Liebchen am Morgen

Gottfried Keller

1819

Die Sonne fährt durchs Morgentor Goldfunkelnd über den Bergen, Und wie zwei Veilchen im frühen Mai, Zwei blaue Augen klar und frei, Die lachen auf ihren Wegen Geöffnet ihr entgegen.

Glück auf, mein Liebchen ist erwacht Mit purpurroten Wangen! Ihr Fenster glitzert im Morgenstrahl Und alle Blumen in Garten und Tal Erwarten sie mit Sehnen, Die Äuglein voller Tränen.

Es ist nichts Schöneres in der Welt, Als diese grüne Erde, Wenn man darauf ein Schätzlein hat, Das still und innig, früh und spat, Für einen lebt und blühet, Ein heimlich Feuerlein, glühet.

Hallo, du später Jägersmann, Was reibst du deine Augen? Ich hab′ die ganze Nacht geschwärmt Und mich am Mondenschein gewärmt Und steige frisch und munter Vom hohen Berg herunter.

Mein Mädchen durch den Garten geht Und singt halblaute Weisen; Mich dünkt, ich kenne der Lieder Ton, Was gilt′s, ich habe sie alle schon Heut nacht dort oben gesungen! Sie sind herüber geklungen.

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Illustration zu Liebchen am Morgen

Interpretation

Das Gedicht "Liebchen am Morgen" von Gottfried Keller beschreibt die Freude und Erwartung eines jungen Mannes, der am Morgen erwacht und an seine Geliebte denkt. Das Gedicht ist in fünf Strophen gegliedert, die jeweils einen anderen Aspekt der morgendlichen Szenerie und der Gefühle des lyrischen Ichs beleuchten. Die erste Strophe schildert den Sonnenaufgang und die Reaktion der Geliebten darauf. Die Sonne wird als "Goldfunkelnd" beschrieben und ihre Strahlen als "Veilchen" verglichen, die die "blauen Augen" der Geliebten zum Leuchten bringen. Die Augen werden als "klar und frei" beschrieben und scheinen die Sonne mit einem Lachen zu begrüßen. Die zweite Strophe konzentriert sich auf das Erwachen der Geliebten. Sie wird als "Glück auf" beschrieben und ihr Gesicht als "purpurrot" vor Aufregung. Das Fenster ihrer Wohnung wird als "glitzernd" im Morgenlicht beschrieben und die Blumen im Garten und Tal werden als "sehnend" auf ihre Ankunft wartend dargestellt. Die dritte Strophe reflektiert über die Schönheit der Welt und die Freude, die das lyrische Ich empfindet, wenn es an seine Geliebte denkt. Die Welt wird als "grüne Erde" beschrieben und die Geliebte als "Schätzlein", das "still und innig" für das lyrische Ich lebt und blüht. Die Liebe wird als "heimlich Feuerlein" beschrieben, das in der Brust des lyrischen Ichs glüht. Die vierte Strophe wendet sich an einen "späten Jägersmann" und fragt ihn, warum er seine Augen reibt. Das lyrische Ich gibt an, die ganze Nacht "geschwärmt" und sich am "Mondenschein gewärmt" zu haben. Es steigt nun "frisch und munter" vom Berg herab, um seine Geliebte zu treffen. Die fünfte und letzte Strophe beschreibt, wie die Geliebte durch den Garten geht und "halblaute Weisen" singt. Das lyrische Ich glaubt, die Lieder zu erkennen und gibt an, sie in der Nacht zuvor gesungen zu haben. Die Lieder sind nun "herüber geklungen" und das lyrische Ich ist glücklich, dass seine Geliebte sie hören kann.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Glück auf, mein Liebchen ist erwacht
Anrede
Hallo, du später Jägersmann
Metapher
Sie sind herüber geklungen
Personifikation
Und alle Blumen in Garten und Tal Erwarten sie mit Sehnen
Vergleich
Mich dünkt, ich kenne der Lieder Ton