Liebe
1756O weh und aber weh dem Mann, Der Schönes nicht auf Erden liebt, Sich keines Dings erfreuen kann, Sein volles Herz an keins ergiebt! O wehe, wer sich nie vereint Mit Wies′ und Quell und Blüthenast, Sein Mädchen auch und seinen Freund Mit halber Seele nur umfaßt!
Und wieder wehe, weh dem Mann, Den Liebe zieht, den Liebe drängt! Der Schönes sucht, und fest daran Sein ganzes Herz auf immer hängt! Wenn Erd′ es trägt, verschwindets bald. Der Blüthenast am Quell verdirbt: Im Freundesbusen wird es kalt; Und ach! das treue Mädchen stirbt.
Mag lieben denn, mag lieben nicht! O weh und aber wehe mir! In Liebe strahlt das Sonnenlicht, Und fällt auf lauter Gräber hier. Was einst ich an mein Herz gedrückt, Ist Asche nun und Todtenbein; Es sank, wo ich die Gruft geschmückt; Ihm sinket nach der Leichenstein.
Wohin, wohin? Denn Lieb′ ist Noth, Und Alles wankt, und Alles weicht; Gebohren wird′s und geht in Tod: Wohin, so weit der Himmel reicht? Zu dir hinauf, du Gotteskraft, Die Baum und Wiesenquell erneut, Ohn′ Ende wirkt, ohn′ Ende schafft, Und noch das Grab voll Blumen streut!
O du, dein Athem ists allein, Der allen Staub lebendig weht; Du gabst den Sternen ihren Schein, Und bleibst, wenn Erd und Meer vergeht. Zu dir hinauf erhebe mich, Zu deiner unsichtbaren Welt! Da lebt und liebt′s, und ewiglich Wird bleiben, was an dir sich hält.
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Interpretation
Das Gedicht "Liebe" von Johann Georg Jacobi thematisiert die Ambivalenz und den Schmerz, der mit der Liebe einhergeht. Der erste Teil beschreibt das Leid desjenigen, der nicht lieben kann und sich an nichts erfreuen kann. Im Gegensatz dazu steht der zweite Teil, der das Leid desjenigen beschreibt, der liebt und dadurch leidet, da die geliebten Dinge vergänglich sind. Der dritte Teil verdeutlicht die Sinnlosigkeit und den Schmerz der Liebe, da alles, was einst geliebt wurde, nun zu Asche und Tod geworden ist. Die Liebe strahlt zwar wie das Sonnenlicht, fällt aber auf Gräber. Der Sprecher ist hin- und hergerissen zwischen der Liebe und dem Schmerz, den sie verursacht. Im vierten Teil sucht der Sprecher nach einem Ausweg aus diesem Dilemma. Er erkennt, dass die Liebe ein notwendiger Teil des Lebens ist, aber auch, dass alles vergänglich ist. Er wendet sich an Gott und bittet darum, zu ihm erhoben zu werden, in seine unsichtbare Welt, wo ewiges Leben und Liebe herrschen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildlichkeit
- Der Blüthenast am Quell verdirbt
- Hyperbel
- Sein volles Herz an keins ergiebt
- Metapher
- Zu dir hinauf erhebe mich, Zu deiner unsichtbaren Welt
- Personifikation
- In Liebe strahlt das Sonnenlicht
- Rhetorische Frage
- Wohin, wohin? Denn Lieb′ ist Noth