Liebe

Heinrich Christian Boie

1760

Süße Liebe! Morgenrosen Athmen reiner nicht den Duft, Sanfter ihnen liebzukosen Fächelt Zephyr nicht die Luft. Voller nicht aus krausem Laube Reizt den Durst die Nektartraube, Nicht so labt der Regen dürres Feld, Als Ihr Reiz, der mich gefangen hält.

Treuer lenkt des Schiffers Nadel Nicht gen Norden seine Fahrt, Fester trotzet Herzensadel Nicht gefahren jeder Art. Sichrer fallen nicht und schwellen Dir o Mond die Meereswellen, Als von Schicksalstürmen ungekränkt Nur die Liebe meinen Wandel lenkt.

Junger Klee erfreut die Lämmer, Bienen süßer Thymian, Durch des Buchenhains Gedämmer Folgt ein Hirsch der Hindin Bahn. Wo des Baches Erlen schatten, Lockt die Nachtigall den Gatten, Sie gehorchen einem innern Ruf, Ich der Liebe, die Ihr Zauber schuf.

Wandelbar in stetem Kreise Rollt der Jahreszeiten Lauf, Aus zergangnem Wintereise Blühn des Lenzes Glocken auf. Was der Sommer reift und rötet, Sinkt vom falben Herbst getödtet; Liebe haßt den Wechsel der Natur, Unverwelklich lacht ihr Frühling nur.

Wie ein Säuseln über Halmen Beugt die Zeit der Cedern Stolz, Marmortempel zu zermalmen Droht ihr Zahn gleich dürrem Holz. Doch wenn jede Kraft ihr weichet, Felsen sie dem Boden gleichet, Alles unter ihrem Fußtritt schwankt, Hat selbst ihr doch Liebe nicht gewankt.

Einzig nur aus diesem Leben Kann des Todes linde Hand, Blutet gleich das Herz, sie heben In ihr beßres Vaterland. Wo bei Seelen, die hienieden Lebten liebten litten schieden, Sie des Erdenglücks kaum mehr gedenkt Und kein Jammer unsrer Welt sie kränkt.

Liebe wie die Seel’ entstammet Einem Himmel, Gottes Hauch, Eines Schöpfers Odem flammet In den Zwillingsschwestern auch. Dort am Born der Seligkeiten Huldigen, wann nun der Zeiten Und des Todes lezter Ruf verhallt, Reine Geister ihrer Allgewalt.

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Illustration zu Liebe

Interpretation

Das Gedicht "Liebe" von Heinrich Christian Boie ist eine tiefgründige und lyrische Betrachtung der Liebe, die als eine unsterbliche und göttliche Kraft dargestellt wird. In den ersten Strophen vergleicht der Dichter die Liebe mit der Reinheit und Süße der Morgenrosen, dem sanften Hauch des Zephyrs und der erfrischenden Nektar der Trauben. Diese Naturbilder dienen dazu, die Reinheit und Unvergleichlichkeit der Liebe zu unterstreichen, die den Dichter gefangen hält. In den folgenden Strophen wird die Liebe als ein fester Kompass im Leben des Dichters dargestellt, ähnlich wie die Nadel eines Schiffers, die sicher nach Norden weist. Die Liebe wird als unerschütterlich und unempfindlich gegenüber den Gefahren des Lebens beschrieben, die selbst die stärksten Stürme übersteht. Der Dichter zieht Parallelen zur Natur, wo Tiere instinktiv der Liebe folgen, um die natürliche und innere Anziehungskraft der Liebe zu betonen. Das Gedicht schließt mit einer Reflexion über die Ewigkeit der Liebe, die im Gegensatz zur Vergänglichkeit der Natur steht. Während die Jahreszeiten wechseln und die Zeit alles verändert, bleibt die Liebe konstant und unverwelklich. Der Dichter sieht die Liebe als göttlichen Ursprungs an, vergleichbar mit der Seele, die aus dem Himmel stammt. Am Ende des Lebens verspricht die Liebe eine ewige Vereinigung im Jenseits, wo die reinen Geister der Liebe huldigen.

Schlüsselwörter

liebe lenkt ruf gleich todes süße morgenrosen athmen

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
Droht ihr Zahn gleich dürrem Holz
Metapher
Dort am Born der Seligkeiten
Personifikation
Eines Schöpfers Odem flammet
Vergleich
Reine Geister ihrer Allgewalt