′ ich′s vor mir, das Trauerbild im Schreine, –
Es hat mich eingeweiht zum Sohn der Schmerzen.

Mich dünkt, als ob mich nichts mehr rühren würde,
Denn jenen fürchterlichen Traum im Herzen,
Trag′ ich, wie leicht! des Lebens schwerste Bürde.

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Gedicht: Liebe II von Ernst von Feuchtersleben

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Liebe II“ von Ernst von Feuchtersleben ist eine tiefgründige Reflexion über Liebe, Verlust und die Wirkung von Leid auf das menschliche Gemüt. Es ist in zwei Sonetten verfasst, die jeweils unterschiedliche Aspekte dieses Themas beleuchten. Das erste Sonett thematisiert die Schwierigkeit, die Essenz der Liebe in Worte zu fassen, während das zweite die transformative Kraft des Schmerzes und der Auseinandersetzung mit dem Tod ergründet.

Im ersten Sonett (Strophe 1) wird zunächst die Tradition der Liebeslyrik, insbesondere Petrarca, gewürdigt. Feuchtersleben spielt hier mit der Erwartung, die durch diese lange Tradition geschaffen wurde. Er fragt, ob es möglich ist, die wahre Natur der Liebe in Worte zu fassen, selbst wenn man sich in einem Zustand der Hingabe befindet. Die Formulierung „So weih‘ ich denn, statt vieler, dieß Gedicht, / Mit frommer Scheu den Liebenden im Stillen“ deutet auf eine Demut des Dichters hin, der sich bewusst ist, dass Worte der Liebeserfahrung nicht vollends gerecht werden können. Die Zeile „Denn nie zum Aeußern wird das wahrhaft Innre“ unterstreicht diese Erkenntnis und verdeutlicht, dass die tiefsten Gefühle im Inneren des Menschen verborgen bleiben und nicht durch Worte vollständig erfasst werden können.

Das zweite Sonett stellt einen deutlichen Kontrast dar. Hier wird ein verstörender Traum beschrieben, in dem der Dichter seinen geliebten Menschen in einem Sarg sieht. Dieses schreckliche Bild, der Tod und die Vergänglichkeit, führt zu einer tiefgreifenden Veränderung des Dichters. Der Traum wird zur Quelle einer inneren Reinigung und Stärkung. Die Zeile „Ich fühle mich erschüttert und gereinigt“ zeigt dies deutlich. Durch die Konfrontation mit dem Verlust und dem Schmerz, der durch diese Vision ausgelöst wurde, erfährt der Dichter eine tiefgreifende Transformation. Der Traum wird zu einem Catalyst für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Leben und der eigenen Sterblichkeit.

Das Gedicht endet mit der Aussage, dass der Dichter durch diesen Schmerz so stark geworden ist, dass er kaum noch von anderen Dingen erschüttert werden kann. „Mich dünkt, als ob mich nichts mehr rühren würde, / Denn jenen fürchterlichen Traum im Herzen, / Trag‘ ich, wie leicht! des Lebens schwerste Bürde.“ Die Bürde des Schmerzes wird nun leicht getragen, da die Erfahrung des Verlustes eine neue Perspektive und eine tiefere Erkenntnis ermöglicht hat. Der Dichter scheint sich mit der Erfahrung des Schmerzes versöhnt zu haben, wodurch er eine innere Stärke und Freiheit erlangt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Liebe II“ ein komplexes Gedicht ist, das die Unaussprechlichkeit der Liebe und die transformative Kraft des Verlustes erforscht. Feuchtersleben gelingt es, die widersprüchlichen Emotionen und Erfahrungen, die mit der Liebe und dem Schmerz verbunden sind, in Worte zu fassen und so eine tiefgründige Reflexion über die menschliche Existenz zu schaffen. Das Gedicht ist ein eindringliches Beispiel dafür, wie persönliche Erschütterungen und die Auseinandersetzung mit dem Tod zu tiefer Erkenntnis und innerer Stärke führen können.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.