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Liebe, der Poeten Wezz-stein

Von

1.

Warum ich nur von Lieben
die Blätter voll geschrieben,
warum mein Buch verzärtlet lacht:
möchte einer wundernd fragen.
Drüm will ich selber sagen,
was mich darzu hat angebracht:

2.

Der Feuer-hauch der Musen
hat meinen engen Busen
mit solchen Flammen nicht gerührt.
Apoll ist hier nicht Meister,
nicht Pallas, so die Geister
auff Helikons Gebüsche führt.

3.

Die Lust, die Red′ und Blicke,
der Glieder ihr Geschikke,
und was Rosillen mehr beschönt:
Ihr Wesen, Kleidung, Lachen,
Betrübniß, Schlaf und Wachen
hat mich mit Efeu umgekrönt.

4.

Straks bin ich ein Poete,
wenn ihre Wangen-röhte
im weissem Alabaster blikkt.
Wenn in die göldne Seiten
will ihre Kehle streiten,
so wird′ ich auß mir selbst entzükkt.

5.

Ist wo ihr Leib entblösset:
so bin ich schon beflösset
mit Wasser auß dem Pferde-Guß.
Auff ihr Bewegen, regen,
wächst mir geschwind entgegen
ein Buch, das Troja trozzen muß.

6.

Der mag die Tugend melden
und der die alten Helden
auß Teutschland tragen zu Papier,
der hohe Sachen schreiben:
Ich will die Liebe treiben
und wie Rosille mir komt für.

7.

Der Schiffer schwazzt von Stürmen,
der Krieger praalt von Türmen,
die er so oft erstiegen hat,
der Bauer lobt die Felder,
der Jäger Wild und Wälder,
der Reisender so manche Stat:

8.

Ich bin ein Jungfer-lieber,
die Zunge geht mir über
von dehm, was auß dem Hertzen quillt.
Wer mich hierum will schelten,
der fluche den Gewälten,
die ob uns hat ein Weibes-Bild.

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Gedicht: Liebe, der Poeten Wezz-stein von Kaspar Stieler

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Liebe, der Poeten Wezz-stein“ von Kaspar Stieler ist eine Selbstverortung des Dichters innerhalb der poetischen Landschaft. Es ist eine klare Abgrenzung von konventionellen Themen und eine Bekenntnis zur Liebe als zentralem Sujet. Stieler etabliert sich als Liebhaber, der seine Muse, „Rosille“, in den Mittelpunkt seines Schaffens stellt und die Liebe zum Kern seiner Poesie macht.

Der Dichter grenzt sich in den ersten Strophen von den klassischen Motiven der Musen und der Helden ab. Er betont, dass die Inspiration nicht von Apoll oder Pallas Athena kommt, sondern von der sinnlichen Präsenz Rosilles. Ihre Schönheit, ihre Bewegungen und ihre Emotionen sind es, die den Dichter zu poetischer Hingabe beflügeln. Dies wird besonders in den Strophen 3 und 4 deutlich, wo ihre „Lust, Red′ und Blicke“ und ihre „Wangen-röhte“ eine unmittelbare, fast körperliche Reaktion im Dichter auslösen und ihn in Ekstase versetzen. Die Metapher von der „Efeu-Umkrönung“ unterstreicht dabei die unauflösliche Verbindung zur Geliebten.

Stieler vergleicht seine Thematik mit den traditionellen Themen anderer, um seine eigene Wahl zu rechtfertigen. Er distanziert sich von Themen wie Tugend, Heldentum, Stürmen, Krieg, Landwirtschaft, Jagd und Reisen. Diese Themen, so zeigt der Dichter, sind für andere, für den Schiffer, Krieger, Bauer, Jäger und Reisenden bestimmt. Er, der Jungfer-Lieber, findet seine Erfüllung und seinen Stoff in der Liebe. Diese Abgrenzung von den etablierten Mustern der Dichtung deutet auf ein Selbstbewusstsein und ein Bekenntnis zur Individualität des Dichters hin.

In den letzten Strophen verfestigt der Dichter seine Wahl. Er ist sich seines Themas bewusst und steht dazu. Die „Zunge geht ihm über“, und was aus dem Herzen quillt, soll die Welt durch seine Gedichte erreichen. Wer ihn dafür kritisiert, so Stieler, soll die „Gewälten“ verfluchen, die eine Frau über uns eingesetzt haben. Dies ist eine mutige Aussage, die nicht nur die Liebe als zentrales Thema der Dichtung etabliert, sondern auch die Macht der Frau in dieser Poesie hervorhebt und die Liebe als Quelle und Ursache des Dichtens.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.