Licht und Schatten
1806Wenn sich der Äther erhebt in hoher heiliger Klarheit, wenn sich ein fließendes Gold über die Erde ergießt, und vor dem strahlenden Gott die Schatten leise zerrinnen, freu’t sich der blendende Glanz und das allmächtige Licht. Aber bezaubernder, Freund, erscheint dir die liebliche Gegend - denn dich freut der Contrast und der gemäßigte Glanz - wenn die Wolke sich hebt und wechselnd auf Thäler und Dörfchen, Tannenwälder und Seen dunkle Schattirungen streut, oder der silberne Mond am Berge freundlich hervorsteigt, und der Schatten des Berg’s tief in die Thäler sich senkt. O, wie die Höhen sich dann in heiligem Schimmer verklären; wie das freundliche Licht heller den Schatten besäumt! - Und doch klagtest du jüngst, dein trauriges Schicksal beweinend, wie des Lebens Gefild’ oft, ach! so dunkel dir sey; wie auf der Stellen geliebtester dämmernd ein Schatten sich lagre, oft, nach dem lieblichsten Tag, schwarz dich umgebe die Nacht. Wechsel vergnügt dein Gemüth; es freuet der Wechsel uns alle: freue dich, Glücklicher, doch, daß du nicht glücklicher bist.
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Interpretation
Das Gedicht "Licht und Schatten" von Sophie Friederike Brentano beschäftigt sich mit dem Kontrast zwischen Licht und Dunkelheit und dessen Auswirkungen auf die menschliche Wahrnehmung und das Gemüt. Die Dichterin vergleicht die Natur mit dem Leben und zeigt auf, dass der Wechsel zwischen Licht und Schatten, zwischen Glück und Unglück, eine wesentliche Rolle spielt. Im ersten Teil des Gedichts wird die Schönheit des Lichts und seine überwältigende Wirkung auf die Umgebung beschrieben. Der Äther erhebt sich in "hoher heiliger Klarheit" und ergießt sich wie fließendes Gold über die Erde. Die Schatten zerrinnen vor dem "strahlenden Gott", und das Licht erfreut sich seiner eigenen blendenden Pracht. Doch die Dichterin betont, dass der Anblick der Landschaft, wenn sich Wolken heben und abwechselnd Schatten auf Täler, Dörfer, Tannenwälder und Seen werfen, noch bezaubernder erscheint. Der Kontrast zwischen Licht und Schatten, das Spiel von Helligkeit und Dunkelheit, macht die Landschaft für den Betrachter besonders anziehend. Im zweiten Teil des Gedichts wendet sich die Dichterin direkt an den Leser, der sich über sein trauriges Schicksal beklagt hat. Sie vergleicht das Leben mit einem Feld, das oft dunkel erscheint, und die Schatten, die sich auf den geliebtesten Stellen lagern. Doch die Dichterin ermutigt den Leser, sein Gemüt zu wechseln und sich über den Wechsel an sich zu freuen. Sie schließt mit den Worten "freue dich, Glücklicher, doch, daß du nicht glücklicher bist", was darauf hindeutet, dass man auch in schwierigen Zeiten dankbar sein sollte, da das Leben aus Höhen und Tiefen besteht und der Wechsel zwischen ihnen das Leben erst interessant macht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Fließendes Gold über die Erde ergießt
- Hyperbel
- Allmächtiges Licht
- Kontrast
- Glücklicher, doch, daß du nicht glücklicher bist
- Metapher
- Lebens Gefild'
- Personifikation
- Schwarz dich umgebe die Nacht
- Symbolik
- Silberner Mond am Berge freundlich hervorsteigt