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Letztes Lied aus Capri

Von

Capri werde mir stets der Edelsteine
Wundervollster genannt, den Vater Ocean
Mit der Wogen Azur umfängt; kein Eiland
Sei ihm gleich, ob′s mit Weinlaub Bacchus kränze,
Ob′s in furchtbarem Fels der Vorwelt Schreckniß,
Den Gedanken der Einsamkeit und deine
Werkstatt, Mutter Natur, im Schooß verberge,
Blüthenweckender Hauch des Westes oder
Sturm das Haupt ihm umweht, ob′s Sitt′ und Unschuld
Stillen Fischern, ein Greuel der Geschichte,
Künft′gen Zeiten zum Graun geweiht: mein Eiland
Bist du.
Möge kein Frühling mir verblühen,
Wo dein himmlischer Strand den Gast nicht aufnimmt,
Nicht den Gast, denn Vertrauter, Kind und Liebling
Bin ich dir; mich erkennet Haus und Garten,
Palm′ und Feige, mich Fels und Fischerhütte,
Mich der Mensch, die Natur; die falsche Meerfluth
Ist′s allein, die den Kehrenden nicht kennet.
So auch, was ich geliebt, gethan hienieden,
Bleibt mir treu ins beständ′ge Herz gewurzelt;
Mag das wechselnde Schicksal jede Stunde
Die vergängliche Well′ im Sturm und Brandung
Rauschend treiben zum Fels; beharrlich steht er.

Wo am schönsten erscheinst du mir, o Eiland?
Ist′s, wo Reben, des Geistes voll, den Abhang,
Schöpferinnen verweg′ner Kraft, mir aufblühn,
Und die holdere Sonne sie durchglühet,
Wie ein besseres Herz die Liebe? Morgens
Gern aus Garten und Weinberg seh ich träumend
Schimmern Golf und Vesuv und Kap und Inseln,
Ueber Ischia weg, wo weit im Norden,
Fast dem Himmel vermählt, der Circe zaubrisch
Vorgebirge mich lange täuscht, ob′s Nebel
Oder Wirkliches ist. Dem Schmerz erscheinet
So vergangenes Glück. Vergieb der Sehnsucht
Dieses Herzens, ich denke Roms.
Doch ewig,
Strand der Einsamkeit, auserwählet seist du,
Wo schreckhaft in des Südmeers wilde Brandung
Niedergraut des Solaro Fels, dem Vogel
Kahle, wolkenumrauschte Wohnung. Menschen
Trifft mein Auge hier nicht, dem Oceane
Preis gegeben, erscheint die Welt, in Trümmer
Liegt zersplittert der Fels, doch nur am Fuße,
Dem jäh starrend erhebt sein stolzes Haupt sich
Und den Scheitel bekrönt die kühne Burg ihm,
Unten aber umtost, vom Schaum des Meeres
Ruht das Einsamste, was sich Schmerz und Schwermuth
Menschenfeindliche, je geträumt, die Hütte.
Fels nur scheint sie, doch Trepp′ und Thüre seh′ ich,
Und die Sonne des Mittags trocknet Netze
Da und dort auf dem Kies, auf ödem Felsblock.
Nicht Trinakria scheint, nicht Lybien′s Küste,
Jene Wildniß des Meeres zu verbergen,
Wo das Auge verirrt, kein Grün am Strande,
Hoch nur sproßt aus dem Spalt′ die ind′sche Feige;
Himmel zeigt dir und Meer unübersehbar
Das Unendliche hier.
Gepriesen seid mir,
Kühne Sieger des Elements, o Schiffer!
Fast am Grab′ der Natur, der Menschheit steh′ ich;
Und von meinem Geschlecht allein noch übrig
Dünke ich mich der Letzte noch zu sterben;
Unvermeidlich erschien es mir, doch find′ ich
Ueber′m Rücken des Felsens euch, o Fischer,
Und das schaudernde Herz fühl′ ich beruhigt;
In Verbannung nur wähn′ ich mich: doch süß ist
Solcher Einsamkeit selbsterkorne Stille.
Nicht verlangt mich′s den blauen Golf hinüber,
Und die dämmernde Stadt, die ihm entglänzet,
Zaubert nicht bis zum stillen Eiland; oft nur
Seh′ ich lange hinein den Wasserspiegel
Hoch herab mit der Bangigkeit der Liebe,
Bis ein Segel im Sonnenlicht erschimmert;
Süße Angst und verhohl′ne Zweifel fesseln
Auf das schwankende Schiff den Blick, ob treulich
Einen Brief mir von Rom das Liebchen sende.

Flügel wünsch′ ich mir dann. Das träge Ruder
Legt zur Seite; der Gott der Winde schicke
Mir von Osten den frischen Hauch, die Worte
Der Entfernten in Eile mir zu bringen.
Kummervoll, wie das engbeschränkte Leben,
Ist im Reiche Neptuns der Weg, wenn mühsam
Ihn das Schiffchen im Ruderschlag durchstrebet;
Aber Wonne, wenn Wind die Segel schwellet,
Wenn′s den rauschenden Pfad hinfliegt; dem Genius
Gleicht′s alsdann den Begeisterung ergriffen.

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Gedicht: Letztes Lied aus Capri von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Letztes Lied aus Capri“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine tiefgründige Reflexion über Einsamkeit, Sehnsucht, Liebe und die Beziehung zur Natur. Das lyrische Ich, das sich auf der Insel Capri befindet, drückt seine tiefe Verbundenheit mit der Insel aus, die für ihn mehr als nur ein Ort ist – sie ist seine Heimat, sein Zufluchtsort und sein Spiegelbild. Das Gedicht ist geprägt von einer melancholischen Grundstimmung, die durch die Beschreibungen der Landschaft und die inneren Konflikte des lyrischen Ichs erzeugt wird.

Die ersten Strophen des Gedichts etablieren die zentrale Rolle Capris als Mittelpunkt der Welt des lyrischen Ichs. Die Insel wird als „Edelstein“ und als „Kind“ des Meeres bezeichnet, was die tiefe emotionale Bindung unterstreicht. Die Natur wird personifiziert und als „Mutter“ bezeichnet, was die innige Beziehung des lyrischen Ichs zur Insel und zur Natur weiter verdeutlicht. Die Beschreibungen der Landschaft, von den Weinbergen bis zu den felsigen Klippen, schaffen ein lebendiges Bild der Schönheit Capris, das gleichzeitig von einer tiefen Einsamkeit durchdrungen ist.

Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach der Ferne, nach Rom, spürbar. Die Sehnsucht nach der Geliebten in Rom mischt sich mit der Sehnsucht nach dem Gefühl der Geborgenheit, das die Insel bietet. Dies führt zu einem inneren Zwiespalt, der durch die Kontraste zwischen der idyllischen Natur Capris und der Sehnsucht nach Liebe und Gemeinschaft verstärkt wird. Das lyrische Ich sehnt sich nach Kommunikation, nach der Möglichkeit, Briefe von der Geliebten zu empfangen und nach der Freiheit, sich frei bewegen zu können. Die Metapher des „trägigen Ruders“ im Gegensatz zu dem „Wind, der die Segel schwellt“, unterstreicht diesen Wunsch nach einem schnellen und unbeschwerten Weg.

Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Akzeptanz und der Hoffnung. Trotz der Sehnsucht nach der Ferne und der Einsamkeit findet das lyrische Ich Trost in der Natur und in der Erinnerung an die Liebe. Das Gefühl der Einsamkeit wird durch die Begegnung mit den Fischern gemildert, die die Verbundenheit des lyrischen Ichs mit der Welt symbolisieren. Die abschließenden Zeilen deuten auf eine innere Freiheit und die Fähigkeit, trotz aller Schwierigkeiten und Sehnsüchte ein erfülltes Leben zu führen, hin. Die Natur, insbesondere die Elemente Meer und Wind, werden als Quelle der Inspiration und der Hoffnung gesehen, die das lyrische Ich dazu befähigen, seine innere Balance zu finden.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.