Liebe, der Poeten Wezz-stein
1660Warum ich nur von Lieben die Blätter voll geschrieben, warum mein Buch verzärtlet lacht: möchte einer wundernd fragen. Drüm will ich selber sagen, was mich darzu hat angebracht:
Der Feuer-hauch der Musen hat meinen engen Busen mit solchen Flammen nicht gerührt. Apoll ist hier nicht Meister, nicht Pallas, so die Geister auff Helikons Gebüsche führt.
Die Lust, die Red′ und Blicke, der Glieder ihr Geschikke, und was Rosillen mehr beschönt: Ihr Wesen, Kleidung, Lachen, Betrübniß, Schlaf und Wachen hat mich mit Efeu umgekrönt.
Straks bin ich ein Poete, wenn ihre Wangen-röhte im weissem Alabaster blikkt. Wenn in die göldne Seiten will ihre Kehle streiten, so wird′ ich auß mir selbst entzükkt.
Ist wo ihr Leib entblösset: so bin ich schon beflösset mit Wasser auß dem Pferde-Guß. Auff ihr Bewegen, regen, wächst mir geschwind entgegen ein Buch, das Troja trozzen muß.
Der mag die Tugend melden und der die alten Helden auß Teutschland tragen zu Papier, der hohe Sachen schreiben: Ich will die Liebe treiben und wie Rosille mir komt für.
Der Schiffer schwazzt von Stürmen, der Krieger praalt von Türmen, die er so oft erstiegen hat, der Bauer lobt die Felder, der Jäger Wild und Wälder, der Reisender so manche Stat:
Ich bin ein Jungfer-lieber, die Zunge geht mir über von dehm, was auß dem Hertzen quillt. Wer mich hierum will schelten, der fluche den Gewälten, die ob uns hat ein Weibes-Bild.
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Interpretation
Das Gedicht "Liebe, der Poeten Wezz-stein" von Kaspar Stieler ist eine humorvolle und selbstironische Auseinandersetzung mit dem Thema Liebe und der Rolle des Dichters. Der Autor erklärt, warum er in seinen Werken ausschließlich von der Liebe handelt, und stellt dies als eine Art poetisches Schicksal dar, das ihn unabhängig von den klassischen Musen und Vorbildern der Dichtkunst erfasst hat. Stieler betont, dass er nicht von den traditionellen Inspirationsquellen der Dichtkunst, wie dem Feuerhauch der Musen oder der Führung durch Apoll und Pallas, beeinflusst wird. Stattdessen wird er von der Liebe und der Schönheit einer Frau namens Rosille angetrieben. Die Lust, die Reden, die Blicke und die körperlichen Reize dieser Frau haben ihn mit einem poetischen Eifer erfüllt, der ihn zu einem Poeten macht. Das Gedicht beschreibt, wie die bloße Anwesenheit und das Aussehen der geliebten Frau den Dichter in einen Zustand der poetischen Ekstase versetzt. Ihre Wangenröte, ihr Hals und ihr entblößter Körper dienen als Auslöser für seine kreativen Impulse. Stieler vergleicht sich mit anderen Berufsgruppen, die von ihren eigenen Erfahrungen und Leidenschaften erzählen, und positioniert sich als ein "Jungfer-lieber", der von der Liebe zu einer Frau getrieben wird. Abschließend verteidigt Stieler seine Fokussierung auf die Liebe gegen mögliche Kritiker. Er weist darauf hin, dass es die "Gewälten" (vermutlich eine Anspielung auf höhere Mächte oder das Schicksal) sind, die ihm ein "Weibes-Bild" (das Bild einer Frau) auferlegt haben, das ihn zu diesem Thema inspiriert. Das Gedicht ist somit eine humorvolle Rechtfertigung des lyrischen Ichs für seine Beschäftigung mit der Liebe und eine spielerische Umkehrung der traditionellen poetischen Ideale.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- [Liebe, der Poeten Wezz-stein der Poete wer die Tugend melden]
- Bildsprache
- [Die Lust, die Red' und Blicke, der Glieder ihr Geschikke, und was Rosillen mehr beschönt: Ihr Wesen, Kleidung, Lachen, Betrübniß, Schlaf und Wachen]
- Hyperbel
- [wird ich auß mir selbst entzükkt ein Buch, das Troja trozzen muß]
- Kontrast
- [Der mag die Tugend melden und der die alten Helden auß Teutschland tragen zu Papier, der hohe Sachen schreiben: Ich will die Liebe treiben und wie Rosille mir komt für]
- Metapher
- [Warum ich nur von Lieben die Blätter voll geschrieben Der Feuer-hauch der Musen hat meinen engen Busen mit solchen Flammen nicht gerührt hat mich mit Efeu umgekrönt wenn ihre Wangen-röhte im weissem Alabaster blikkt so bin ich schon beflösset mit Wasser auß dem Pferde-Guß]
- Personifikation
- [Apoll ist hier nicht Meister, nicht Pallas, so die Geister auff Helikons Gebüsche führt]